Inflationsrate steigt erstmals seit 1993 über 4-Prozent-Marke

  • Teure Energie hat die deutsche Inflationsrate im September erstmals seit 1993 über die Vier-Prozent-Marke getrieben.
  • Waren und Dienstleistungen verteuerten sich um durchschnittlich 4,1 Prozent.
  • Dies teilte das Statistische Bundesamt am Donnerstag in einer ersten Schätzung mit.
Anzeige
Anzeige

Wiesbaden. Die Inflation in Deutschland hat im September erstmals seit knapp 28 Jahren wieder die Vier-Prozent-Marke überschritten. Die Verbraucherpreise lagen um 4,1 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag anhand einer vorläufigen Berechnung mitteilte. Eine Vier vor dem Komma bei der Teuerungsrate hatte die Wiesbadener Behörde zuletzt im Dezember 1993 mit damals 4,3 Prozent ermittelt.

Größter Preistreiber war einmal mehr Energie: Sie kostete im September 14,3 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Nahrungsmittel verteuerten sich um 4,9 Prozent, Dienstleistungen um 2,5 Prozent, darunter Wohnungsmieten um 1,4 Prozent.

Hauptstadt Radar Der RND-Newsletter aus dem Regierungsviertel mit dem 360-Grad-Blick auf die Politik im Superwahljahr. Immer dienstags, donnerstags und samstags.
Anzeige

Inflation in Deutschland wird wohl weiter steigen

Experten zufolge ist das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. „Wir werden in den nächsten Monaten noch höhere Inflationsraten bekommen“, sagte kürzlich der Konjunkturchef des Münchner Ifo-Instituts, Timo Wollmershäuser. „Sie wird vielleicht in Richtung fünf Prozent gehen.“

Inflationsraten von an die fünf Prozent in Europas größter Volkswirtschaft gelten in diesem Jahr als möglich. Ökonomen werten den Anstieg der Teuerung aber als vorübergehendes Phänomen. Sie sehen derzeit nicht die erhöhte Gefahr einer langanhaltenden oder gar außer Kontrolle geratenden Preisspirale. Im kommenden Jahr dürfte sich die Teuerung nach ihrer Einschätzung wieder abschwächen.

„Solange die Lohnabschlüsse moderat bleiben, gibt es nicht viel, was dafür spricht, dass wir in eine dauerhafte Inflation laufen“, sagte beispielsweise die Wirtschaftsweise Veronika Grimm jüngst.

Anzeige

Die starke Teuerung ist dem Bankenverband zufolge auf temporäre Sondereffekte zurückzuführen. Dazu gehören das extrem niedrige Ausgangsniveau bei den Rohstoffpreisen, Pandemie- und Lockdown-bedingte Nachholeffekte oder die vorübergehende Mehrwertsteuersenkung im Kampf gegen die Corona-Krise in der zweiten Jahreshälfte 2020.

Eine höhere Inflation schwächt die Kaufkraft von Verbrauchern, weil sie sich für einen Euro dann weniger kaufen können als zuvor. Auch für Sparer, die Geld beispielsweise auf mickrig verzinsten Tagesgeldkonten parken, sind steigende Inflationsraten bitter. Ihre Guthaben verlieren unter dem Strich an Wert.

Gegenüber dem Vormonat August blieben die Verbraucherpreise im September den vorläufigen Daten zufolge unverändert.

Reaktionen auf die Inflationsrate

Michael Heise, Chefökonom von HQ Trust, meint: „Die Probleme der globalen Lieferketten haben einen besorgniserregenden Umfang angenommen, der zum Teil auf pandemiebedinge Transportengpässe und Produktionsausfälle, aber auch auf mangelnde Sach- und Personalkapazitäten angesichts der weltweit hohen Warennachfrage zurückzuführen ist.“ Er geht davon aus, dass die Inflation bis Jahresende auf fünf Prozent steigt. „Der Kaufkraftverlust, den die Verbraucher jetzt zu spüren bekommen, wird deutliche Nachholforderungen bei den kommenden Tarifrunden zur Folge haben.“

Anzeige
Der Tag Was heute wichtig ist. Lesen Sie den RND-Newsletter "Der Tag".

Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank, erklärte: „Die EZB fühlt sich in Anbetracht der Preisentwicklungen unwohl.“ Das sei bereits bei der letzten Notenbanksitzung deutlich geworden. „An eine Verlängerung des Pandemie Notfallankaufprogramm der EZB über den März 2022 hinaus ist derzeit wohl nicht zu denken.“ Er fordert daher: „Die EZB muss klare Zeichen setzen, um frühzeitig gegen steigende Inflationserwartungen anzugehen.“

Grünen-Politiker sehen keinen Grund zur Hysterie. „Die Inflation steigt kurzzeitig aufgrund der gestiegenen Mehrwertsteuer und des Hochfahrens der Wirtschaft nach den vielen Lockdowns“, sagte Grünen-Haushaltspolitiker Sven-Christian Kindler dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Durch die Pandemie kam es auf der Angebotsseite zu Einschränkungen und Insolvenzen in bestimmten Sektoren.“

Gegen die „Angebotsinflation“ könne die EZB nichts tun, so der Bundestagsabgeordnete der Grünen. „Das sind aber keine dauerhaften Effekte. Die Firmen werden ihre Kapazitäten wieder hochfahren und dann wird die Inflation auch wieder sinken.“

Auch die Auswirkungen auf den Bundeshaushalt seien zu vernachlässigen, so Kindler. „Die Realzinsen sind in den Industriestaaten in den letzten dreißig Jahren kontinuierlich gesunken, das ist ein langfristiger Trend. Die Niedrigzinsphase wird in den nächsten Jahren weiter anhalten.“

Der Grünen-Europaabgeordnete Sven Giegold sagte dem RND: „Das eigentliche Problem sind die Lieferengpässe. Auch die Handwerker bei mir in der Region drehen am Rad. Dennoch gibt es im Bundeswirtschaftsministerium keine Task Force oder Ähnliches. Um das Problem kümmert sich in der Bundesregierung offenbar kein Mensch.“

RND/Reuters/dpa/tc

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen