Klimawandel: Dax-Unternehmen erwärmen die Erde um 4,9 Grad

  • Den CO₂-Ausstoß eines Unternehmens zu erfassen ist schwer – ihn leicht verständlich darzustellen ist noch schwerer.
  • Ein Frankfurter Start-up hilft Unternehmen, ihren schädlichen Einfluss auf das Klima und mögliche Gegenmaßnahmen einzuschätzen.
  • Die Kennzahlen stimmen in vielen Fällen eher pessimistisch.
|
Anzeige
Anzeige

Siemens steht im Dialog mit Fridays for Future, Blackrock fordert mehr Nachhaltigkeit ein und beim Weltwirtschaftsforum stand die Erderwärmung ganz oben auf der Agenda – am Klimaschutz führt für die Wirtschaft nichts mehr vorbei. Ein junges Frankfurter Unternehmen profitiert davon, indem es Unternehmen Kennzahlen zur den Auswirkungen der eigenen Emissionen vermittelt. Bei manchen laufen die Werte von right. based on science (RBOS) auf ziemlich hohe Werte hinaus.

Der Frankfurter Dienstleister hilft Unternehmen, ihren schädlichen Einfluss auf das Klima und mögliche Gegenmaßnahmen einzuschätzen. Dabei bricht das Unternehmen den CO₂-Ausstoß einer Firma auf den selbst entwickelten XDC-Wert herunter, diese X-Degree-Compatibility, also die X-Grad-Kompatibilität. Diese macht allerdings nicht den CO₂-Ausstoß in Tonnen zum zentralen Maßstab.

Stattdessen geht es darum, auf wie viel Grad Erderwärmung die Emissionen eines einzelnen Unternehmens hinauslaufen. Das Ergebnis: Für den gesamten Dax liegt der Durchschnitt bei 4,9 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Niveau. Zur Relation: Das Pariser Klimaabkommen peilt „deutlich unter 2 Grad“ als weltweites sektorübergreifendes Ziel an.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Viele Unternehmen haben Klimaschutzziele

Sofern bekannt, beziehen sich die RBOS-Zahlen vor allem auf die Auswirkungen bereits eingeplanter Klimaschutzmaßnahmen von Unternehmen. Diese eingerechnet wäre HeidelbergCement mit einem XDC-Wert von 10,3 Grad der größte CO₂-Sünder im Dax. RWE und EON brächten es auf 9,5 und 8,1 Grad, Industrieunternehmen wie Siemens und Volkswagen auf 4,3 und 3,3 Grad. Unter der Pariser Messlatte bleiben tendenziell Chemie-Unternehmen wie Bayer und Merck sowie Finanzwirtschaft und Software-Entwickler.

„Nicht jeder ist von den Zahlen sofort begeistert“, gibt Sebastian Müller, einer der Gründer von RBOS zu. Immerhin zeigten die Frankfurter überraschend deutlich auf, wie weit der Weg zu einer ansatzweise klimaneutralen Wirtschaft noch ist. Doch zugleich geht ihm zufolge das Konzept auf, statt auf sperrige Zahlen wie den CO₂-Ausstoß in Tonnen auf die vergleichsweise „reine“ Kennzahl der Erderwärmung in Grad Celsius zu setzen.

Wie repräsentativ sind die Klima-Prognosen?

Doch wie repräsentativ kann eine solche Zahl sein? RBOS betont, dass der XDC-Wert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen fußt. In den Emissionen der Unternehmen ist entlang des Scope-3-Standards bereits der CO₂-Ausstoß bei Vorprodukten einbezogen. Für die Berechnung des Temperaturanstiegs nutzt RBOS ein Klimamodell des Weltklimarats IPCC. Der Rest ist Mathematik: Der Anteil eines Unternehmens an der Bruttowertschöpfung der Welt wird ausgerechnet, die Emissionen bei Berücksichtigung des Wirtschaftswachstums hochgerechnet. Unterm Strich bildet der XDC-Wert also ab, wie sehr sich die Erde erwärmen würde, wenn alle Unternehmen so wirtschaften wie das untersuchte.

So gesehen ist die Grad-Angabe auch eine Vereinfachung, die Unsicherheiten bei Klimamodellen und Prognosen zum Wirtschaftswachstum nicht so klar zeigt – woran RBOS allerdings in Kooperation mit der finnischen Universität in Lappeenranta arbeitet. Als Kennzahl taugt der Wert, ist sich Unternehmensgründer Müller sicher: „Wir haben oft die Rückmeldung bekommen, dass die Ergebnisse des letzten Reports viel angestoßen haben.“ Immerhin 18 der 30 Dax-Unternehmen haben ihm zufolge für die Erstellung des jüngsten Berichts mit RBOS zusammengearbeitet.

RBOS ist auf Wachstumskurs

Für das junge Unternehmen sei es eine gute Nachricht, dass sich immer mehr Unternehmen mit dem Klimaschutz befassen – und, dass das auch für Finanzmarktakteure wie Blackrock relevanter wird. Denn auch die werden in Zukunft zunehmend darauf angewiesen sein, die Auswirkungen eines Unternehmens auf das Klima einzuschätzen. Allein, weil verschärfte Umweltauflagen ein immer größeres Risiko für Vermögenswerte darstellen, wie es in Finanzkreisen zunehmend heißt.

Anzeige

RBOS plant nun, 2020 seine Mitarbeiterzahl zu verdoppeln. Ende des Jahres sollen dann 30 Mitarbeiter in dem 2016 gegründeten Start-up arbeiten. Zugleich ist das von den RBOS-Gründern entwickelte XDC-Konzept Open Source, längst arbeiten Wissenschaftler europaweit damit. Und RBOS hofft auf weitere Nachahmer weltweit. Schließlich soll die Kennzahl dazu beitragen, dass die Wirtschaft „nicht nur grün, sondern grün genug“ wird, wie es Müller formuliert.

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen