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VDA-Chefin Müller: „Kein Wahlprogramm wird der Dimension des Themas Klimawandel gerecht“

VDA-Chefin Hildegard Müller: Wir dürfen den Umbau der Industrie nicht verstolpern.

VDA-Chefin Hildegard Müller: Wir dürfen den Umbau der Industrie nicht verstolpern.

Berlin/Hannover. Frau Müller, vor ein paar Tagen fand der letzte Autogipfel mit Bundeskanzlerin Merkel statt. Haben diese Runden eigentlich irgendetwas gebracht?

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Der Autogipfel ist ein wichtiges Format, in dem für die Entwicklung der Mobilität in Deutschland, den Klimaschutz und die Transformation der Unternehmen und ihrer Beschäftigten viel erreicht worden ist. In den nächsten Monaten stehen gerade in Europa wichtige Weichenstellungen an. Kanzlerin Merkel hat entsprechende Unterstützung auch in der Übergangsphase zur neuen Regierung zugesagt.

Die Autogipfel sollen also weitergehen?

Das ist die Hoffnung, die der IG-Metall-Vorsitzende Jörg Hofmann und ich deutlich geäußert haben. Der Autogipfel hat sich bewährt. Es ist wichtig für unser Land, dass wir alle Beteiligten an einen Tisch bekommen und gemeinsam die großen Linien festlegen. Denn es braucht zum Beispiel schnell europäische Maßnahmen zur Beschleunigung des Ausbaus der Lade­infrastruktur, damit all die neuen E‑Autos auch fahren können.

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Die deutsche Autoindustrie hat den Trend zum E‑Auto lange verschlafen, holt nun aber auf. Über welche Erfolge freuen Sie sich besonders?

Es sind jetzt eine Million Elektroautos zugelassen, viele von deutschen Herstellern, ein toller Erfolg. Und wenn ich mit den Beschäftigten und Konzernchefs der Automobilindustrie spreche, spüre ich den tatkräftigen Willen zum Wandel. Wir wollen das, wir schaffen das, da ist eine ungeheure Kraft dahinter.

Wo hakt es?

Wenn man Autofahrer fragt, was ihnen für den Umstieg auf die E‑Mobilität fehlt, sagen die: Ladesäulen. In ein paar Jahren werden so viele E-Autos auf den Straßen sein, dass wir mindestens eine Million Ladepunkte brauchen. Jede Woche müssten 2000 neue entstehen, derzeit schaffen wir aber nur 300. Das Vertrauen der Verbraucher in eine zuverlässige Ladeinfrastruktur ist die Grundlage für den weiteren Ausbau der E-Mobilität.

Studie: Kein Wahlprogramm reicht für deutsche Klima-Ziele

Das Grünen-Programm schneidet laut Studie am besten ab, da es konkrete und geeignete Vorschläge enthalte. Aber auch dort reicht das Gesamtkonzept nicht aus.

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Als ehemalige Energiemanagerin müssten sie selbst ein schlechtes Gewissen haben – oder?

Nein, als ich Innogy verlassen habe, war das Unternehmen beim Aufbau von Ladestationen weit vorn. Wir reden jetzt aber über ganz andere Größenordnungen. Uns allen muss klar sein, dass der Ausbau der Ladepunkte viel zu langsam vorangeht. Mit ihrem Programm „Fit for 55“ hat die Europäische Union extrem ehrgeizige Vorgaben gesetzt. Jetzt brauchen wir umso schneller eine Infrastruktur, die die Massen an neuen E-Fahrzeugen auch versorgen kann. Und das überall in der EU.

Ist das Grundproblem, dass an diesen Ladestationen niemand Geld verdient?

Der Aufbau der Infrastruktur funktioniert derzeit nicht marktgetrieben, schon gar nicht bei immer kürzeren Fristen, die die Politik für den Umstieg auf E-Mobilität setzt. Auf Dauer wird der Betrieb von Ladesäulen aber wirtschaftlich sein. Ein wichtiges Thema ist die Netzstabilität – was machen wir, wenn Engpässe auftreten? Wir brauchen eine Verpflichtung zum schnellen Netzausbau, koordiniert und kontrolliert von der Bundesnetzagentur.

Viele andere Länder – auch in der EU – stehen bei den Ladesäulen ganz am Anfang. Wie sehr besorgt Sie das?

