Inflation gesunken: 2020, das Jahr der vollen Geldbeutel?

  • Laut Statistischem Bundesamt haben sich Preise für Waren und Dienstleistungen selten so wenig bewegt, wie in der Corona-Krise.
  • Während sich Verbraucher über teilweise günstigere Preise freuen, sind Experten besorgt.
  • Denn sinkende Preise können Volkswirtschaften in schwere Krisen bringen.
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Frankfurt am Main. Wer viel mit dem Auto fährt, gerne Klamotten und Schuhe kauft, zu Hause eine Ölheizung hat und überdies Gemüse nicht mag, der müsste was am Geldbeutel gespürt haben. Dieser müsste etwas voluminöser sein. Denn die genannten Produkte waren Ende des vorigen Jahres deutlich billiger als zuvor. Das geht aus den Berechnungen hervor, die das Statistische Bundesamt (Destatis) am Dienstag vorgelegt hat.

Im Dezember sanken die Preise im Vergleich zum Vorjahr insgesamt leicht (minus 0,3 Prozent). Das gilt auch für das ganze zweite Semester. Für das gesamte Corona-Jahr 2020 errechneten die Wiesbadener Experten eine Jahresteuerungsrate (das ist der Durchschnitt der zwölf Monate im Vergleich zum jeweiligen Vorjahresmonat) von 0,5 Prozent. So wenig haben sich Preise für Waren und Dienstleistungen in der jüngeren Vergangenheit nur selten bewegt. Zuletzt war das in identischer Höhe 2016 der Fall. In der Finanz- und Wirtschaftskrise im Jahr 2009 wurden sogar nur 0,3 Prozent errechnet.

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Diesel rund 12 Prozent günstiger als 2019

Die Werte für die verschiedenen Produktgruppen fielen höchst unterschiedlich aus. Wer mit einem Diesel-Pkw unterwegs war und mit Öl geheizt hat, darf sich zu den Covid-Gewinnern zählen. Diesel war im Bundesdurchschnitt im Dezember rund 12 Prozent billiger als Ende 2019. Leichtes Heizöl konnte im vergangenen Jahr mit einem Abschlag von gut einem Viertel getankt werden. Ursache hierfür ist der Einbruch der Notierungen für Rohöl weltweit. Durch Covid hat die Nachfrage nach dem fossilen Rohstoff stark nachgelassen, im Frühjahr rutschten die Preise zeitweise auf die niedrigsten Werte seit Jahrzehnten.

Vor allem Obst und Gemüse wurden teurer

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Wer sich hingegen nur mit dem Rad und öffentlichen Verkehrsmitteln bewegte und mit dem umweltfreundlicherem Erdgas heizte, hatte so gut wie keine finanziellen Vorteile von der Pandemie. Sondern eher Nachteile. Die Pandemie hat die Nahrungsmittel im Gesamtjahr um 2,3 Prozent verteuert. Die Konsumenten kochen wegen der Restaurantschließungen mehr selbst, das erhöht die Nachfrage und damit die Preise in den Supermärkten. Im Frühjahr waren die Sprünge extrem – als wegen des europaweiten Lockdowns Grenzen dichtgemacht wurden und es beim Nachschub mit Obst und Gemüse aus Südeuropa klemmte – Paprika etwa war mehrere Wochen ein äußerst rares Gut.

Chili-con-Carne-Index: Diese Lebensmittel wurden teurer

Wirtschaftswissenschaftler der Uni Hohenheim ersannen deshalb den Chili-con-Carne-Index, der aus den Zutaten des beliebten Tex-Mex-Gerichtes (Hack, Paprika, Mais, Tomaten) besteht. Zwischen Anfang Februar und Ende Mai ging es um erstaunliche 7,5 Prozent nach oben. Derartige Ausreißer wurden im Jahresverlauf aber ausgebügelt. Es gab kein Hamstern und keine Lieferprobleme mehr. Gemüse war im Jahresdurchschnitt schließlich sogar etwas günstiger zu haben (minus 0,3 Prozent) als 2019.

