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  • Interview zum Weltfrauentag 2021: Diversity-Fürsprecherin Grohnert für mehr Vielfalt in Wirtschaft

Diversity-Fürsprecherin Grohnert: „Es ist Zeit, alles infrage zu stellen“

  • Ana-Cristina Grohnert berät seit Jahrzehnten Unternehmen, hat früher unter anderem bei der Allianz und der Unternehmensberatung Ernst & Young gearbeitet.
  • Die Topmanagerin und Vorsitzende der Charta der Vielfalt kämpft dabei für mehr Diversity.
  • Doch sie ist überzeugt, dass sich in der Wirtschaft auch auf anderen Ebenen mehr tun muss, um zukunftsfähig zu werden.
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Es ist Weltfrauentag – doch der Kampf um Gleichberechtigung ist nicht mehr das einzige Thema, das Ana-Cristina Grohnert bewegt. Die frühere Topmanagerin und Unternehmensberaterin setzt sich zwar seit Jahren für mehr Vielfalt in der Wirtschaft ein. Doch obwohl sie das weiterhin für zentral hält, hat Grohnert nun ein Buch geschrieben, in dem es um mehr geht. Denn die Beraterin ist überzeugt, dass sich die Wirtschaft grundlegender verändern muss.

Frau Grohnert, In Deutschland gibt es wenig Frauen in Führungspositionen, bei der Charta der Vielfalt ringen Sie damit seit Jahren. Warum ist das so schwer?

Bei dem Thema zeigt sich, wie schwer es ist, Monokulturen aufzubrechen. Wir sind alle daran gewöhnt, ein bestimmtes Bild von einer Führungskraft zu haben. Wir glauben, dass der mittelalte weiße Mann das richtige Vorbild ist – und das perpetuiert sich seit Jahren. Dabei kann das Bild einer Führungskraft ganz anders aussehen – etwa eine andere Herkunft haben oder weiblich sein.

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Der Internationale Frauentag ist mittlerweile in einigen Bundesländern ein Feiertag der Gleichberechtigung geworden. Bei der Charta der Vielfalt geht es aber um mehr als nur um gleiche Rechte und Chancen, oder?

Diversity ist für uns kein Charity-Projekt, sondern ein ökonomisch sinnvolles Prinzip. Wir sind überzeugt, dass Diversität die Unternehmen und den Standort innovativer, zukunftsfähiger und lernfähiger macht. Aber wir alle, die Vielfalt hochhalten, stehen natürlich auch für Gleichberechtigung ein. Da sind wir auch intrinsisch (aus eigenem Antrieb, Red.) motiviert, einfach weil Gerechtigkeit und Teilhabe wichtige gesellschaftliche Werte sind.

Ana-Christina Grohnert ist Vorstandsvorsitzende der Charta der Vielfalt. Der Verein unter Schirmherrschaft von Bundeskanzlerin Angela Merkel setzt sich seit vielen Jahren dafür ein, dass Unternehmen vielfältiger werden. Die 54-jährige Grohnert ist dabei mit der Welt Unternehmen gut vertraut, arbeitete unter anderem als Managerin bei der Unternehmensberatung Ernst & Young und bei der Allianz-Gruppe. In ihrem jüngst erschienen Buch „Das verborgene Kapital“ (Campus-Verlag) zeigt Grohnert nun auf, dass die Wirtschaft sich grundlegender wandeln muss: Nachhaltigkeit, Vielfalt und Wertschätzung sollten aus ihrer Sicht eine Größere Rolle spielen. © Quelle: Privat

Um Werte geht es auch in Ihrem ersten Buch – allerdings beschäftigen Sie sich da längst nicht nur mit Diversität, sondern auch mit dem Klimawandel. Wie ist das zustande gekommen?

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Vielfalt ist ein Erfolgsfaktor für viele Herausforderungen. Dabei geht es auch um Anpassungsfähigkeit, und in den vergangenen 30 Jahren habe ich immer wieder beobachtet, wie schwierig Anpassungen sind. Aber das liegt eben nicht nur an besagten Monokulturen, sondern auch an Zielsystemen, die zum Beispiel nicht auf Nachhaltigkeit ausgerichtet sind. Wir Führungskräfte sehen wegen der Zielsysteme, der Kurzfristigkeit und der Task-Orientierung manchmal das große Ganze nicht. Und wir wollen es auch nicht sehen, weil wir gelernt haben, anders Antworten zu suchen.

