Insolvente Airline

Alitalia bleibt Spielball der römischen Politik

Ein Flugzeug der italienischen Fluggesellschaft Alitalia. Die Airline hat seit 2000 keinen Gewinn mehr gemacht.

Ein Flugzeug der italienischen Fluggesellschaft Alitalia. Die Airline hat seit 2000 keinen Gewinn mehr gemacht.

Rom. Die Regierung werde sofort exklusive Verhandlungen über die Abtretung eines Mehrheitsanteils an ein Konsortium aus Certares, Air France-KLM und Delta Air Lines führen, teilte das italienische Finanzministerium gestern mit. Dieses besitzt seit der Insolvenz der Alitalia und der Gründung der Nachfolgegesellschaft im Oktober 2021 formell 100 Prozent des Aktienkapitals der ITA Airways. Die neuen Mehrheitseigner wollen laut italienischen Medienberichten 55 Prozent der Anteile übernehmen; die verbleibenden 45 Prozent behält der italienische Staat, dessen Einfluss bei der Alitalia-Nachfolgerin entsprechend groß bleiben wird. Das Konsortium aus Certares, Air France-KML und Delta bietet laut den Berichten 600 Millionen Euro für den 55-Prozent-Anteil an ITA Airways.

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Für die Alitalia-Nachfolgerin interessiert hatte sich auch die Lufthansa, die sich mit Blick auf die erhoffte Übernahme mit der schweizerisch-neapolitanischen Großreederei MSC zusammengetan hatte. Experten hatten der Bewerbung von Lufthansa/MSC eigentlich die besseren Chancen für den Zuschlag gegeben. Allerdings: Lufthansa und MSC wollten einen deutlich höheren Anteil an ITA Airways übernehmen, nämlich 80 Prozent der Anteile. „Wir sind weiter der Überzeugung, unser Angebot mit MSC wäre die bessere Lösung gewesen“, schrieb die Lufthansa gestern in einer Pressemitteilung. „Aber offenbar geht man den Weg mit mehr Staatseinfluss und keiner vollständigen Privatisierung.“

Draghi beugt sich politischem Druck

In der Tat dürfte die Regierung bei ihrem Entscheid in nicht geringem Maße von politischen Überlegungen geleitet worden sein. Denn Giorgia Meloni, glühende Nationalistin und Favoritin bei den Parlamentswahlen am 25. September, hatte Druck gemacht und in den letzten Wochen wiederholt erklärt, dass sie gegen einen Verkauf von ITA Airways sei: „Es ist meiner Meinung nach sehr wichtig, dass wir den Staatsflieger behalten“, betonte die Führerin der postfaschistischen Fratelli d‘Italia und wahrscheinliche Nachfolgerin Draghis an der Regierungsspitze. Ministerpräsident Mario Draghi sei nach seinem Sturz im Juli nur noch geschäftsführend im Amt und damit politisch nicht mehr autorisiert, derart wichtige Entscheidungen zu fällen, sagte Meloni: „In wenigen Wochen kann sich alles ändern – es wird die neue Regierung sein, die über das Schicksal der Airline entscheidet.“

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Draghi, der dem Vernehmen nach wie die meisten Experten ebenfalls die Lösung mit Lufthansa und MSC vorgezogen hätte, scheint sich nun dem politischen Druck gebeugt zu haben. Das lässt auch die Pressemitteilung des Finanzministeriums erahnen, in welcher unterstrichen wird, dass man mit Certares, Air France-KML und Delta erst dann zu einem verbindlichen und definitiven Abschluss kommen werde, „wenn der Inhalt für den Verkäufer vollumfänglich zufriedenstellend ist“. Die schwammige Formulierung wird es den Wahlsiegern vom 25. September erlauben, den Deal unter einem beliebigen Vorwand platzen zu lassen.

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Seit 2000 keinen Gewinn mehr gemacht

Es wäre nicht das erste Mal, dass der Verkauf des maroden italienischen Staatscarriers wegen eines politischen Machtwechsels scheitern würde, und auch das Opfer wäre wieder dasselbe: Air France-KML. Bereits 2007 wollte der damalige Mitte-Links-Premier Romano Prodi die Alitalia an die französisch-holländische Airline verkaufen, doch dann siegte bei den Wahlen Silvio Berlusconi und blockierte die Pläne im Namen der „Italianità“ der Alitalia. Nach dem Wahlsieg verhökerte Berlusconi das fliegende Milliardengrab an eine Gruppe von „capitani coraggiosi“, mutige Wirtschaftskapitäne, rund um den Piaggio-Chef Roberto Colaninno. Nachdem die Alitalia das gesamte Startkapital der Kapitäne verbrannt hatte, warfen diese das Handtuch, und die arabische Etihad versuchte ihr Glück mit der Airline. Das Experiment endete ebenfalls in einem Milliardenverlust.

15 Jahre und 10 Milliarden Euro an verpulverten staatlichen Finanzspritzen später steht Italien mit seiner „compagnia di bandiera“ wieder am gleichen Punkt: Wie im Jahr 2007 soll Air France-KML den Steuerknüppel bei Alitalia/ITA Airways übernehmen. Die Fluggesellschaft, die seit dem Jahr 2000 nie mehr einen Gewinn erzielt hat, ist inzwischen ein Zwerg geworden: Von den 20.000 Angestellten sind nur noch 3000 übrig geblieben, die Flotte zählt noch 50 Flieger. Und wie 2007 stehen wieder Wahlen an, an denen die Übernahme noch scheitern könnte. Auch Berlusconi, dessen Partei mit Melonis Fratelli d’Italia und der ebenfalls protektionistischen Lega ein Wahlbündnis eingegangen ist, wird beim Verkauf von Alitalia/ITA Airways wieder mitmischen.

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