Jugendforscher Hurrelmann: „Die Sorgen um die Zukunft sind berechtigt”

  • Wegen der heraufziehenden Corona-Rezession blicken junge Menschen pessimistischer in die Zukunft.
  • Das ist zum Teil berechtigt, sagt Jugendforscher Klaus Hurrelmann.
  • Im Interview erklärt er, warum junge Menschen trotzdem nicht verzweifeln müssen.
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Wegen des Coronavirus steht der Bundesrepublik eine womöglich beispiellose Wirtschaftskrise bevor. Schon jetzt melden sich immer mehr junge Menschen zu Wort, die sich deshalb massiv um Berufseinstieg, Studium oder Ausbildung sorgen. Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland erklärt einer der bekanntesten Jugendforscher der Bundesrepublik, Klaus Hurrelmann, warum sich Menschen zwischen 20 und 30 Jahren keine Riesensorgen machen müssen.

Herr Hurrelmann, in Deutschland zeichnet sich eine heftige Rezession ab. Schon häufen sich die Klagen junger Menschen, dass sie sich massiv Sorgen um ihre Zukunft machen. Ist das berechtigt?

Die Sorgen um die Zukunft sind berechtigt. Alle großen Krisen, die zu mehr Arbeitslosigkeit führten, haben diejenigen weniger hart getroffen, die schon im Berufsleben standen. Unser System macht es Berufseinsteigern schwerer, das haben wir schon bei der Finanzkrise gesehen.

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Wie würde sich das konkret äußern?

Für junge Menschen würde das niedrigere Einstiegsgehälter und kürzere Vertragslaufzeiten mit sich bringen. Und bei einigen könnte es bedeuten, dass sie keinen Arbeits- oder Ausbildungsplatz finden. Dann wird das schulische Übergangssystem wichtig, in dem schon in der Finanzkrise junge Menschen ohne Arbeit ihre Qualifikationen ausbauen konnten.

Prof. Klaus Hurrelmann arbeitet seit 2009 als Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin. In Deutschland gilt er als einer der prominentesten Jugendforscher, war unter anderem an den Shell-Studien zu den Einstellungen junger Menschen beteiligt. © Quelle: Privat

Für wie realistisch halten Sie ein Szenario, bei dem die Jugendarbeitslosigkeit massiv steigt?

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Im Moment zögern die Unternehmen bei Neueinstellungen. Das spüren viele junge Menschen, sie merken ja, dass sie keinen unterschriebenen Vertrag bekommen. Aber die Zurückhaltung könnte sich schon in einigen Wochen auflösen. Denn es gibt aus mehreren Gründen Anlass für Optimismus: Die Babyboomer gehen gerade in den Ruhestand, diese Generation ist fast doppelt so groß wie die, die jetzt auf den Arbeitsmarkt kommt. Die jungen Leute werden also gebraucht. Außerdem gilt: Für Unternehmen kann es sich lohnen, jetzt kreative und digitalaffine, junge Menschen einzustellen. Denn die Wirtschaft steht gerade vor großen Herausforderungen und braucht Innovation.

Es ist schwer, eine ganze Generation über einen Kamm zu scheren. Glauben Sie, dass es große Unterschiede innerhalb der jüngeren Jahrgänge gibt?

Wir bewegen uns auf eine Akademikerquote von 50 Prozent zu, es drängen also viele Hochqualifizierte auf den Arbeitsmarkt. Nochmal 25 Prozent sind keine Akademiker, aber trotzdem gut gebildet. Bei diesen 75 Prozent verzögert sich der Berufseinstieg vielleicht etwas, aber die Lebenschancen verändern sich kaum. Es bleiben 25 Prozent, die sich ohnehin in der Schule schwer tun und keinen Ausbildungsabschluss schaffen. Eine länger anhaltende Konjunkturflaute würde diese Gruppe sehr, sehr hart treffen.

Was macht das mit einer Generation, so einen schwierigen Start ins Berufsleben zu haben?

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Es kann Narben hinterlassen, wenn man merkt, dass man nicht ins System reinkommt. Das geschwächte Selbstwertgefühl zieht sich durch die ganze Berufslaufbahn durch. Diese Menschen sind diejenigen, die später immer wieder arbeitslos werden und die selten Karriere machen. Es kann wirklich zu lebenslangen Störungen führen, wenn in der sensiblen Phase des Berufseinstiegs etwas schief geht.

Junge Menschen sind Krisen gewohnt

Wie geht diese junge Generation eigentlich grundsätzlich mit Krisen um?

Nur die unter-20-Jährigen haben eine längere Periode erlebt, in der sie sich keine Sorgen um die berufliche Zukunft machen mussten - da standen die Unternehmen quasi vor dem Schultor, um dort um Nachwuchs zu werben. Die Generationen Y und Z sind krisenerprobt. Die haben den 11. September, die Finanzkrise und Fukushima erlebt. Für die ist es zur zweiten Natur geworden, stets einen Plan B zu haben. Zum Teil wird die Unsicherheit auch positiv bewertet, weil sie die Möglichkeit bietet, sich umzuorientieren. Ältere Generationen werden von Unsicherheit oft gelähmt. Jüngere Menschen reagieren mit mehr Flexibilität.

Trotzdem sind die aktuellen Sorgen ja real. Was würden Sie dem Nachwuchs gerade raten?

Die Hochqualifizierten sollten auf ihre sehr gute Qualifikation vertrauen. Sie müssen nur abwarten, sie haben objektiv gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Der mittleren Gruppe würde ich raten, sich fortzubilden und nicht um jeden Preis auf den Arbeitsmarkt zu stürmen. Vielen jungen Menschen war es zuletzt wichtig, dass ein Job nicht nur Joch, sondern auch Freude mit sich bringt - das kann so bleiben. Bei der dritten Gruppe ist guter Rat teuer. Die sollten gerade eigentlich alles daran setzen, ihr Qualifikationsniveau zu verbessern.

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