Studie: Deutschland versagt beim Klimaschutz

  • Der CO₂-Ausstoß ist im vergangenen Jahr wieder deutlich gestiegen.
  • Da weniger Wind wehte, erlebte der Kohlestrom eine Renaissance.
  • Für die Bundesrepublik wird es nun immer schwerer, die Ziele beim Klimaschutz zu erreichen.
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Frankfurt. Das ist ein schwerer Rückschlag für den Klimaschutz: Der Ausstoß von Kohlendioxid betrug im vergangenen Jahr 772 Millionen Tonnen. Das entspricht einem deutlichen Anstieg um 33 Millionen Tonnen im Vergleich zu 2020. Dies geht aus einer Studie der Denkfabrik Agora Energiewende hervor, die dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) vorliegt.

Mit den 739 Millionen Tonnen im vorvergangenen Jahr konnte die Bundesrepublik ihr Klimaziel noch erreichen, nämlich eine Minderung der Emissionen um mindestens 40 Prozent im Vergleich zu 1990. Mit dem erneuten Anstieg ist Deutschland wieder unter die 40-Prozent-Marke zurückgefallen. 2019 waren es noch 810 Millionen Tonnen gewesen.

Deutschland entferne sich vom Pfad der CO-Einsparungen, die pro Jahr durchschnittlich nötig wären, um das Klimaziel der Bundesregierung für 2030 zu erreichen, betonen die Agora-Experten. Bis dahin soll der Ausstoß an Treibhausgasen laut Klimaschutzgesetz um 65 Prozent niedriger sein als im Jahr 1990. Je länger sich der derzeitige Trend fortsetze, desto mehr Anstrengungen seien später nötig.

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Die EU-Kommission will Investitionen in Gas- und Atomkraftwerke unter bestimmten Bedingungen als klimafreundlich einstufen.  © dpa

„Durch den Emissionsanstieg 2021 müssen wir ab jetzt jedes Jahr im Schnitt 37 Millionen Tonnen CO₂ einsparen, um das 2030er-Ziel einzuhalten“, sagte Simon Müller, einer der Autoren der Studie. Bei der Berechnung der Emissionen wurden auch andere Treibhausgase berücksichtigt, die zur besseren Vergleichbarkeit in Kohlendioxid umgerechnet wurden.

Braunkohle war 2021 der große Profiteur

2020 war aus mehreren Gründen ein außergewöhnlich günstiges Jahr für den Klimaschutz gewesen. Einerseits wehte der Wind im ersten Halbjahr heftig, wodurch Kohlestrom verdrängt wurde. Hinzu kamen harte Lockdowns. Zeitweise ging der Verkehr massiv zurück, und viele Industrieunternehmen drosselten ihre Produktion. Autobauer machten ihre Fabriken sogar vorübergehend dicht. Das alles führte zu einem Einbruch der Wirtschaftsleistung.

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Ein maßgeblicher Grund für die gestiegenen CO₂-Emissionen im Jahr 2021 war die ökonomische Erholung, die eine enorme Preisdynamik für verschiedene Energieträger brachte. Zudem war der Anteil der erneuerbaren Energien relativ niedrig – vor allem, weil weniger Wind wehte. Dadurch kamen fossile Brennstoffe bei der Stromerzeugung stärker als im Vorjahr zum Tragen. Besonders die extrem klimaschädliche Braunkohle profitierte von den Verschiebungen, obwohl die Betreiber der Kraftwerke 2021 für den Brennstoff deutlich teurere Emissionszertifikate kaufen mussten.

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Die preiswerte Braunkohle hatte unter dem Strich dennoch auch gegenüber dem klimafreundlicheren Gas große Vorteile, denn die Gaspreise erlebten im Großhandel an den Rohstoffbörsen im vorigen Jahr einen bislang einmaligen Preisschub, der durch eine massiv steigende Nachfrage bedingt war.

Ampelkoalition will Anteil der Erneuerbaren von 42,3 auf 80 Prozent steigern

Der Anteil der erneuerbaren Energien am Stromverbrauch lag laut Agora im vergangenen Jahr nur bei 42,3 Prozent, das sind gut drei Prozentpunkte weniger als 2020. SPD, Grüne und FDP haben sich im Koalitionsvertrag das Ziel gesetzt, den Anteil auf 80 Prozent im Jahr 2030 zu steigern.

Deutschland hat spezifische Ziele für verschiedene Wirtschaftssektoren. Während Industrie, Stromerzeugung und Landwirtschaft nach Agora-Berechnungen ihre Ziele für 2021 erreicht haben, verfehlten Gebäudesektor und Verkehr sie. Die Analysen von Agora Energiewende beruhen unter anderem auf Zahlen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen, aber auch eigenen Berechnungen. Eigene Zahlen zum CO₂-Ausstoß für 2021 wird die Bundesregierung noch vorstellen.

Ausbau der Erneuerbaren muss beschleunigt werden

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Der Anstieg des CO₂-Austoßes hatte sich schon länger abgezeichnet. Schon im Dezember hatte das RND über das Verfehlen der Klimaziele auf der Basis von Daten des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) berichtet. ISE-Forscher Bruno Burger hatte seinerzeit unter anderem gefordert, die deutschen Stromexporte zu reduzieren und den Ausstieg aus der Braunkohle zu beschleunigen.

Bereits im Spätsommer hatte Agora Energiewende ein Sofortprogramm für die ersten 100 Tage der neuen Bundesregierung gefordert. „Erneuerbaren-Ausbau, Kohleausstieg, Effizienz, Elektrifizierung von Gebäude und Verkehr – überall ist eine Verdoppelung bis Verdreifachung des Tempos angesagt“, betonte seinerzeit Agora-Direktor Patrick Graichen. Er ist mittlerweile Staatssekretär im Wirtschafts- und Klimaschutzministerium.

Die Denkfabrik macht sich nun für eine „Ausbauoffensive für Solarenergie“ stark. Zudem müssten genug Flächen für die Windkraft gesichert und der Aus- und Umbau der Energienetze geplant werden.

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Wirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck (Grüne) hatte vor Kurzem zusätzliche Anstrengungen beim Klimaschutz angekündigt. „Wir werden unsere Ziele vermutlich auch für 2022 noch verfehlen, sogar für 2023 wird es schwer genug“, sagte er in einem Interview.

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