IT-Infrastruktur: Wie Europa mit Gaia-X eine eigene Cloud schafft

  • Vom Büro ins Homeoffice: Die Cloud macht’s möglich, ohne entsprechende Dienste geht nichts mehr.
  • Mit Gaia-X haben Deutschland und Frankreich jetzt ihre Pläne für ein Netz von Rechenzentren vorgestellt.
  • Damit sollen Unternehmen in Europa gestärkt werden – und unabhängig werden von den USA und China.
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Millionen von Arbeitnehmern haben in den vergangenen Wochen eine Lernerfahrung gemacht. Nämlich, wie schnell es geht, vom Arbeiten im Büro auf das Homeoffice umzustellen. Möglich macht’s die Cloud. Also das Nutzen von Programmen und Daten, die in der Datenwolke abgespeichert sind und deshalb von überallher abgerufen werden können. Ohne Clouddienste geht gar nichts mehr. Und damit Unternehmen in Europa nicht von Anbietern aus den USA und China abhängig werden, haben die deutsche und die französische Regierung am Donnerstag ihre Pläne für ein Netz von Rechenzentren vorgestellt, die eine unabhängige und offene Infrastruktur bilden sollen: Gaia-X heißt das höchst ehrgeizige Projekt.

Altmaier spricht von “Moonshot in der Digitalpolitik”

Für Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) steht die Initiative in engem Zusammenhang mit dem milliardenschweren Wiederaufbauplan der EU. Mit Gaia-X strebe man “nichts Geringeres an als einen europäischen Moonshot in der Digitalpolitik”, sagte er am Donnerstag. Bruno Le Maire, Frankreichs Wirtschafts- und Finanzminister, betonte, in der Corona-Krise sei klar geworden, wie wichtig eine sichere IT-Infrastruktur sei, auch für die Telearbeit. Dabei dürfe man nicht von anderen Großmächten abhängig sein. “Wir sind nicht die USA, wir sind nicht China, wir sind europäische Länder mit eigenen Interessen und Werten.”

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22 Unternehmen aus Deutschland und Frankreich wollen nun eine internationale, nicht gewinnorientierte Organisation nach belgischem Recht gründen, die sich zügig an die Umsetzung machen soll – und zwar unter Wahrung strenger Datenschutzvorschriften. Der hiesige Branchenverband Bitkom nannte die Gründung einen “Meilenstein auf dem Weg zu einer europäischen Cloud- und Dateninfrastruktur”. Gaia-X müsse möglichst bald erste Angebote auf den Markt bringen. Früheren Angaben zufolge kann Ende 2022 damit begonnen werden.

Zu Beginn wurde das Projekt noch belächelt

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Der Name entstammt der griechischen Mythologie. Gaia ist die Urgottheit der Erde. Darunter wollten es Altmaier und Le Maire nicht angehen. Als Altmaier das Projekt aber vor gut einem halben Jahr der Öffentlichkeit präsentierte, wurde es von manchem Experten belächelt und von anderen mit einem Stirnrunzeln bedacht. Schließlich ist die Aufgabe enorm.

Für Marktforscher besteht indes kein Zweifel: Die Cloud ist der wichtigste Baustein für die Informationstechnik der Zukunft. Sie bringt Wettbewerbsvorteile. Denn Unternehmen können damit riesige Rechenleistung nach Bedarf abrufen. Das ist erheblich billiger, als eigene Server zu unterhalten. Noch viel wichtiger dürfte werden, dass Clouddienste riesige Datenmengen (Big Data) liefern können. Je größer diese sind, desto besser lassen sich Analyseprogramme mit sogenannter künstlicher Intelligenz fahren. Nicht nur Systeme zur Steuerung des Verkehrs oder der Stromerzeugung werden künftig mit solchen Algorithmen arbeiten, sondern auch Forschung und Entwicklung, Vertrieb und Marketing in Unternehmen. Davon wird wirtschaftlicher Erfolg maßgeblich abhängen.

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Noch kontrollieren drei US-Konzerne die Datenwolken – und ein Onlinegigant aus China

Kontrolliert werden die Datenwolken bislang vor allem von den drei US-Konzernen Amazon, Microsoft und Google. Hinzu kommt der chinesische Onlinegigant Alibaba. Amazon Web Services ist mit weitem Abstand der Marktführer unter den sogenannten Hyperscalern – mit einem Umsatz von rund 10 Milliarden Dollar im ersten Quartal 2020. Microsoft ist stark im Geschäft, weil vor allem die Bürosoftware Office immer häufiger auf Cloudplattformen betrieben wird.

Das Gaia-Projekt beruht auf der Idee, dieser Macht etwas unter eigener Kontrolle entgegenzusetzen. Und inzwischen gibt es auch einige Erfolge zu vermelden. Laut Bundeswirtschaftsministerium sind schon rund 300 Unternehmen in das Projekt eingebunden. Europas größte Softwareschmiede SAP gehört genauso dazu wie die Deutsche Telekom oder viele Start-ups.

Auch die US-Giganten wollen Teil des Netzwerks werden

Aber auch Amazon, Microsoft und Co. selbst bemühen sich mittlerweile, Teil des Gaia-X-Netzwerks zu werden. Wobei viele Fragen offen sind, wie das alles zusammenspielen soll. Denn die US-Größen setzen auf proprietäre Lösungen. Das heißt, Daten, die im Netzwerk eines Konzerns gespeichert sind, lassen sich nicht so einfach auf ein anderes überspielen. Experten sprechen vom Lock-in-Effekt. So sollen Kunden gebunden werden.

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Das widerspricht aber dem Grundgedanken von Gaia-X. Es geht nämlich darum, dass sich viele verschiedene Anbieter von Rechenleistung – große und kleine – zusammenschalten und einen Datenaustausch organisieren. Immerhin wird damit eine Struktur geschaffen, die Experten des US-Marktforschers Gartner für einen der wichtigsten Trends in der künftigen IT-Welt halten: die sogenannte Distributed Cloud.

Geld kommt von der EU – und den nationalen Regierungen

Aber genau damit verbinden sich komplexe Probleme. So halten es Branchenkenner für wenig wahrscheinlich, dass Amazon oder Google auf die Exklusivität ihrer eigenen Plattformen verzichten, denn damit sind eigene attraktive Dienstleistungen verknüpft. Insider mutmaßen, dass es den Konzernen vor allem darum gehen könnte herauszufinden, was die Europäer da auf die Beine stellen wollen. Sehr aufwendig dürfte es überdies werden, gemeinsame Standards für Schnittstellen oder den Nutzerzugang zu entwickeln. Geld für all dies soll unter anderem aus dem EU-Budget kommen. Binnenmarktkommissar Thierry Breton hatte im Februar 2 Milliarden Euro versprochen. Weitere bis zu 6 Milliarden Euro sollen von nationalen Regierungen und von Unternehmen kommen.

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