Knaus Tabbert: Börsengang mitten im Reisemobilboom

  • Das Unternehmen Knaus Tabbert glänzt normalerweise mit Wohnmobilen – bis hoch in die absolute Luxusklasse.
  • Jetzt nutzt der Hersteller aus dem bayerischen Jandelsbrunn die Hausse in der Caravaningbranche, um auch auf dem Frankfurter Parkett zu punkten.
  • Eine nicht ganz unriskante Entscheidung.
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Zwei Zimmer, Küche, Bad, Autogarage. Das ist das Grundprinzip des Morelo Grand Empire. Das Zuhause auf Rädern ist das Super-Luxus-Produkt der Firma Knaus Tabbert, die heute an der Frankfurter Börse debütiert. Der Gang aufs Parkett kommt zu einem Zeitpunkt, da Reisemobile einen Boom erleben. Die Zuwächse der vergangenen Jahre haben durch Corona noch einmal zusätzlichen Schwung bekommen. Die Frage aber ist, ob Campen auch noch nach der Pandemie so angesagt sein wird wie im Sommer 2020. Davon wird auch das Schicksal von Knaus Tabbert abhängen.

Im Sommer 2020 wurden die Stellplätze knapp

Die Branche hat ein neues Problem: In den vergangenen Ferienmonaten wurden vielfach die Stellplätze knapp. Der Andrang etwa bei Seen in Oberbayern war zeitweise so groß, dass Ordnungshüter einschreiten mussten, um Wohnmobile aus Naturschutzgebieten zu holen. Im Corona-Sommer verbrachten zahlreiche Erholungsbedürftige erstmals in mobilen Unterkünften ihren Urlaub, weil sie sich dort besonders sicher fühlen. Entsprechend entwickelte sich die Nachfrage nach den Fahrzeugen.

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Nach dem Ende des Lockdowns habe insbesondere bei den Reisemobilen ein starker Nachholeffekt eingesetzt, erläutert Daniel Onggowinarso, Geschäftsführer des Caravaning Industrie Verbandes (CIVD). Höhepunkt war der Juli, als die Zahl der Neuzulassungen der Freizeitfahrzeuge mit einem Plus von gut 85 Prozent regelrecht explodiert sei. Knapp 11.000 neue Reisemobile kamen in dem Monat auf die Straßen. In den ersten sieben Monaten wurde – trotz zeitweiser Komplettschließung des Kfz-Handels – ein Rekordwert erzielt: 50.570 Neuzulassungen bedeuten ein Plus von fast einem Viertel im Vergleich zum Vorjahr. “Damit ist dieses Fahrzeugsegment auf dem besten Weg zum zehnten Rekordergebnis in Folge”, so der CIVD.

Börsengang als Etappe zu Europas Nummer eins?

Knaus Tabbert hat als einer der führenden Hersteller hierzulande von dem Boom profitiert. Dabei sah es im Herbst 2008 sehr finster aus. Das Unternehmen aus dem niederbayerischen Jandelsbrunn musste seine Insolvenz erklären. Anfang 2009 übernahmen die beiden niederländischen Finanzinvestoren Wim de Pundert und Klaas Meetens mit ihren Holdinggesellschaften das Unternehmen mit dem Ziel, es zur europäischen Nummer eins der Hersteller von Fahrzeugen fürs Camping zu machen.

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Der Abstand zum Marktführer Hymer, der zum US-Konzern Thor gehört, ist noch immer merklich. Aber mit dem Börsengang wird nun ein wichtiger Meilenstein erreicht. Wobei die beiden Niederländer nun Kasse machen wollen. Fast vier Millionen der knapp fünf Millionen Aktien, die Anlegern angeboten werden, stammen aus deren Beständen. Gleichwohl wollen die Beiden auch künftig die Mehrheit der Anteilscheine halten und “das weitere Wachstum des Unternehmens durch ihr Engagement im Aufsichtsrat aktiv unterstützen”, so Knaus Tabbert.

48 Prozent der Aktien sollen im in den sogenannten Streubesitz übergehen. Als Erlös aus einer Erhöhung des Kapitals im Zuge des Börsengangs sind 20 Millionen Euro eingeplant. Das Geld ist für den Ausbau der Produktionsanlagen in Ungarn geplant, wo die Caravaning Utility Vehicles (CUV) gefertigt werden – dabei handelt es sich um derzeit sehr beliebte Fahrzeuge, die auf Basis von Lieferwagen wie den Fiat Ducato zu Campern umgebaut werden. Diese Kategorie steht für knapp ein Fünftel des Umsatzes von Knaus Tabbert.

Eine mobile Zweizimmerwohnung für 600.000 Euro

Das Unternehmen hat zudem die eiförmigen Retrocaravane unter der Marke T@B im Angebot. Zu den beiden namensgebenden Marken kommen noch Weinberg und am oberen Ende Morelo – mit dem neuen Spitzenmodell Grand Empire, das ab 600.000 Euro zu haben ist. Für das Geld gibt es ein mehr als zehn Meter langes Gefährt, das bis zu 18 Tonnen schwer ist und mit einem 530-PS-Motor bewegt wird. Eine Solar- und eine Satellitenanlage sind genauso selbstverständlich wie die Garage im Heck für einen Kleinwagen. Bei so einem Luxusliner liegt die Assoziation mit dem ziemlich wohlhabenden Ehepaar im fortgeschrittenen Alter, das sich auf die große Tour durch Europa begibt, nahe.

Doch CIVD-Geschäftsführer Onggowinarso betont: “Das alte Klischee, dass Caravans und Reisemobile nur was für Ältere und Rentner sind, ist längst widerlegt.” Eine Umfrage der Marktforschungsfirma GfK – vor der Corona-Pandemie – hat ergeben: Rund 14 Millionen Frauen und Männer über 18 haben hierzulande Interesse an einem Caravaningurlaub. Davon ist die deutliche Mehrheit unter 45 Jahre alt. Besonders stark sind die 23- bis 37-Jährigen vertreten. Das verwundert nicht, da laut GfK der Urlaub im Reisemobil längst mit Adjektiven wie spontan, selbstbestimmt, unabhängig und naturnah in Verbindung gebracht wird. Die Jüngeren dürften auch für die Knaus-Tabbert-Manager große Hoffnungsträger sein.

Dennoch ist das Unternehmen nicht gegen Rückschläge gefeit. Im ersten Halbjahr gingen die Umsätze – wegen des Lockdowns – um gut 9 Prozent auf knapp 360 Millionen Euro nach unten. Womöglich wurden Anleger von diesen Zahlen verunsichert. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete gestern Nachmittag jedenfalls unter Hinweis auf Insider, dass der Ausgabepreis pro Aktie wohl zwischen 58 und 60 Euro liegen werde. Das Management hatte aber gehofft, die Papiere für bis zu 74 Euro verteilen zu können.

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