Frust der Immobilienwirtschaft: „Wer heute baut, geht bankrott“

Baustelle für den Neubau von Wohn- und Geschäftsgebäuden im Johann-Moritz-Quartier in der Siegener Innenstadt.
Quelle: Rene Traut
Berlin. Es sind Aussagen, die Klara Geywitz nicht gefallen können. „Bauen ist praktisch unmöglich geworden.“ „Wer heute baut, geht bankrott“. Und: „Es ist der Staat, der fette Beute macht.“ Andreas Mattner hat noch ein paar mehr solcher Sätze auf Lager. Beim Chef des Immobilienwirtschaftsverbandes ZIA (Zentraler Immobilien Ausschuss) hat sich etwas aufgestaut, das am Dienstagmorgen einfach mal raus muss.
Die Bundesbauministerin von der SPD sitzt tapfer lächelnd daneben, während der Immobilienlobbyist seinem Frust Luft macht. Anlass ist das sogenannte „Frühjahrgutachten der Immobilienweisen“, das der ZIA in Auftrag gegeben hat und das der Branche eine miserable Lage attestiert.
Fertigstellung von Wohnungen bricht dramatisch ein
So ist laut Gutachten ein dramatischer Einbruch bei den Wohnfertigstellungen absehbar. Der Grund dafür ist laut Mattner, dass sich Bauen angesichts der aktuellen Material-, Arbeits-, Bürokratie- und Finanzierungskosten einfach nicht mehr rechnet. Mit einer Durchschnittsmiete von 21 Euro je Quadratmeter müsste ein Projektentwickler kalkulieren, wenn er keinen Verlust riskieren wolle, sagt der Experte. „Solche Mieten kann aber niemand mehr bezahlen.“
Die Folge ist aus Mattners Sicht, dass sich die ohnehin schon angespannte Lage am Wohnungsmarkt weiter zuspitzen werde. 720.000 Wohnungen werden deutschlandweit bis 2025 fehlen, zwei Jahre später sollen es schon 830.000 sein. Wohnungen seien ein immer begehrteres Gut, das gleichzeitig niemand mehr anbieten könne, klagt Mattner, und verweist auf Rekordstände bei den Stornierungen von Bauvorhaben. Die Lage sei „grotesk“.

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Mit verantwortlich für die Misere ist aus Sicht der Immobilienwirtschaft der Staat. 37 Prozent betrage die Staatsquote beim Wohnungsbau hat Mattner ausrechnen lassen und meint damit den Anteil staatliche verursachter Kosten. Grunderwerbsteuer und Umsatzsteuer zählt er dazu, aber auch technische Qualitätsstandards, kommunale Vorgaben und energetische Anforderungen. Bei der Staatsquote sei Deutschland im europäischen Vergleich spitze. Das könne so nicht bleiben, findet der Immobilienmann und fordert eine Absenkung um mindestens 15 Prozent, um die Bauwirtschaft anzukurbeln. Anfangen sollten aus seiner Sicht die Bundesländer, in dem sie die zum Teil auf 6,5 Prozent erhöhte Grunderwerbsteuer mindestens halbieren – oder besser noch ganz aussetzen.
Geywitz: „Die Länder haben die Grunderwerbsteuer immer mehr in die Höhe gesetzt“
Bauministerin Geywitz widerspricht da im Grundsatz nicht im. Zwar weist sie Darstellung zurück, dass der Staat „Beute“ mache, lässt aber keinen Zweifel daran, dass auch sie die von den Ländern erhobene Steuer für zu hoch hält. Bauinvestoren könnten heute nicht auch noch Kitas und Straßen finanzieren, sagt die Sozialdemokratin. „Die Länder haben die Grunderwerbsteuer immer mehr in die Höhe gesetzt. Nun müssten sie prüfen, welchen Beitrag sie durch Senkung der Grunderwerbssteuer leisten können.“ Auch die Finanzminister in den Landeshauptstädten müssten Interesse an einem funktionierenden Neubau haben, sagt Geywitz. Denn 6,5 Prozent Grunderwerbsteuer von null sei ja schließlich null.
Für die Baubranche seien es „alles andere als leichte Jahre“ gewesen, räumt die Sozialdemokratin ein. Es gebe allerdings Entwicklungen, die sie hoffnungsvoll stimmten. So seien die Zinsen wieder etwas gesunken, die Preise vieler Baumaterialien hätten sich normalisiert, und bei der Auftragslage im Bau sei eine leichte Erholung zu verzeichnen.
Der Verband dringt auf mehr Förderprogramme
Auch vom ZIA bekommt die Ministerin ein Lob. Das Förderprogramm für klimafreundlichen Neubau im Niedrigpreissegment, für das der Bund 2024 eine Milliarde Euro zur Verfügung stellen will, sei ein richtiger Schritt.
Allerdings drängt der Verband auf mehr: Ein KfW-Programm, das die Marktzinsen auf 2 Prozent senke, stellt die Immobilienwirtschaft sich vor. Das brächte bei einer Fördersumme von 3 Milliarden Euro 100.000 zusätzliche Wohnungen. Bei 9 Milliarden Euro wären es schon 300.000 neue Wohnungen, sagt Mattner. Das wäre „die wichtige Wende für den Wohnungsmarkt.“
Ein solches Programm kann und will Geywitz allerdings nicht versprechen. Der Staat, könne nicht alles regeln, sagt die Ministerin. „Ein System, bei dem Frau Geywitz oben Geld reinschüttet, damit unten Wohnungen rauskommen, wird auf Dauer nicht funktionieren.“












