Das neue VW-Verfahren ist nicht überraschend, aber heikel

  • Dass die Staatsanwaltschaft Braunschweig Anklage gegen die VW-Spitze erhebt, ist keine Überraschung.
  • Bei dem Verfahren wird die Schuldfrage aber schwer zu beantworten sein.
  • Trotzdem ist es ein heikles Verfahren – besonders für VW-Chef Diess und Aufsichtsratschef Pötsch, meint unser Autor.
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Wolfsburg. Überraschend kommt die Entscheidung der Staatsanwaltschaft Wolfsburg nicht mehr. Sehr lange hat sie ermittelt, um nun zu dem Schluss zu kommen: Die VW-Spitze hätte öffentlich früher über die Folgen des Dieselbetrugs informieren müssen. Wohlgemerkt: Es geht hier nicht um den Betrug selbst und wer ihn begangen hat, sondern um die Frage, wann seine dramatischen Folgen für das VW-Geschäft klar waren. Dann nämlich hätten die Kapitalmärkte augenblicklich vor dem Kurssturz der Aktie gewarnt werden müssen.

Zum Hintergrund: Nach Anklage: VW-Aufsichtsrat will „erst mal“ an Diess und Pötsch festhalten

Für die Autokäufer, die sich mit manipulierten Motoren und mehr oder weniger geglückten Nachbesserungen herumärgern, ist das nicht die wichtigste Frage in diesem Skandal. Für den Konzern aber ist sie besonders heikel, denn sollte das Gericht die Anklage annehmen, steht sein aktuelles Spitzenduo vor dem Kadi. Spätestens dann werden die mühsamen Reparaturarbeiten am VW-Image wieder zunichtegemacht.

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VW-Spitze in Dieselskandal angeklagt
1:09 min
Amtierende und ehemalige Führungskräfte von Volkswagen sind verklagt worden, der Vorwurf: Marktmanipulation.  © AFP

Zudem haben all die Spekulanten Oberwasser, die den Konzern schon jetzt wegen angeblicher Falschinformation auf Schadensersatz in Milliardenhöhe verklagen. Der Konzern hätte sich das – wie so vieles – ersparen können, wenn er nicht so lange über Aufklärung geredet, sondern sie auch transparent betrieben hätte. Erst als das nicht geschah, erstattete die Finanzaufsicht Bafin Anzeige. So weit muss man es als Konzernvorstand erst einmal bringen.

Sind Diess und Pötsch den Ärger noch wert?

Nun muss eine Anklage sein, um die Aufklärungsarbeit zu leisten. Das ist richtig so, denn der Konzern selbst hat die Vorgänge rund um den Dieselbetrug bis heute nicht vollständig aufgeklärt und behält Untersuchungsergebnisse entgegen früheren Zusagen in der Schublade. Das Verfahren bringt den Vorstandschef Herbert Diess und den Aufsichtsratsvorsitzenden Hans Dieter Pötsch unvermeidlich ins Wanken.

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Doch kippen werden sie noch nicht. Denn abgesehen davon, dass beide in einer extrem schwierigen Phase des Unternehmens schwer ersetzbar sind, ist die Schuldfrage bei diesem Kapitalmarktverfahren sehr viel schwerer zu beantworten als beim eigentlichen Dieselbetrug. Die Anklage ist zumindest auf den ersten Blick wackliger, die Chance auf einen Freispruch größer. Zwingend ist die Ablösung von Pötsch und Diess erst bei einem Schuldspruch. Bis dahin wird der Aufsichtsrat aber oft prüfen, ob die beiden den Ärger noch wert sind.