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Schließungen bei Karstadt Kaufhof – wie geht es weiter?

  • Karstadt Kaufhof wird Filialen schließen müssen.
  • Unklar ist bisher jedoch, welche Standorte aufgelöst werden.
  • Wir beantworten die zehn wichtigsten Fragen zu den Plänen von Karstadt Kaufhof.
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Das Management der Warenhauskette Karstadt Kaufhof hat Vertretern der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi Pläne zur Schließung eines großen Teils der Filialen präsentiert. Wir erläutern, warum es auf einen Häuserkampf um jeden Standort hinausläuft.

Wie weit sind die Pläne für Filialschließungen?

Vieles ist noch unklar, zugleich ist der Handlungsdruck groß. Schon Anfang April hatte die Warenhauskette ein Schutzschirmverfahren auf den Weg gebracht – das ist die mildeste Form eines Insolvenzverfahrens. Durch die im Zuge der Corona-Krise angeordnete zeitweise Komplettschließung von 172 Warenhäusern, 30 Sporthäusern und 51 Feinkostfilialen sollen allein 500 Millionen Euro Umsatz verloren gegangen sein. Die Einnahmeeinbußen würden sich auch wegen der Kaufzurückhaltung der Kunden weiter fortsetzen, so der gerichtlich bestellte Sachwalter Frank Kebekus und der Generalbevollmächtigte Arndt Geiwitz.

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Wie hoch ist die Zahl der bedrohten Standorte?

Auch hierzu gab es bislang keine konkreten Angaben. Kebekus hatte in einem Interview angedeutet, dass mindestens 58 Warenhäuser zur Disposition stehen. In einem Brief an den Gesamtbetriebsrat war von bis zu 80 Filialen die Rede. Ein entsprechender Arbeitsplatzabbau könne die Folge sein. In Gewerkschaftskreisen wird gemutmaßt, dass bis zu 10.000 Frauen und Männer der insgesamt rund 35.000 Beschäftigten um ihre Jobs bangen müssen.

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Wie hat Verdi reagiert?

Mit Empörung. Die Verdi-Tarifkommission für Karstadt Kaufhof hat am Dienstagabend “ein sofortiges Umdenken” bei der Erstellung des Sanierungskonzeptes für die Warenhauskette verlangt. Die Generalbevollmächtigten sowie das Management hätte keinerlei neue Ideen für ein tragfähiges, nachhaltiges Zukunftskonzept vorgebracht. Verdi-Verhandlungsführer Orhan Akman betonte, dass vom Eigentümer nun “eine detaillierte Investitionsplanung” kommen müsse.

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Der österreichische Immobilieninvestor René Benko hatte zunächst Karstadt und Ende 2018 Kaufhof erworben, um danach die beiden Warenhausketten zu fusionieren. Immer wieder kam in der Vergangenheit der Vorwurf, dass Benko vor allem an der Verwertung der Immobilien und weniger am Warenhausgeschäft interessiert sei. Zu den aktuellen Schließungsplänen hat sich Benko bislang nicht geäußert.

Welche Rolle spielt die Pandemie für die Schieflage?

Sie wirkt wie ein Verstärker. Zwar hatte die Geschäftsführung Ende vorigen Jahres eine umfassende Standort- und Beschäftigungssicherung für fünf Jahre mit Verdi beschlossen. Auch wurde festgeklopft, dass in diesem Jahr mindestens 700 Millionen Euro in die Modernisierung der Häuser investiert werden soll. Beinahe zeitgleich wurde aber bekannt, dass schon damals – also vor Corona – die Geschäftsführung für 2020 mit einem Nettoverlust von mehr als 100 Millionen Euro kalkulierte.

Was läuft bei dem Warenhauskonzern schief?

