• Startseite
  • Wirtschaft
  • Krise, Kurzarbeit – und Kündigung? Wenn ein Virus den Arbeitsmarkt infiziert

Krise, Kurzarbeit – und Kündigung? Wenn ein Virus den Arbeitsmarkt infiziert

  • Die Inzidenzwerte sind vielerorts in Deutschland im einstelligen Bereich angekommen, die Politik lockert ihre Corona-Maßnahmen und auch die Wirtschaft erwartet eine Erholung.
  • Doch für viele Unternehmen ist die Krise noch immer spürbar.
  • Viele Jobs sind jetzt Geschichte, außerdem herrscht Fachkräftemangel.
|
Anzeige
Anzeige

Berlin. Die Corona-Pandemie hat für viele eine Menge verändert – für Anike Behre sogar den Beruf. Die 26-Jährige arbeitete als Friseurmeisterin in Hannover. Im Laufe der Krise sah sie sich zur Umorientierung gezwungen. Als sie in Kurzarbeit gehen musste, bekam sie nur noch 60 Prozent ihres Gehalts. „Das war für uns alle eine schwierige Zeit, vor allem weil das Geld sonst schon knapp war in der Branche“, sagt die junge Frau.

Behre ging auf Jobsuche, seit Frühling dieses Jahres arbeitet sie als Brandmanagerin in einem Büro. „Ich bin sehr glücklich, erfahre viel Wertschätzung.“ Und der neue Job sei krisenfester. „Ich habe das Gefühl, Corona hat viele Leute zum Nachdenken gebracht“, sagt die jetzt ehemalige Friseurmeisterin. In ihrem Umfeld kenne sie einige, die sich umschulen ließen, auch, weil das Kurzarbeitergeld irgendwann nicht mehr gereicht hat.

Anike Behre ist 26 Jahre alt und gelernte Friseurmeisterin. Im Zuge der Corona-Krise hat sie sich dazu entschlossen, sich beruflich umzuorientieren. © Quelle: Anike Behre
Anzeige

Für Beschäftigte kann eine berufliche Neuorientierung ein Glücksfall sein, für betroffene Branchen ist sie eine Katastrophe – zumindest, wenn die Abwanderung in großem Stil passiert. Jetzt, wo die Konjunktur wieder anzieht, fehlen plötzlich die Fachkräfte. Das trifft vor allem Branchen, in denen Kurzarbeit weit verbreitet war und das Lohnniveau niedrig: Tourismus, Gastronomie, Einzelhandel, Dienstleistungsgewerbe.

Minijobs erwiesen sich in der Krise als unsicher

Und nicht nur Unternehmen spüren die Auswirkungen der Krise. Hart haben die Umstände auch viele Minijobberinnen und Minijobber getroffen: Laut einer am Mittwoch veröffentlichten Studie der Bertelsmann Stiftung haben 900.000 von ihnen im Zuge der Pandemie ihre Anstellung verloren – ohne Anspruch auf Kurzarbeiter- oder Arbeitslosengeld.

Die Pandemie und wir Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise ‒ jeden Donnerstag.
Anzeige

Denn wer bis zu 450 Euro im Monat verdient, zahlt bislang keine Sozialabgaben, ist damit aber auch nicht versichert, wenn es zur Kündigung kommt. Die Autoren der Studie fordern deshalb eine Reform der Minijobs. Ziel ist, dass die meisten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer künftig ab dem ersten Euro in die Sozialversicherung einzahlen.

„Die heutigen Minijobs müssen so reformiert werden, dass sich mehr Arbeit auch für alle lohnt“, sagte Stiftungsvorstand Jörg Dräger. Nur für Jugendliche, Studierende oder Rentnerinnen und Rentner, die einen Nebenerwerb suchen, soll es nach Drägers Vorschlag noch Minijobs geben.

Anzeige

Aushilfen und Gelegenheitsjobber traf die Pandemie besonders hart, wer sozialversicherungspflichtig beschäftigt war, hatte meist Glück – wobei mit zunehmender Lockdowndauer auch unter ihnen die Zahl derer stieg, die sich anderweitig umschauten.

Beispiel Gastronomie: Rund 1,1 Millionen Menschen waren vor der Corona-Krise nach Angaben des Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga in einem sozialversicherungspflichtigen Job im Gastgewerbe beschäftigt. „Im Zuge der Lockdownmaßnahmen war über die Hälfte von ihnen in Kurzarbeit“, sagte Stefan Sauer vom Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Im Schnitt sei die Arbeitszeit dieser Beschäftigten um etwa 80 Prozent verringert worden – zum Teil ohne Auswirkungen auf das Gehalt.

Anzeige

Eine Zeit lang ging das gut. „Je länger der Lockdown andauerte, desto mehr Beschäftigte wanderten in andere Branchen oder gar in Betriebe ins benachbarte Ausland ab“, sagt Dehoga-Geschäftsführerin Ingrid Hartges. Auch, weil Betriebe ganz aufgegeben haben.

„Aufseiten der Arbeitgeber war festzustellen, dass zum Beispiel ältere Unternehmerinnen und Unternehmer das Risiko nicht mehr eingehen wollten, die finanziellen Rücklagen für ihre Altersvorsorge in die Betriebe zu investieren.“ Den aktuellen Zahlen nach belief sich der Rückgang der Arbeitnehmerinnen und -nehmer in der Branche im März im Vergleich zum Vorjahresmonat auf etwa 11,6 Prozent. 124.399 Arbeitsplätze sind demnach verloren gegangen.

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass es die meisten Branchen in Deutschland geschafft haben, ihren Personalbestand durch die Krise zu bringen. Der wichtigste Grund dafür war das Kurzarbeitergeld. „Es war und ist auch weiterhin ein bedeutendes Instrument, um viele Jobs zu erhalten“, bilanziert Ifo-Forscher Sauer. Im April 2020, dem am stärksten betroffenen Monat, verhalf es nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit insgesamt knapp sechs Millionen Beschäftigten zu finanzieller Sicherheit. Zuletzt, also im März 2021, belief sich die Zahl der Kurzarbeitenden auf 2,61 Millionen.

Anzeige

Fachkräftemangel bleibt in Deutschland präsent

Der Fachkräftemangel ist längst wieder ein Thema – auch in den Branchen, die ihre Beschäftigten halten konnten. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Pandemie die Zuwanderung junger Fachleute aus anderen EU-Staaten gebremst hat. „Unsere Wirtschaft sucht händeringend nach Fachkräften“, sagte Integrationsstaatsministerin Annette Widmann-Mauz dem RND.

Die Zahl der zusätzlichen Beschäftigten aus Europa ist demnach um rund 25 Prozent eingebrochen. „Schon jetzt fehlen deutschen Unternehmen 270.000 qualifizierte Frauen und Männer, in einigen Wirtschaftsbereichen sind es bereits mehr Leerstellen als vor der Pandemie. Das muss hellhörig machen“, warnt die CDU-Politikerin. Sie weiß, dass fehlende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Aufschwung für viele Unternehmen das größte Hindernis sind, um durchzustarten.

Aus Sicht von Friseurmeisterin Anike Behre hätte die Politik in der Krise noch mehr tun müssen – gerade um Geringverdienerinnen und -verdiener zu unterstützen. „Die Menschen, die sowieso schon wenig Geld hatten, wurden noch mehr gestraft“, so ihr Fazit.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen