Klimaschutz: Flickschusterei reicht nicht

  • Eine neue Studie weist nach: Die in der Politik diskutierten Schritte reichen nicht, um die Klimaziele zu schaffen.
  • Ein massiv erhöhter CO₂-Preis soll Benzin, Diesel und andere fossile Energieträger deutlich teurer machen.
  • Zugleich empfehlen die Experten Rückerstattungen für die Bürger.
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Frankfurt/Main. Wie viel muss getan werden, um die Klimaziele zu schaffen? Viel, viel mehr als derzeit in der Politik diskutiert wird. Das ist die Essenz einer groß anlegten Studie, die dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) vorliegt. Auf die nächste Bundesregierung kommt ein gigantisches Arbeitsprogramm zu, um Deutschland in weniger als 25 Jahren klimaneutral zu machen.

Mehr als 50 Forschende aus zehn Instituten haben erstmals verschiedene Szenarien detailliert durchgerechnet, um Wege für einen „beispiellosen Strukturwandel“ aufzuzeigen. Die Studie hat quasi offiziellen Charakter, ist sie doch im Rahmen des Ariadne-Projekts entstanden, das sich mit Klimaschutzkonzepten befasst und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird.

„Die Aufgaben zum Erreichen der Klimaziele für 2030 sind immens“, sagte Gunnar Luderer, Vizeleiter des Ariadne-Projekts am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), dem RND. Er betont: „Der Handlungsdruck auf die Bundesregierung wächst, denn durch die angezogenen EU-Klimaziele und das Klimaschutzgesetz wird künftig die Zielerreichung jährlich überprüft.“

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Mit bloßer Flickschusterei sei das nicht zu schaffen. Die bislang von der Politik diskutierten Maßnahmen reichten bei Weitem nicht aus, um die Klimaziele für das Jahr 2030 zu erreichen. Doch dieser Meilenstein sei entscheidend, um die Emissionen im Jahr 2045 auf netto null zu bringen.

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Hohe Priorität hat der Ausbau von Wind- und Sonnenenergie. In der Zusammenfassung der Studie heißt es, dass bis 2030 eine Verdreifachung der Ausbaugeschwindigkeit im Vergleich zu den vergangenen zehn Jahren nötig sei.

Und für Luderer ist klar: „Der CO₂-Preis spielt die tragende Rolle für einen Kurs zur Klimaneutralität und müsste dann auch wesentlich höher liegen als jetzt – in der Größenordnung von 100 bis 150 Euro pro Tonne CO₂ schon im Jahr 2025 auch bei den fossilen Kraftstoffen und Erdgas zum Heizen.“

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So werde gewährleistet, dass die Preise „die ökologische Wahrheit sprechen und eine Lenkungswirkung zu Gunsten von klimafreundlichen Lösungen entfalten“. Gleichzeitig sollten diese Einnahmen aus dem Emissionshandel genutzt werden, „um einkommensschwache Haushalte durch zum Beispiel Rückerstattungen zu entlasten“.

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Der Klimaforscher Klaus Hasselmann werde für die „zuverlässige Vorhersage der Erderwärmung“ ausgezeichnet, erklärte das Komitee in Stockholm.  © AFP

Darüber hinaus werde der steigende CO₂-Preis bereits bis 2030 zu einem Ausstieg aus der zunehmend unwirtschaftlichen Kohle führen. Was den Vorstellungen der Grünen entspricht. Zum Vergleich: Der Anfang des Jahres eingeführte Preis von 25 Euro je Tonne für Benzin und Diesel hat das Tanken rechnerisch um gut sieben Cent pro Liter verteuert.

Hohes Tempo ist auch deshalb angesagt, weil Deutschland in diesem Jahr beim Klimaschutz den Rückwärtsgang eingelegt hat. Die Menge des erzeugten Ökostroms ging in den ersten drei Quartalen deutlich zurück, weil weniger Wind wehte und der Ausbau der Erneuerbaren so langsam war, dass dies nicht kompensiert werden konnte.