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Mich besorgt das sehr. In drei Ländern – Deutschland, Frankreich, Niederlande “ wurden bisher fast 70 Prozent aller europäischen Ladesäulen gebaut. Das darf so nicht bleiben. Und selbst in Deutschland wird die Lücke zwischen E-Autos und Ladepunkten größer statt kleiner. Deshalb ist es richtig, die EU-Mitglieder zum Ausbau zu verpflichten. Die Länder sollten sehr genaue Ausbaupläne vorlegen müssen, um EU-Mittel zu bekommen. Und ich finde, dass es hier ein Monitoring der Mitgliedsstaaten geben muss.

Die Kommission soll die Regierungen kontrollieren?

Wenn man festlegen kann, welche Autos in welchen Mengen in fünf Jahren verkauft werden sollen, dann kann man auch festlegen, welche Rahmenbedingungen durch die Staaten geschaffen werden müssen, damit das gelingen kann. Die Transformation kann nur gelingen, wenn auch die Staaten ihre Hausaufgaben machen: Bei der Ladeinfrastruktur, aber auch bei den industriepolitischen Maßnahmen, die wir brauchen, um die Transformation stemmen zu können.

Wenn Elektroautos mit Kohlestrom betrieben werden, verpufft ihr klimaschonender Effekt. Gerade in Osteuropa ist der Anteil der regenerativen Energien am Strommix aber sehr gering.

Das ist die nächste Herausforderung. Der Strom für E-Autos muss grün werden – und zwar europaweit. Das geht nicht von heute auf morgen, und es geht auch nicht ohne Kooperationen über die EU-Grenzen hinaus. Wir brauchen ganz neue internationale Energiepartnerschaften. Darüber müssen sich Deutschland und die EU viel mehr Gedanken machen.

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Was meinen Sie damit?

Wenn wir die Industriegesellschaft zur CO₂-Neutralität umbauen wollen, brauchen wir wesentlich mehr Ökostrom, als bislang zur Verfügung steht. Solaranlagen und Windkraftwerke benötigen viel Platz – mehr als wir in Deutschland zur Verfügung haben. Wir müssen Flächen nutzen, auf denen viel Sonne und Wind einzusammeln ist, zum Beispiel in Afrika und Lateinamerika. Das würde auch den Regionen helfen, sich gut zu entwickeln. Wir werden künftig eine Außenpolitik betreiben müssen, die auch solche Rohstoffinteressen stärker in den Blick nimmt.

Will das EU-Programm „Fit for 55“ zu viel auf einmal?

Wir brauchen ehrgeizige Ziele, denn die Herausforderung der Klimatransformation ist gewaltig. Die EU sollte allerdings auch die Folgen ihrer Politik abschätzen. Man muss nicht nur Ziele beschließen, sondern sie auch praktisch umsetzen können.

Und Europa kann es nicht?

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Wenn Europa die engagiertesten Klimaziele der Welt hat, brauchen wir in Europa auch die weltbesten Standortbedingungen. Es ist doch kontraproduktiv, wenn Arbeitsplätze in Weltregionen abwandern, wo mehr CO₂ erzeugt wird, weil die Standortbedingungen dort besser sind. Wir müssen das Klimaproblem lösen – und nicht in andere Regionen verschieben! Der Standort Deutschland braucht bessere Bedingungen für Unternehmen in den Bereichen Steuern, Umlagen, Energiepreise, bei der Breitbandversorgung oder bei der Digitalisierung der Verwaltung. Diese Großprobleme gab es schon vor Corona – wurden dann umso sichtbarer und sind jetzt noch immer da.

Ab 2035 sollen in Europa nur noch E-Autos neu zugelassen werden. Ist das zu schaffen?

Das ist sehr ambitioniert, und für uns in Deutschland kann das sogar noch früher gelten. Die CO₂-Ziele gelten im europäischen Durchschnitt, und deshalb kann es sein, dass wir für jedes E-Auto, das in einem anderen Land nicht verkauft wird, eines mehr in Deutschland verkaufen müssen. Wir müssen uns aber auch um die Fahrzeuge kümmern, die schon auf den Straßen sind. Es können ja nicht alle Menschen mal eben ein neues E-Auto kaufen. Es gibt bereits die Möglichkeit, die Fahrzeuge im Bestand klimaneutral zu betreiben – mit Kraftstoffen aus regenerativer Energien. Der Bedarf dieser sogenannten E-Fuels ist enorm: 1,5 Milliarden Fahrzeuge weltweit könnten perspektivisch klimaneutral unterwegs sein. Das Potenzial müssen wir nutzen!

