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Cell Broadcast: Dieser Dienst soll besser vor Katastrophen schützen

  • Der schon vor vielen Jahren entwickelte Mobilfunkdienst Cell Broadcast ist robust und zuverlässig.
  • Neue Apps wie Nina oder Katwarn bieten zwar mehr Möglichkeiten, zeigen aber auch einige Schwächen.
  • Katastrophen­schützer prüfen die Einführung einer zusätzlichen Plattform.
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Frankfurt. Japan nutzt die Technik. Und auch Kanada oder Neuseeland setzen Cell Broadcast ein. Dahinter steckt ein Verfahren, das einfach und robust ist, um Menschen vor Katastrophen zu schützen. Armin Schuster, Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), hat das Alarmsystem mittels Mobilfunk nun wieder ins Gespräch gebracht. Dabei wollte die Politik bislang davon nichts wissen.

Nach den schweren Überschwemmungen vor allem im Westen der Republik wird massiv Kritik am Katastrophenschutz geübt. Viele Menschen starben, weil sie offenbar die Wucht der Wassermassen und die Geschwindigkeit der Flutwellen falsch eingeschätzt hatten. Vieles spricht dafür, dass Menschen insbesondere an der Ahr, als sie vom Hochwasser hörten, noch schnell in den Keller wollten, um Kleidungsstücke oder Möbel zu retten. Sie wurden von den Wassermassen überrascht und ertranken.

Hätte das verhindert werden können? Diese Frage bewegt gerade die Republik. Das Alarmieren mit Sirenen ging nicht mehr, denn sie wurden nach dem Ende des Kalten Krieges weitgehend abgebaut. Schuster sprach sich am Montag in einem Interview mit dem Deutschlandfunk für Cell Broadcast als eine mögliche Alternative aus. Er gab aber zugleich zu bedenken, dass dies ein kostspieliges Verfahren sei.

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Es handelt sich dabei um einen Mobilfunkdienst zum Versenden von Nachrichten an alle Nutzer, deren Handys an einem Funkmast eingebucht sind und die den Dienst aktiviert haben. Technisch ähnelt es dem SMS-Verfahren, das fürs Versenden von Textnachrichten sehr beliebt war – bevor Whatsapp kam. Fachleute sprechen von wenig „externen Abhängigkeiten“ – also von Netzbetreibern und Handyhersteller –, da das Verfahren ein Teil der technischen Mobilfunk­standards ist. Es gilt wegen seines einfachen Aufbaus zudem als robust.

Die Kosten für einen Cell-Broadcast-Dienst müsste der Staat tragen. Schuster sprach von 30 bis 40 Millionen Euro, die als „Startvolumen“ zur Installierung des Systems nötig werden. Seine Behörde prüfe derzeit, ob der Dienst als zusätzliche Plattform für Warnmeldungen sinnvoll sei.

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Der Bund ist in der Pflicht

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Auf eine Anfrage des Redaktions­Netzwerks Deutschland teilte die Deutsche Telekom mit: Cell Broadcast könne selbstverständlich eingeführt werden. Die Telekom selbst sei dafür nicht zuständig. Der Auftrag dafür müsse vom Bund kommen.

Vodafone weist darauf hin, dass die Behörden einige Warnsysteme aufgebaut hätten, bei denen Mobilfunknetze genutzt werden. So könne über Anwendungen wie Katwarn und Nina gezielt vor Unwettern gewarnt werden. Bei Katwarn passiere dies postleitzahlengenau per SMS, E‑Mail oder über eine Handy-App. Nina stehe ausschließlich über eine Handy-App zur Verfügung. Beide Apps nutzen die Daten des Deutschen Wetterdienstes, um vor Unwetterlagen zu warnen.

In den Katastrophen­gebieten in NRW und Rheinland-Pfalz standen die Netze von Vodafone und damit auch die Warn-Apps dem Unternehmen zufolge vor dem Unwetter komplett zur Verfügung. Andere technische Systeme wie Cell Broadcast seien in Deutschland von den Behörden nicht implementiert worden, so Vodafone.

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Hochwassergebiet: Seehofer und Laschet besuchen Steinbachtalsperre
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Bundesinnenminister Horst Seehofer und NRW-Ministerpräsident Armin Laschet machen sich an der Steinbachtalsperre bei Euskirchen ein Bild von der Lage.  © Reuters

Ein Telefonica-Sprecher wies darauf hin, dass andere EU-Länder SMS beziehungsweise Cell Broadcast zur Information der Bevölkerung nutzten. Die Einführung hierzulande mit Blick auf die Umsetzung der neuen EU-Telekommunikations­richtlinie werde durch die zuständigen Behörden geprüft.

Katwarn und Nina konnten beim Hochwasser kaum helfen

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Der Nutzen von Katwarn und Nina war bei den Überflutungen in der vergangenen Woche nach Einschätzung von Fachleuten gering. Ein Problem ist, dass die Zahl der Nutzerinnen und Nutzer überschaubar ist. Bei Nina etwa sind des aktuell neun Millionen. Laut einer Umfrage des BBK ist die App gerade einmal bei 15 Prozent der Bevölkerung bekannt.

Hinzu kommen Probleme mit der Zuverlässigkeit. Beim sogenannten bundesweiten Warntag im vorigen Jahr stellte sich heraus, dass bei beiden Anwendungen die Warnungen gar nicht oder nur mit starker Verzögerung ankamen. Was gerade bei einer Flutkatastrophe fatal ist. Auch in der vergangenen Woche sollen die Benachrichtigungen zwar in einigen Regionen angekommen sein, in anderen aber nicht.

Behörden und Regierung wollten wohl modernere Lösung als Cell Broadcast

Ein Grund für die Verzögerungen könnte eine hohe Auslastung der Netze gewesen sein. Hinzu kommt, dass insbesondere bei Nina bei bestimmten Smartphones der Stromverbrauch enorm hoch sein soll, was zum Abschalten der App durch die Nutzerinnen und Nutzer führen könnte. Ferner läuft Nina auf älteren Geräten nicht.

Warum dann nicht das robuste und bewährte Cell-Broadcast-System? In Mobilfunk­kreisen heißt es, über Anwendungen zur Warnung der Bevölkerung sei lange mit Verantwortlichen diskutiert worden. Die Behörden und die Bundesregierung hätten sich letztlich aber gegen Cell Broadcast ausgesprochen, weil man die Technik für veraltet halte und sich eine modernere Lösung gewünscht habe.

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