Zudem geht der CO₂-Ausstoß nach Hochrechnungen des Thinktanks Agora Energiewende spürbar in die Höhe. Damit fällt Deutschland deutlich hinter das Klimaziel von 2020 zurück – was nach dem Klimaschutzgesetz ein Sofortprogramm notwendig macht, um dies auszubügeln.

Ziele im Verkehrssektor sind nur schwer erreichbar

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Im Verkehrssektor ist das dickste Brett zu bohren. Das Hauptproblem: der Straßenverkehr, da dort auch die meisten Emissionen anfallen. „In dieser Dekade müssen wir bedeutende Schritte in der Antriebswende gehen“, sagt Florian Keller vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), der das Arbeitspaket Verkehrswende geleitet hat.

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Er kalkuliert mit 14 Millionen rein elektrisch betriebenen Pkw, die im Jahr 2030 auf den Straßen unterwegs sein müssten. Voraussetzung wäre, dass die Neuzulassungen von E-Autos ab sofort fast explosionsartig steigen. Was sehr unwahrscheinlich ist.

Klar ist aber für den DLR-Forscher, dass der Ausbau der Ladeinfrastruktur extrem wichtig ist, um die E-Autos attraktiver zu machen. Doch auch wenn all dies gelingen würde, ist laut Keller „das kurzfristige Potenzial einer reinen Antriebswende durch lange Verweildauern der vorhandenen Verbrenner im Bestand begrenzt“. Selbst mit zusätzlichen Maßnahmen werde das Sektorziel für 2030 nur schwer erreicht.

Er meint damit ein anderes Mobilitätsverhalten der Leute und einen Wechsel auf andere Verkehrsträger. Konkret: Erheblich mehr ÖPNV und ein heftiger Schub beim Rad- und Fußgängerverkehr. Zahlreiche andere Studien haben gezeigt, dass dies nur mit einem grundlegenden Umbau der Städte möglich ist. Auf diesem Feld hat es in den vergangenen Jahren bestenfalls kleine Schritte gegeben.

Fünf Millionen Wärmepumpen

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Auch die Ziele für Gebäude werden in vielen der durchgerechneten Szenarien nicht erreicht. Christoph Kost vom Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme fordert deshalb einen konsequenten Energieträgerwechsel und eine deutliche Steigerung der Sanierungsrate für Gebäude. So müssten pro Jahr bis zu 2 Prozent der Immobilien mit Wärmedämmung versehen werden – derzeit sind es nur halb so viel.

Ferner müssten 1,6 Millionen Gebäude an Fernwärmenetze angeschlossen werden. Zudem sei es notwendig, bis zum Ende der Dekade fünf Millionen Wärmepumpen zu installieren, die mit elektrischer Energie für angenehme Temperaturen auch im Winter sorgen. Damit auch Haushalte mit kleinem Geldbeutel da mitmachen können, seien „zusätzliche Instrumente“ wichtig, um eine Sozialverträglichkeit zu erreichen. Sprich: staatliche Förderungen und Subventionen.

Kaum weniger anspruchsvoll sind die Aufgaben in der Industrie. Es gelte, bis 2030 funktionierende und wirtschaftliche CO₂-neutrale Verfahren im Einsatz zu haben, so Luderer. Hier werde künftig Wasserstoff eine große Rolle spielen – dafür brauche es entsprechende Infrastrukturen etwa für den Transport.

Das alles wird viel Geld und Mühe kosten. „Aber nichts zu tun, wird noch teurer“, sagte der PIK-Experte. Gesamtkosten für das Giga-Projekt werden in der Ariadne-Studie nicht genannt. Andere Untersuchungen haben hochgerechnet, dass jährlich staatliche und private Investitionen von höheren zweistelligen Milliardenbeträgen notwendig werden.

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