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Aktienexperte: „Die EZB zeigt überhaupt kein Problembewusstsein“

Der EZB-Tower hat seinen Platz in Frankfurt abseits des Bankenviertels.

Berlin. Die Notenbanken stehen vor den schwierigsten Entscheidungen seit Langem. Wenn die amerikanische Federal Reserve am Mittwoch und die EZB am Donnerstag über ihre Zinspolitik entscheiden, stecken sie im Zwiespalt: Angesichts rapide gestiegener Preise müssen sie klarstellen, dass sie die Inflation nicht ausufern lassen.

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Gleichzeitig dürfen sie aber auch nicht die Konjunktur durch hastige Straffung der Geldpolitik abwürgen. „Die Notenbanken müssen bewerten, welche Effekte dauerhaft sind. Das ist eine extrem schwierige Aufgabe“, sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Fondsgesellschaft Deka.

Es irritiert, dass sich die EZB nicht einmal verbal auf eine mögliche Kurskorrektur vorbereitet.

Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Fondsgesellschaft Deka

Während sich Amerika schon langsam von der Krisenpolitik verabschiedet, wünscht sich Kater in Europa deutlichere Signale. „Die EZB zeigt beim Thema Inflation bisher überhaupt kein Problembewusstsein.“ Die Europäer müssten deutlich machen, dass sie Inflationsraten jenseits von 2 Prozent nicht auf Dauer hinnehmen werden. „Es irritiert, dass sich die Europäische Zentralbank nicht einmal verbal auf eine mögliche Kurskorrektur vorbereitet“, sagt Kater.

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Immerhin seien die Verbraucherpreise in der Eurozone zuletzt um knapp 5 Prozent gestiegen. Sollten die Währungshüter mit ihrer These von der vorübergehenden Inflation falsch liegen, werde eine späte Korrektur schwierig: „Der Preis für einen Irrtum ist hoch.“

Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank

Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank

Nach Katers Überzeugung käme die Konjunktur auch mit weniger geldpolitischer Unterstützung nicht aus dem Tritt. Nur die deutsche und die japanische Wirtschaft hätten in diesem Jahr enttäuscht, „der Rest der Welt hat mehr abgeliefert als erwartet“.

Für die Weltwirtschaft erwarten die Deka-Experten 2022 rund 4 Prozent Wachstum, Deutschland dürfte mit 3,7 Prozent knapp unter dem Durchschnitt liegen. Sollte die Pandemie noch einmal weite Teile der Wirtschaft lahmlegen, sähe die Welt zwar anders aus, bis hin zu einer schrumpfenden Wirtschaft, aber: „Eine Wiederholung einer Situation wie der im März 2020 ist sehr, sehr unwahrscheinlich.“

Dax-Tipp auf 17.500 Punkte

So rechnet man bei der Dekabank auch im nächsten Jahr mit steigenden Aktienkursen. Katers Kollege Joachim Schallmayer tippt auf einen Dax-Stand von 17.500 Punkten zum Jahresende 2022. „Wir haben die längste Phase negativer Realzinsen in der Geschichte. Das ist das Rezept für steigende Aktienwerte“, sagt Kater. Denn egal, wie die Notenbanken in den nächsten Monaten entscheiden: Zinsen, die höher liegen als die Inflationsrate, werden auf absehbare Zeit nicht dabei herauskommen.

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Mit den gängigen Sparformen verliert man also unter dem Strich weiter Geld. Und auch Gold, das traditionell als Schutz vor Inflation gilt, bringt bisher wenig: Seit Monaten pendelt der Preis für eine Feinunze um 1800 Dollar, ein Anstieg im November war schnell wieder erledigt. Manche Experten glauben, dass Kryptowährungen wie Bitcoin zunehmend Gold als Inflationsabsicherung ersetzen. Um das zu beweisen, fehlten aber noch die Daten, sagt Kater.

Derzeit versuche die Mehrheit der Anleger vor allem, durch die Pandemie „hindurchzusehen“ und Entscheidungen nicht zu sehr vom Tagesgeschehen abhängig zu machen. Denn die aktuellen Daten seien extrem durch Corona verzerrt. Deshalb wette im Moment kaum jemand auf ausufernde Inflation oder auch einen Crash am Finanzmarkt.

Auch Kleinsparer sollten streuen

„Das Aktienszenario ist intakt“, sagt Kater. „Aber natürlich wird es irgendwann auch zu Rückschlägen kommen.“ Das Mantra des Volkswirts bleibt deshalb: „Aktienanlagen sollten immer eine langfristige Angelegenheit sein.“ Er rät auch Kleinsparern zur breiten Streuung, zum Beispiel durch Fonds, die Aktien weltweit abdecken. Die größeren Renditechancen sieht er im Moment allerdings in Europa, denn hier haben sich die Kurse etwas zögerlicher entwickelt als zum Beispiel in den USA. Aktien seien im Vergleich günstiger, die Dividendenrenditen höher.

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