Shell bietet “klimaneutrales Autofahren" an - aber bringt das was?

  • Wirksamer Klimaschutz oder nur ein Obolus zur Beruhigung des eigenen Gewissens?
  • Shell-Kunden können künftig ihren CO2-Ausstoß mit einem Aufpreis auf den Spritpreis ausgleichen.
  • An dem Konzept bleiben große Zweifel - denn der Aufpreis könnte viel zu gering bemessen sein.
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Hamburg. Der Energiekonzern Shell will seinen Kunden künftig anbieten, ihren CO2-Ausstoß mit einem freiwilligen Aufpreis für den Erhalt und die Aufforstung von Wäldern auszugleichen. Dazu habe Shell renommierte internationale Projekte ausgewählt, zum Beispiel in Peru und Indonesien, teilte Shell am Dienstag in Hamburg mit. "Auch wenn die Vermeidung von CO2 sicherlich besser gewesen wäre, so hilft es auch nicht, nichts zu tun", sagte Tankstellen-Chef Jan Toschka. "Denn die knapp 47 Millionen konventionellen Autos werden nun mal nicht über Nacht verschwinden."

Die Kosten für den Autofahrer sollen etwas mehr als einen Cent je Liter betragen. Dabei soll der Kunde nur für den Ausgleich des CO2 bezahlen, das er selbst beim Fahren durch die Verbrennung des Kraftstoffs erzeugt. Shell übernehme die Kosten für die Kompensation des CO2, das bei Herstellung, Transport und Vertrieb entsteht. Das Angebot gilt für Deutschland, Österreich und die Schweiz und ist bereits in anderen Ländern erprobt. In Deutschland ist Shell der zweitgrößte Betreiber von Tankstellen, nach Aral.

Der Shell-Aufpreis müsste eigentlich größer sein

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Ähnliche Angebote für Kunden gibt es bereits in der Luftfahrt, über Agenturen wie Atmosfair oder Myclimate, auch für eine Vielzahl von Konsumartikeln und Dienstleistungen. Der Ausgleich von CO2-Emissionen durch andere Maßnahmen ist umstritten. Kritiker bemängeln, nur eine Minderheit der Kunden nutze die angebotene Option. Zudem lasse sich die Kompensation nicht genau berechnen, da die CO2-bindende Wirkung von Bäumen und Wäldern unterschiedlich eingeschätzt wird.

Ob etwas mehr als ein Cent zum Ausgleich der Klimabelastung durch das Benzin reicht, ist umstritten. Der amerikanische Klimawissenschaftler Drew T. Shindell kam 2015 zu dem Ergebnis, dass mindestens 90 Euro-Cent Umweltaufschlag pro Liter Benzin fällig wären, wenn man die Umweltkosten einbeziehen wollte. Andere Studien deuteten sogar daraufhin, dass eher 2 bis 3 Euro Umweltaufschlag nötig wären.

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Shell will CO2 sparen

Auch auf anderer Ebene hegt Shell Ambitionen beim Klimaschutz: Der Shell-Konzern habe sich zum Ziel gesetzt, im globalen Durchschnitt seinen Netto-CO2-Abdruck bis 2050 um rund die Hälfte zu reduzieren, sagte Deutschland-Chef Fabian Ziegler. Das betreffe sowohl die Emissionen aus den eigenen Betrieben als auch die Energieversorger und die Kunden, die Shell-Produkte verwenden. "Mit dieser Zielsetzung ist Shell unter den großen Energiekonzernen der Vorreiter", sagte Ziegler.

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Der Haken: Eine Reduzierung des CO2-Ausstoßes um 50 Prozent ist nicht sonderlich ambitioniert. Deutschland visiert derzeit eine Reduzierung des Treibhausgasausstoßes um 80 bis 95 Prozent an - was aus Sicht von Kritikern immer noch zu wenig sein könnte. Selbst wenn Shell also seine Klimaziele erreicht, müssten andere Unternehmen deutlich mehr Emissionen einsparen, um den gesamten Treibhausgasausstoß auf einem halbwegs erträglichen Niveau zu halten.

Shell will ins Stromgeschäft

Das weiß man auch bei Shell, wo Ziegler auch auf die Schwierigkeiten und Herausforderungen für einen Energiekonzern wie Shell hinwies, dessen Geschäftsmodell bislang vor allem auf den fossilen Energieträgern Öl und Gas beruht. "Wir investieren auch in kohlenstoffarme Unternehmen und Technologien wie Biokraftstoffe, Wasserstoff, Wind- und Solarenergie sowie Abscheidungs- und Speichertechnologien für CO2", sagte Ziegler.

Ein wichtiger Hebel für Shell soll auch Strom werden. Der Konzern will bis 2035 neben den bisherigen drei Unternehmenssäulen Öl, Gas und Chemie ein signifikantes globales Stromgeschäft aufbauen.

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Greenpeace ist mehr als skeptisch

Die Umweltorganisation Greenpeace kritisierte die Pläne des Energiekonzerns. "Dringender als solch armselige und durchschaubare Scheinlösungen braucht Shell eine Idee, wie der Konzern nicht länger Geld mit der Zerstörung unserer Zukunft verdient", sagte Klimaexperte Benjamin Stephan. "Öl hat keinen Platz in einem klimaverträglichen Energiemix." Shell müsse endlich seinen gigantischen CO2-Fußabdruck reduzieren; ein paar Baumsetzlinge würden dabei nicht helfen.

Stephan meint deshalb, dass Shell "Greenwashing" - also Öffentlichkeitsarbeit mit dubiosen Umweltschutz-Ankündigungen - betreibt, wie er gegenüber dem Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) sagte.

RND/dpa/hö

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