Aber was sind die Werte, um die es gehen sollte?

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Es geht letztlich darum, Wirtschaft und Menschen wieder besser zusammenzubringen und den Menschen bei allen wirtschaftlichen Unternehmungen wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Jedes Unternehmen muss sich selbst fragen, wo seine Daseinsberechtigung liegt, wie es das Leben von Kunden und auch Beschäftigten besser machen kann. Dazu gehört eben auch, beispielsweise klimagerecht zu produzieren und gesamtgesellschaftliche Werte wie Menschenrechte und Sozialstandards zu achten und auch weiterzuentwickeln.

Und warum fällt es Unternehmen und Managern oft schwer, dem gerecht zu werden?

Bleiben wir bei der Nachhaltigkeit: Der Klimawandel ist ein Problem, auf das wir keine endgültige Antwort kennen. Aber wir wissen, dass wir irgendwann CO₂-neutral werden müssen, deshalb könnten wir uns das als Ziel vornehmen. Das machen immer mehr Unternehmen, aber sie integrieren es oft nicht in die Zielvereinbarungen der Mitarbeiter. Und bei der Umsetzung sieht man dann einige gute Projekte, aber nicht alle im Unternehmen sind motiviert, auf dieses Ziel einzuzahlen. Wenn man etwa das Ziel hat, bis 2040 CO₂-neutral zu sein, muss man das in die Bonussysteme und in die Kommunikationssysteme integrieren, um wirklich alle im Unternehmen darauf auszurichten.

Gibt es Unternehmen, die da vorangehen?

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Nehmen wir Bayer: Sie haben im Bonussystem das Ziel verankert, nicht nur selber klimaneutral zu werden, sondern auch Kunden dabei zu helfen. Das ist natürlich schwierig, weil der einzelne Mitarbeiter darauf nur indirekt Einfluss hat. Aber wer das erreicht, trägt zu höherer Zielerreichung bei. Wenn man sich die Zielsysteme der Zukunft anschaut, wird so etwas häufiger werden. Ich glaube, die Unternehmen sollten jetzt schon umstellen. Es hilft ja nicht zu warten, bis Regulatoren das vorgeben.

Bayer ist ein börsennotiertes Unternehmen, da gibt es nicht zuletzt seitens der Aktionäre einen gewissen Druck, auf Gewinne zu setzen …

Kurzfristige Gewinne müssen in eine Balance mit langfristig gesundem Wachstum gebracht werden, darum geht es mir im Kern. Wir schauen seit 30 Jahren vor allem auf Quartalsergebnisse und Shareholder-Values. In den letzten Jahren sehen wir aber, dass immer mehr Investoren umschwenken, vom World Economic Forum über Blackrock-CEO Larry Fink bis hin zum norwegischen Staatsfonds.

Welche Kriterien sind es konkret, die dort wichtiger werden?

Ökologie und soziale Verantwortung stehen im Vordergrund. Der norwegische Staatsfonds etwa achtet vermehrt auf Diversity bei Anlagen. Da steht einerseits soziale Verantwortung dahinter, aber auch das Verständnis dafür, dass Vielfalt ökonomisch sinnvoller ist. Auch Compliance, also vor allem die Frage nach Lieferketten, wird wichtiger.

Jetzt haben wir über Bayer und große Investoren gesprochen – ist das eigentlich übertragbar auf kleinere Mittelständler?

Vielfalt und Nachhaltigkeit können nicht von der Größe des Unternehmens abhängig sein. Wir vergeben etwa mit dem Arbeitsministerium und Arbeitgeberverbänden den Inklusionspreis. Bei dem melden sich viele kleine Unternehmen an, deren Unternehmer für Werte und soziale Verantwortung stehen. Die sagen: Wenn man Verantwortung für jemanden übernimmt, der sonst vielleicht keine Arbeit finden würde, sorgt das für eine gute Kultur im Unternehmen – und dafür, dass alle lieber zur Arbeit kommen und produktiver sind.

Sie raten Unternehmen und Unternehmern also ganz klar zum Umdenken?

Ich glaube, jetzt gegen Ende der Pandemie ist der Zeitpunkt, grundsätzlich alles infrage zu stellen. Strukturen, die Ziele und Unternehmenskultur sollten auf Zukunftsorientierung ausgerichtet werden.

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