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Kampf gegen die Teuerung

Inflation: Die EZB strafft die Zügel, aber nur ein bisschen

Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB).

Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB).

Frankfurt. Die Europäische Zentralbank (EZB) strafft überraschend ihre Geldpolitik – trotz der unabsehbaren Folgen des russischen Krieges gegen die Ukraine. Konkret beschloss das oberste Gremium, der EZB-Rat, dass das laufende Kaufprogramm für Staats- und Unternehmensanleihen (APP – Asset Purchase Program) zunächst einmal beschleunigt wird.

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Nun sollen bereits im zweiten Quartal Nettokäufe mit einem Volumen von insgesamt 90 Milliarden Euro durchgezogen werden. Bislang war zwar die gleiche Summe geplant. Das Gremium wollte dies aber bis ins vierte Quartal strecken.

Im dritten Quartal (Juli bis September) könnten nun die Eingriffe in den Finanzmarkt schon vorzeitig beendet werden. Ob dies wirklich umgesetzt wird, hänge von der Datenlage und dem dann aktualisierten Ausblick für die Inflation und die wirtschaftliche Entwicklung ab, teilte die EZB mit. Sollte sich aber zeigen, dass ein Verfehlen der mittelfristigen Inflationsziele absehbar sei, würden die Kaufprogramme angepasst.

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Damit wird ein weiteres Anziehen der geldpolitischen Zügel angedeutet. Das Ende des APP ist die Voraussetzung für Zinserhöhungen, die nach früheren Aussagen von EZB-Präsidentin Christine Lagarde dann unmittelbar folgen sollen. Es wäre das erste Mal seit vielen Jahren. Überraschend ist die Entscheidung, weil viele Experten erwartet hatten, dass sich die Notenbanker überhaupt nicht rühren und auf Zeit spielen.

Teuerung angeheizt statt bekämpft

Die Doppelstrategie wirkt so, als wolle Lagarde es nun allen recht machen. Das Vorgehen lässt sich auch als Hoffnung auf eine baldige Entspannung in der Ukraine lesen und soll zugleich demonstrieren, dass der Kampf gegen die steigende Inflation ernstgenommen wird.

Im Euroraum lagen die Verbraucherpreise im Februar um 5,8 Prozent über dem Vorjahresmonat. In Deutschland kletterte die Inflationsrate nach einer zwischenzeitlichen Entspannung mit 5,1 Prozent wieder über die Fünfprozentmarke.

EZB-Präsidentin Lagarde: Inflation wird vorerst hoch bleiben

Die zuletzt sprunghaft gestiegene Teuerungsrate in der Euro-Zone wird aus Sicht von EZB-Präsidentin Christine Lagarde vor allem kurzfristig noch hoch bleiben.

Die EZB strebt mittelfristig eine Preissteigerung von etwa 2 Prozent an. Eine hohe Teuerung schmälert die Kaufkraft der Konsumenten. In den vergangenen Monaten war die Kritik an der EZB gewachsen, dass sie mit ihrer früheren ultra-lockeren Geldpolitik die Preissteigerungen zusätzlich anheize statt sie zu bekämpfen. Am Donnerstag erhöhte Lagarde die Inflationsprognose für dieses Jahr von von 3,2 auf 5,1 Prozent.

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USA mit Inflationsrate von 7,9 Prozent

Derzeit gilt es unter Volkswirten indes als sicher, dass die Inflation noch einmal einen massiven Schub bekommt. Wegen der Energiepreise, die auf ein bislang nicht gekanntes Niveau gestiegen sind. Analysten erwarten auch sogenannte Zweitrundeneffekte, also Verteuerungen von Gütern aller Art, weil sich unter anderem der Transport von Waren verteuert.

Für die Vereinigten Staaten wurde am Donnerstag eine Inflationsrate für Februar von 7,9 Prozent gemeldet. Das ist der höchste Wert seit 40 Jahren. Und die Daten dafür wurden noch vor Beginn des Ukraine-Krieges erhoben.

Bereits seit Jahresbeginn haben Lagarde und ihre Leute sich zunehmend wie die sogenannten Falken gegeben, die eine Eindämmung der gigantischen Geldmengen fordern. Die wichtigsten Vertreter dieser Position kommen von der Bundesbank. Deren noch immer enorm hohe Reputation geht auf eine Zeit zurück, als Energiepreise schon einmal in die Höhe schossen und die Inflation galoppierte – während der großen Ölkrise Anfang der 1970er Jahre. Seinerzeit erhöhte die Bundesbank die Zinsen und stand damit allein auf weiter Flur.

Die meisten Notenbanken ignorierten die Teuerung. Doch die Experten mit Sitz im Frankfurter Nordwesten behielten Recht. Nach einer relativ kurzen Phase der Rezession stabilisierte sich die deutsche Wirtschaft. Andere Staaten wie die USA glitten in eine sogenannte Stagflation ab – mit steigender Inflation, stagnierender Wirtschaftsleistung und hoher Arbeitslosigkeit.

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Forscher geht fest von Zinswende aus

Friedrich Heinemann vom Mannheimer Wirtschaftsforschungsinstitut ZEW sagte in einer ersten Stellungnahme: „Der Krieg in der Ukraine hat die Unsicherheit über die wirtschaftliche Entwicklung der Eurozone massiv ansteigen lassen. Es ist nachvollziehbar, dass sich die EZB noch etwas Zeit nimmt, bevor sie die geldpolitische Wende einleitet.“

Dass diese Wende kommen müsse, sei durch den russischen Überfall aber noch dringender geworden. Entscheidend sei, dass der zu beschleunigende Umbau der Energieversorgung kostspielig werde und über Jahre die Preise treibe. „Außerdem können es sich die Gewerkschaften in den kommenden Tarifrunden anders als im letzten Jahr nicht länger leisten, den sehr starken aktuellen Kaufkraftverlust der Löhne einfach zu ignorieren“, fügte Heinemann hinzu. Er spielt damit auf eine „Lohn-Preis-Spirale“ an, die in den USA bereits erkennbar ist.

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Die Experten des gewerkschaftsnahen Wirtschaftsforschungsinstituts IMK haben zuletzt aber mehrfach darauf hingewiesen, dass es in der Eurozone bisher keine Anzeichen für eine solche Entwicklung gibt. Auch Lagarde betonte: „Was wir bisher nicht sehen, ist Lohndruck.“

Zurück zur EZB: Bereits im Dezember hatte die Notenbank im Frankfurter Südosten angekündigt, dass sie für PEPP (Pandemic Emergency Purchase Programme) nur noch bis Ende März 2022 zusätzliche Wertpapiere kaufen wird. Zurückfließendes Geld aus auslaufenden PEPP-Papieren will die EZB aber bis mindestens Ende 2024 wieder in gleicher Höhe neu in Anleihen angelegen. Auch fällig werdende APP-Papiere sollen für einen längeren Zeitraum neu investiert werden. Was Netto null bedeutet.

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Die Anleihekäufe wirken wie zusätzliche Zinssenkungen. Sie machen es für Unternehmen, aber auch für die Regierungen der Eurostaaten möglich, sich zu günstigen Konditionen Geld zu leihen. Damit werden die Hilfs- und Konjunkturprogramme in der EU während der Pandemie finanziert.

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