Die Warenhäuser stecken seit Jahren in einer tiefen Krise. Modernisierungen wurden über Jahre versäumt. Experten sehen aber auch strukturelle Probleme: “Das Warenhaus wird von mehreren Seiten bedroht: vom Onlinehandel, von Spezialanbietern für wichtige Sortimente und durch ein verändertes Käuferverhalten. Dieser Strukturwandel lässt sich nicht stoppen”, sagte Christian Schulz-Wulkow von der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Deshalb werde man “weitere Veränderungen auch bei Häusern in besten Lagen sehen”.

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In welche Richtungen werden die Veränderungen gehen?

Für Schulz-Wulkow geht es darum, die “Produktivität der Flächen” zu erhöhen. Dazu zählt er unter anderem auch, das Sortiment zu “fokussieren” und verstärkt auf Shop-in-Shop-Lösungen zu setzen. Für freigewordene Flächen könnten dann neue Nutzungen gefunden werden, “die zu den tiefen, fensterlosen Flächen passen”. Das könnten großflächige Coworking-Büros, Fitnessstudios oder auch Gastronomie-Angebote sein. Denkbar sei auch, dass sich in den unteren Geschossen noch Einzelhandelsgeschäfte befinden, in den Stockwerken darüber können beispielsweise auch Hotels entstehen – mit einer Bar auf dem Dach.

Wie stellen sich die Gewerkschafter den Wandel vor?

“Weitere massive Eingriffe in die bestehenden Löhne und Gehälter sind keine Lösung”, heißt es in einer Erklärung der Kommission. Ohne ein tragfähiges und nachhaltiges Zukunftskonzept, an dem die Beschäftigten maßgeblich beteiligt werden, werde die Tarifkommission keinen Plänen vom Generalbevollmächtigten und Sachwalter sowie Management zustimmen. Schon im Tarifvertrag von Ende 2019 war festgelegt worden, dass Beschäftigte und Gewerkschafter “umfangreich an der strategischen Unternehmensentwicklung” beteiligt werden. Dazu zähle unter anderem die Sortimentspolitik, die Verknüpfung von Online- und stationärem Handel und die Modernisierung von Filialen.

Welche Filialen sind am stärksten gefährdet?

Die kleineren Standorte in mittelgroßen Städten. Entsprechend warnen auch Vertreter von Kommunen, dass mit einer Schließung der Warenhäuser eine Verödung von Innenstädten drohe. EY-Experte Schulz-Wulkow bestreitet dies, räumt allerdings ein, dass es in Mittelstädten große Anstrengungen brauche, um eine Konversion der Standorte von Warenhäusern zu erreichen. “Da müssen die Stadtverwaltungen gemeinsam mit den Immobilieneigentümern Quartierslösungen entwickeln, die zum Ziel haben, eine Magnetwirkung zu erzielen und die Aufenthaltsqualität zu steigern.”

Das könne auch bedeuten, dass dort zusätzlich die Stadtbibliothek, das Bürgeramt oder andere kommunale Kultureinrichtungen angesiedelt werden. Zudem werde es entscheidend sein, dorthin die Einzelhandelskonzepte zu bringen, für die eine dauerhafte Nachfrage besteht.

Wie muss man sich die weitere Entwicklung bei Karstadt Kaufhof vorstellen?

Es stehen langwierige und komplizierte Verhandlungen an. Verdi will auf dem Tarifvertrag bestehen, der auch betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2024 ausschließt. Die Gewerkschaft will um jeden Arbeitsplatz kämpfen. Vieles spricht dafür, dass es eine Art Häuserkampf geben wird. Also Verhandlungen über jeder einzelne Filiale – ob und wenn ja, wie sie gerettet werden kann.

Welche Rolle spielt die Politik?

Bislang gab es lediglich Appelle für eine angemessene Sanierung. Akman fordert nun mehr: “Es ist jetzt Zeit für eine politische und finanzielle Unterstützung für die Beschäftigten durch die Politik in den Kommunen, Gemeinden sowie Landesregierungen und der Bundesregierung. Das beinhaltet auch die Unterstützung in Form von Staatshilfen. Wir müssen gemeinsam um jeden Arbeitsplatz kämpfen.”

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