Corona, Energiepreise, EZB: Die Inflation könnte sich 2022 abschwächen

  • Die Inflation ist in Deutschland derzeit so hoch wie seit fast 30 Jahren nicht.
  • Verschiedene Faktoren haben die Teuerungsrate nach oben getrieben.
  • Für 2022 wird tendenziell eine Entspannung erwartet.
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Frankfurt/Main. An der Tankstelle und beim Heizölkauf reiben sich die Verbraucher verwundert die Augen: Die Preise steigen und steigen. Die Teuerung in Deutschland kennt seit Monaten nur eine Richtung: nach oben. Inflationsraten von mehr als fünf Prozent gab es hierzulande zuletzt Anfang der 1990er Jahre, kurz nach der deutschen Wiedervereinigung. Bei vielen Menschen wächst die Sorge, dass ihr sauer verdientes Geld zunehmend an Wert verliert.

Europas Währungshüter, deren oberstes Ziel ein stabiler Euro ist, beschwichtigen: Vieles, was die Inflation zuletzt in die Höhe trieb, seien vorübergehende Effekte. Etwa steigende Energiepreise und Lieferengpässe infolge der Konjunkturerholung nach der Corona-Krise 2020. „Die Inflation ist derzeit unerwartet hoch, aber wir glauben, dass sie im nächsten Jahr zurückgehen wird“, sagte etwa der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), Philip R. Lane.

Bislang sah die EZB kein großes Risiko, dass steigende Löhne zu einem nachhaltigen Anstieg der Inflation führen könnten – es also zu einer gefährlichen Lohn-Preis-Spirale kommt. „Insgesamt gehen wir weiterhin davon aus, dass die Inflation mittelfristig unter unserem neuen symmetrischen Zwei-Prozent-Ziel bleibt“, sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde Mitte November.

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Nicht jeder teilt diesen Optimismus. Doch werden tatsächlich „in Deutschland die inflationären Risiken systematisch unterschätzt“, wie es FDP-Chef Christian Lindner Anfang November in einem Interview der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ sagte? „Ich bin kein Kassandrarufer, empfehle aber große Aufmerksamkeit hinsichtlich der Geldentwertung. In Europa sind einige Euroländer schon stark davon abhängig, dass die EZB in großem Umfang ihre Anleihen ankauft, das erschwert ein Umsteuern“, führte Linder aus.

Kritiker warnen schon länger vor Folgen der EZB-Geldschwemme für die Preisstabilität. Doch in den vergangenen Jahren war nicht erkennbar, dass das viele billige Geld die Inflation anheizt. Im Gegenteil: Trotz Nullzinspolitik und milliardenschwerer Wertpapierkäufe verfehlt die EZB seit Jahren ihr Ziel, die jährliche Teuerungsrate bei einem Wert mit ausreichend Abstand zur Nullmarke zu verankern. Inzwischen streben die Währungshüter mittelfristig zwei Prozent Inflation an.

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Verbraucherpreise steigen weiter: Inflation springt im November auf 5,2 Prozent
1:01 min
Die Inflation in Deutschland hat sich im November deutlich beschleunigt.  © AFP
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Die Inflation sei in den vergangenen Jahren „geradezu vom Radarschirm der Beobachter verschwunden“, resümierte der ehemalige EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing Anfang November im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Auch deshalb wirke der sprunghafte Anstieg der Verbraucherpreise – sowohl in Deutschland als auch im Euroraum – in jüngerer Zeit für viele Menschen so erschreckend.

„Die EZB verweist zu Recht darauf, dass hier temporäre Faktoren eine Rolle spielen“, sagte Issing. Zum Beispiel werde Anfang 2022 der Mehrwertsteuereffekt in Deutschland entfallen: In der Corona-Krise 2020 hatte die Bundesregierung die Mehrwertsteuersätze für ein halbes Jahr gesenkt, um den Konsum anzukurbeln. Seit Anfang 2021 gelten wieder die regulären Sätze, das verteuerte Waren und Dienstleistungen im Jahresvergleich und trieb die Inflation nach oben. Auch viele Lieferkettenengpässe hätten zuletzt zu Preissteigerungen geführt, erklärte Issing.

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Energie jedoch werde nach seiner Einschätzung tendenziell eher teurer werden, sagte Issing, „schon allein, weil sich der CO2-Preis erhöhen muss“. Vieles, was mit dem Klimawandel zu tun habe, werde zu einer Verteuerung der Produktion führen. „Das heißt, ich gehe nicht davon aus, dass die Inflation auf Dauer so niedrig bleiben wird, wie wir es gewohnt waren über viele Jahre“, so Issings Fazit. „Zu Beginn des nächsten Jahres ist allerdings mit einem vorübergehenden deutlichen Rückgang zu rechnen.“

Tendenziell Entspannung beim Thema Teuerung also 2022 – das ist Konsens unter Volkswirten. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung prognostiziert in seinem jüngsten Gutachten für 2022 einen Rückgang der Inflationsrate in Deutschland auf 2,6 Prozent. Allerdings raten auch die „Wirtschaftsweisen“ dazu, Inflationsrisiken nicht zu unterschätzen: Länger anhaltende Lieferengpässe, höhere Lohnabschlüsse und steigende Energiepreise bergen nach ihrer Einschätzung das Risiko, dass „eigentlich temporäre Preistreiber“ zu anhaltend höheren Inflationsraten führen könnten.

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Verschiedene Seiten fordern Gegenmaßnahmen

Insbesondere der erhebliche Anstieg der Energiepreise birgt sozialen Sprengstoff, das hat auch die Politik erkannt. Die Liste der Vorschläge für Gegenmaßnahmen ist lang. Der Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und FDP sieht für Anfang 2023 die Abschaffung der EEG-Umlage zur Förderung des Ökostroms vor, die die Stromkunden über ihre Rechnung bezahlen. CSU-Chef Markus Söder brachte eine Mehrwertsteuersenkung für Benzin ins Spiel. Frankreich schlug eine Reform des EU-Strommarktes vor und Verbraucherschützer forderten eine Erhöhung des Wohngelds, „damit niemand in diesem Winter frieren muss“.

Ein kleiner Trost für Deutschlands Verbraucher: Der Anstieg der Verbraucherpreise ist kein deutsches oder europäisches Phänomen. In den USA beispielsweise lag die Inflation zuletzt bei deutlich über sechs Prozent.

Auch im Euroraum könnte es nach neuester Einschätzung der EZB etwas länger dauern, ehe die zuletzt vergleichsweise hohen Teuerungsraten wieder sinken. „Wir wissen, dass die Inflation eine gewisse Zeit lang hoch sein wird, aber auch, dass sie im Laufe des nächsten Jahres zurückgehen wird“, sagte EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel in einem kurz vor Weihnachten veröffentlichten Interview der französischen Tageszeitung „Le Monde“. „Weniger sicher sind wir uns darüber, wie schnell und wie stark der Rückgang sein wird.“

RND/dpa

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