Bekleidung und Schuhe mehr als 5 Prozent billiger

Dass Bekleidung und Schuhe noch viel deutlicher billiger wurden (minus 5,4 Prozent), dürfte niemanden wundern. Die Geschäfte waren im vorigen Jahr mehrere Monate geschlossen und sie werden es wohl auch noch einige Zeit in 2021 bleiben. Die Einnahmeausfälle aus dem stationären Handel konnten von vielen Modehändlern bestenfalls nur teilweise mit Onlineverkäufen kompensieren. Weniger Nachfrage drückte die Preise.

Bei anderen Produkten und Dienstleistungen gibt es seit vielen Wochen de facto gar keine Preise mehr. Etwa für die Nutzung von Fitnessstudios, für Hotels, Kinos, Restaurants, Theater und andere Freizeiteinrichtungen, die vorübergehend stillgelegt sind. Das gilt auch für Pauschalreisen – die Touristikbranche hat ihre Tätigkeit mehr oder weniger eingestellt. All dies macht fast ein Siebtel des virtuellen Warenkorbs aus, mit dem in der EU die Inflationsraten berechnet werden.

Mathematisches Verfahren bügelt Verzerrungen aus

Das hat auch die Volkswirte der Europäischen Zentralbank (EZB) ins Grübeln gebracht: Wegen veränderter Verhaltensmuster durch die Pandemie bestehe die Gefahr, dass offizielle Inflationszahlen ein verzerrtes Bild zeigten, das nicht mehr der Lage der Konsumenten entspreche. Die Experten im gläsernen EZB-Turm im Frankfurter Osten taxierten, dass die Teuerung womöglich um bis zu 0,2 Prozent nach oben korrigiert werden müsste.

Allerdings haben die europäische Statistikbehörde Eurostat und die nationalen Ämter sich inzwischen auf mathematische Verfahren geeinigt, die die Verzerrungen einigermaßen ausgleichen sollen – Imputation heißen diese Operationen. Ohne imputierte Preise hätte die hiesige Jahresteuerungsrate nicht bei 0,5, sondern bei 0,6 Prozent gelegen. Was auch darauf hindeutet, dass die bisweilen massiven Preisausschläge – Seife war Mitte März viermal teurer als in den sechs Monaten zuvor – nicht gleich mit einem höhen Preisniveau gleichzusetzen sind. Es handelt sich vielmehr um Verschiebungen, die die temporäre Knappheit von Gütern signalisieren und damit eine Erhöhung des Angebots anreizen.

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Und generell gilt, dass der bundes- oder EU-weite Durchschnitt von der individuellen Teuerungsrate stark abweichen kann – Letztere kann aber jeder für sich selbst berechnen.

Steigt die Gefahr einer Deflation?

Die Daten en gros von den Statistikern sind unter anderem für Notenbanker wichtig. Deren Aufgabe ist es zuallererst, die Inflation unter Kontrolle zu halten – sie soll in der Eurozone um die 2 Prozent betragen. Doch das ist schon lange unerreichbar. Denn obwohl gigantische Geldmengen aufgrund einer anhaltenden Nullzins-Politik unterwegs sind, gibt es aktuell nicht nur hierzulande negative Vorzeichen bei der Teuerung. Was die Gefahr eine Deflation steigen lässt.

Sinkende Preise können Volkswirtschaften in schwere Krisen bringen, weil Verbraucher und Unternehmen sich mit Ausgaben und Investitionen zurückhalten, da sie vermuten, demnächst günstigere Konditionen vorzufinden. Ein wesentlicher Grund für die negative Inflation hierzulande ist, dass die Verbraucher derzeit aus Angst vor einem Jobverlust mehr Geld sparen als jemals zuvor – meistens liegt es schlicht auf dem Girokonto.

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