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Interview: Böhmermanns Kritik an Sozialunternehmern ist „typisch deutsch“

  • Kann sich ein Unternehmen sozial engagieren und gleichzeitig Gewinne machen?
  • Der Moderator Jan Böhmermann glaubt das nicht und teilt gegen Sozialunternehmer aus.
  • Im Interview erklärt ein Wirtschaftsethiker, warum der Moderator danebenliegen könnte.
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Etwas Gutes für Umwelt oder Gesellschaft tun und dabei Profit machen – der Moderator Jan Böhmermann glaubt nicht, dass das geht. Zuletzt teilte er mehrfach gegen sogenannte Social Start-ups und Sozialunternehmer aus. Die gewinnen auch in Deutschland an Bedeutung, weil immer häufiger Unternehmer versuchen, neben Profiten auch wohltätige Zwecke zu erreichen.

Insgesamt dürfte es, das hat die staatliche Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) 2017 ausgerechnet, etwa 108.000 junge Sozialunternehmen in Deutschland geben. Eine einheitliche Definition für Social-Entrepreneurs gibt es nicht. Aber grob gesagt eint die Unternehmer, dass sie in erster Linie etwas für Gesellschaft und Umwelt tun wollen. So verstehen sich manche Ökostromanbieter als Sozialunternehmer, weil sie den Klimaschutz voranbringen wollen. Andere verkaufen etwa übrig gebliebene Lebensmittel aus Restaurants und Supermärkten, vermarkten Kleidung von Produzenten aus wirtschaftlich schwachen Regionen oder vertreiben Ein-Dollar-Brillen für Menschen in Entwicklungsländern.

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Aber darf man trotz sozialer oder ökologischer Ziele Gewinne machen? Böhmermann sagt Nein, findet, wer sich „wirklich“ engagieren wolle, sollte keine „Gewinnmaximierungsabsicht“ verfolgen – und sich stattdessen bei Behörden, Institutionen und Wohltätigkeitsorganisationen einbringen. Das RND hat darüber mit dem Münchner Wirtschaftsethiker Christoph Lütge gesprochen.

Herr Prof. Lütge, Sie haben den Tweet von Böhmermann gesehen. Was steckt hinter dieser Ablehnung von sozialem Unternehmertum?

Dahinter steht die Auffassung, dass man nur dann, wenn man die richtige Motivation hat, das ethisch Richtige tut. Es reicht also nicht, etwas für die Nachhaltigkeit zu tun oder etwas für andere zu tun, sondern man muss auch die richtige Einstellung haben.

Und das ist bei Sozialunternehmen anders?

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Es gibt ein ganz gutes Beispiel, dabei geht es um sauberes Trinkwasser, an dem es in vielen Regionen fehlt. Water Health International geht das auf unternehmerische Art und Weise an: Diejenigen, die von dem Unternehmen das Wasser bekommen, zahlen da auch für. Aber eben sehr wenig. Trotzdem fällt so ein kleiner Gewinn an.

Also hat das Unternehmen zwei Ziele nebeneinander?

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Ja. Entscheidend ist, dass es einen weiteren Unternehmenszweck neben der Gewinnerzielung gibt. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass Gewinn und Moral keine Gegensätze sein müssen. Sie sind es mit den richtigen Regeln auch nicht. Böhmermann rechnet gar nicht mit der Möglichkeit, dass man Gewinnmaximierung betreiben und gleichzeitig etwas für Soziales oder Umwelt tun kann.

Woher kommt diese ablehnende Haltung, die Böhmermann da an den Tag legt?

Wahrscheinlich würde er die Aussage ablehnen, aber das ist schon etwas typisch Deutsches. Das ist diese Art von Gesinnungsethik, die Max Weber schon vor etwa 100 Jahren beschrieben hat. Die stellt bei Taten die Motive in den Vordergrund. Wenn Böhmermann fordert, die Social Start-ups dichtzumachen, und sich „wirklich“ zu engagieren, sagt er nichts anderes, als dass es bei Engagement nur auf die richtige Gesinnung ankommt – und nicht auf die positiven Folgen für alle.

Prof. Dr. Christoph Lütge ist Wirtschaftsethiker an der Technischen Universität München. Er forscht zu verschiedenen moralischen Fragestellungen, die das Wirtschaftsgeschehen berühren – unter anderem dazu, wie Unternehmen sich gegen gesellschaftliche Missstände engagieren können. © Quelle: Privat

Ist das in anderen Ländern anders?

Natürlich! In den USA ist das ganz anders, da geht man davon aus, dass etwa große Unternehmen und Einzelpersonen, die viel Geld verdienen oder Vermögen haben, einen Teil für Wohltätigkeit ausgeben. Das gilt dort nicht als anrüchig, diesen Gesinnungs-TÜV gibt es dort nicht.

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Ob es dabei wirklich um die Umwelt oder soziale Anliegen geht, ist also zweitrangig?

Aus konsequenzialistischer Sicht kommt es auf die Folgen an. Da ist es völlig egal, was für eine Gesinnung dahintersteht. In deutschen Talkshows hört man immer wieder diesen Vorwurf, dass Unternehmen, auch wenn sie sich für Nachhaltigkeit oder sozial Benachteiligte engagieren, letztlich doch nur Geld machen wollen. Das bringt uns nicht weiter. Auch, weil ein Unternehmen da nicht raus kann, die müssen ja Gewinne machen. Aber in Deutschland schwingt immer mit: Egal was die Unternehmen tun, es ist nie genug – weil gewinnorientiert.

Wo ist da der Unterschied zwischen Sozialunternehmertum und klassischen Wohltätigkeitsorganisationen?

Beim Social-Entrepreneurship kommt es auf das Unternehmerische an. Das bedeutet Effizienz in der Arbeit. Und eben auch eine grundsätzliche Gewinnerzielungsabsicht. Der Gewinn sollte zwar zu großen Teilen wieder in das Projekt investiert werden – bei Wohltätigkeitsorganisationen ist er aber ganz ausgeschlossen. Das beruht auf dem Denken: Moral oder Gewinn. Social-Entrepreneurship bricht diese alte Frontstellung auf. Böhmermann hingegen steckt voll in diesem Denken drin.

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Allerdings hieß es auch seitens liberaler Ökonomen lange, dass sich Unternehmen ausschließlich um ihre Gewinne kümmern sollen ...

Ja, Milton Friedman hat mal gesagt, die soziale Verantwortung eines Unternehmens bestehe darin, maximalen Gewinn zu machen. Aus dieser oft neoliberal genannten Sicht wäre es tatsächlich pauschal unmoralisch, Gewinne für ethische Zwecke einzusetzen. Aber das ist lange vorbei. Social-Entrepreneurship bricht auch das auf.

Interview: Christoph Höland

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