Im Grunde sagen Sie: Das Klimaziel ist nicht zu erreichen.

Das ist nicht meine Aussage. Ich sage aber: In ganz vielen Bereichen müssen wir uns viel mehr anstrengen und schneller werden. Es ist nicht damit getan, die Autoindustrie zum Verkauf von E-Autos zu verpflichten. Wir entwickeln die Autos, wir stellen die Werke um, aber alle anderen müssen auch mitziehen. Lademöglichkeiten, Grünstrom, Fördermaßnahmen für die Verbraucher, Re-Qualifikation der Beschäftigten – die Transformation fordert von allen viel.

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Was sind die Folgen, wenn nicht alle mitziehen?

Dann wäre das große Ziel der Klimaneutralität gefährdet – und das wäre verheerend. Verheerend wäre aber auch, wenn wir Wachstum und Wohlstand gefährden. Wir müssen uns diese Diskussion zumuten – auch und gerade im Wahlkampf. Wir dürfen den Umbau der Industrie nicht verstolpern. Denn eines ist sicher: Nur wenn unsere Klimapolitik gleichzeitig Wirtschafts-, Wohlstands- und Jobmotor ist und durch eine soziale Ausgestaltung die Gesellschaft mitnimmt, ist sie erfolgreich und wird weltweit kopiert. Das muss unser Ziel sein – und das ist machbar.

Welches Wahlprogramm wird Ihren Anforderungen am ehesten gerecht?

Ich glaube, dass in der Klimapolitik kein Wahlprogramm der umfassenden Dimension des Themas gerecht wird. Natürlich kann man grobe Richtungen ablesen, aber die Umsetzung in Regeln und Gesetzen ist noch einmal etwas ganz anderes. Noch einmal: Wir müssen uns die Diskussion über den Umbau unseres Wirtschaftssystems und seine Folgen zumuten. Die Bereitschaft für Wandel, für Reformen – die ist in der Gesellschaft vorhanden. Die Parteien müssen diese Bereitschaft jetzt aufgreifen, die Menschen und ihre Sorgen mitnehmen und die Transformation sozial gestalten. Dabei müssen auch die unterschiedlichen Lebenswelten in der Stadt und auf dem Land berücksichtigt werden.

„Klima und wir“-Podcast mit Politik-Spezial zur Bundestagswahl

Zur Bundestagswahl macht der Podcast „Klima und wir“ den Klima-Check: Alle im Bundestag vertretenen Parteien stehen Rede und Antwort.

Bald startet die IAA in München, und auch die soll nach dem Flop von 2019 mehr Diskussionsforum als PS-Show sein. Eine Messe als Zumutung?

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Nein, die IAA hat ein umfassendes Gesundheitsschutzkonzept und wird ein Erlebnis und eine Begegnung mit den Produkten und der Mobilität von morgen. Wir werden auf der IAA nicht alle Fragen der Welt beantworten, aber lebhaft und spannend über die Mobilität der Zukunft diskutieren. Wir haben für die Gespräche bewusst viele Menschen eingeladen, die anderer Meinung sind als wir.

Die Devise ist also: mehr hören als gucken?

Hören, gucken und testen. Wir werden über hundert Weltpremieren haben. Es gibt viel Faszinierendes zu sehen, die Zukunft wird ganz erlebbar und anfassbar sein. Man kann viele der neuen Fahrzeuge und Fahrräder ausprobieren. Es gibt auch ein Parkhaus, wo die Autos selbst ein- und ausparken. Und die neue IAA ist aus dem Stand heraus die größte Fahrradmesse in Europa.

Dafür fehlen einige große Autohersteller.

Das neue Konzept finden alle gut. Aber in diesem Jahr spielen Reiserestriktionen wegen der Corona-Pandemie eine große Rolle. Manche Unternehmen haben schon Anfang des Jahres entschieden, überhaupt keine Großevents dieser Art zu besuchen. Wir starten unter erschwerten Bedingungen. Aber wir starten und es wird bunt und positiv sein. Besuchen Sie die IAA in München!

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