Warum die VW-Entschädigung auch dem Regenwald helfen kann

  • Volkswagen versucht ein dunkles Kapitel der eigenen Geschichte abzuschließen.
  • Und nur auf den ersten Blick haben die Entschädigungszahlungen des Konzerns für die Verbrechen während der brasilianischen Militärdiktatur nichts mit der aktuellen Regenwaldzerstörung zu tun.
  • Es lohnt sich über den juristischen Tellerrand hinauszuschauen, findet Tobias Käufer.
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Volkswagen versucht, ein dunkles Kapitel der eigenen Geschichte in Lateinamerika abzuschließen: Gut 35 Jahre nach dem Ende der brasilianischen Militärdiktatur (1965–1984) entschädigt der Konzern verfolgte ehemalige Mitarbeiter in Millionenhöhe. “Es ist wichtig, mit diesem negativen Kapitel in der Geschichte Brasiliens verantwortungsbewusst umzugehen und für Transparenz zu sorgen”, sagte VW-Rechtschefin Hiltrud Werner.

VW hat Beschäftigte an das Militär verraten

Es geht um Wiedergutmachungszahlungen, denn Volkswagen hat nach Erkenntnissen von Historikern mit der damaligen Regierung kollaboriert und Beschäftigte an das Militär verraten. Das ist ein ziemlich übles Verbrechen, denn in dieser Zeit wurde gefoltert und gemordet.

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Nach Angaben des Autokonzerns aus Wolfsburg sieht der Vergleich eine Zahlung von umgerechnet etwa 5,5 Millionen Euro vor. Ein Teil davon geht an einen Opferverband von ehemaligen Mitarbeitern und deren Hinterbliebenen, der Rest soll an Menschenrechtsinitiativen gespendet werden. Das ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

In Brasilien werden längst wieder Menschenrechte verletzt

Die Zusammenarbeit des VW Konzerns mit der Diktatur stammt aus einer anderen Zeit. Und doch ist sie auf eine bestimmte Art auch für die aktuelle Epoche richtungsweisend. Denn längst werden in Brasilien wieder Menschenrechte verletzt. Wieder ist die Profitgier von Konzernen der Grund. Mal ist es ein gigantischer Amazonas-Staudamm, für den Tausende Indigene im Regenwald Platz machen mussten. Mal sind es Landvertreibungen indigener Völker, die einer Expansion der Agrarindustrie im Wege stehen. Der Unterschied zu Zeiten der Militärdiktatur: Diese Verbrechen werden quasi in Echtzeit dokumentiert. Schon jetzt werden Beweise und Zeugenaussagen gesammelt, getreu dem Motto der guatemaltekischen Friedensnobelpreisträgerin Rigoberta Menchu, die zu den Verbrechen im Bürgerkrieg sagte: “Wenn du eine Ungerechtigkeit nicht ändern kannst, versuche sie wenigstens zu dokumentieren.”

Längst schauen europäische Investoren mit Sorge nach Brasilien, denn finanzielle Beteiligungen bedeuten auch Mitverantwortung und damit Mithaftung. Menschenrechtsorganisationen durchleuchten schon jetzt die Lieferketten und Verflechtungen europäischer Firmen mit den brasilianischen Unternehmen, die auf abgeholzten und zum Teil unter zumindest zweifelhaften rechtlichen Umständen angeeigneten Land ihre Profite erwirtschaften. Für all die zerstörte Umwelt, für das geschädigte Klima, für die entrechteten Indigenen, für all das wird irgendwann mal ein Preis bezahlt werden müssen.

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Der Fall Saúl Luciano Lliuya zeigt: David kann Goliath besiegen

Wer das für realitätsfern hält, sollte sich einmal die Geschichte des peruanischen Kleinbauern Saúl Luciano Lliuya anschauen, der gegen den deutschen Energiekonzern RWE klagt, weil dieser eine Mitschuld am Klimawandel trage. Was anfangs aussichtslos schien, ist inzwischen eine Hängepartie. Es ist keinesfalls ausgeschlossen, dass der Peruaner den Kampf David gegen Goliath doch noch gewinnt.

Zwei Fälle, die zwar unterschiedlich sind, die aber eines gemeinsam haben: Am Ende können auch scheinbar übermächtige Konzerne haftbar gemacht werden, auch wenn es bisweilen ein paar Jahrzehnte dauert. Aber auch hier gilt: In der neuen globalisierten Welt, in der sich die Wertevorstellungen verändern, kann auch das inzwischen viel schneller gehen.

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