Vitrine statt Acker: Start-up Infarm wird zum Unicorn

Ist das die Zukunft der Landwirtschaft? Aldi-Süd betreibt derzeit in zwölf Märkten Kräuter-Kleingärten von Infarm.

Ist das die Zukunft der Landwirtschaft? Aldi-Süd betreibt derzeit in zwölf Märkten Kräuter-Kleingärten von Infarm.

Hannover. Die Mini-Gewächshäuser stehen direkt in der Obst- und Gemüseabteilung. Sie ähneln großen Kühlschränken, nur dass in ihnen keine Tiefkühltemperaturen herrschen, sondern optimale Anbaubedingungen für Koriander, Dill, Basilikum und Petersilie.

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Diese und andere Kräuter, Salate und Blattgemüse wachsen in den hochtechnischen Gewächsanlagen der Firma Infarm direkt im Supermarkt. Wenn die Cloud meldet, dass sie reif für die Ernte sind, kommen sie in den Verkauf.

Vitrinen stehen bei Edeka, Aldi und Kaufland

Infarm hat für seine Anlagen in Deutschland schon Edeka, Aldi Süd, Coop und Kaufland gewonnen. In Frankreich stehen sie bei Intermarché, in Luxemburg bei Auchan und in Großbritannien bei Marks & Spencer.

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Seit der Gründung 2013 ist das Berliner-Start-up enorm gewachsen, mittlerweile gibt es 1400 sogenannte Instore-Farmen bei 30 weltweit führenden Lebensmittelhändlern in elf Ländern. Dazu kommen 17 großflächige Indoor-Gewächsfarmen, die Supermärkte auf kurzen Wegen mit frischen Lebensmitteln beliefern.

Aber es sind nicht nur die Zahlen, die Investoren weltweit überzeugen, immer mehr Geld in das Unternehmen zu stecken. Es ist das Konzept einer effizienten und grünen, technologiebasierten Landwirtschaft, die in Zukunft die Nahrungsmittelversorgung sichern soll. In der letzten Finanzierungrunde sind erneut 200 Millionen Dollar geflossen, unter anderem von der Qatar Investment Authority (QIA) aus dem Staat Katar. Das Geld hat Infarm nun auch zum Titel Einhorn verholfen – denn die Bewertung des Start-ups liegt nun bei über einer Milliarde Dollar.

Vorteile für den wasserarmen Staat Katar

Die Kataries wollen mit ihrem Investment helfen, das Unternehmen in dem Wüstenstaat zu etablieren. Schon 2023 soll Infarm seine erste große Gewächsfarm in Katar eröffnen, in der neben Kräutern, Salaten und Blattgemüsen auch Cherrytomaten, Erdbeeren und andere Obstsorten geerntet werden sollen.

Der Vorteil für den kleinen, wasserarmen und heißen Staat: Die Anlagen benötigen nach Unternehmensangaben 95 Prozent weniger Boden und 95 Prozent weniger Wasser als konventioneller Anbau. Und sie funktionieren unabhängig von den Klimaverhältnissen. Weil die Kataris ihr Obst und Gemüse sonst oft über Tausende Kilometer importieren müssen, können die Indoor-Farmen außerdem Transportwege und damit CO₂ sparen.

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„Das derzeitige Lebensmittelsystem ist nicht mehr tragfähig“, sagt Infarm-Mitbegründer Erez Galonska mit Blick auf die weltweite Nahrungsmittelversorgung.Die vertikale Landwirtschaft und das Infarm-System bieten eine nachhaltige Lösung, um eine wachsende Bevölkerung auf eine Art und Weise zu ernähren, die weitaus besser für den Planeten und angesichts klimatischer Unsicherheiten und Schwierigkeiten bei Lebensmittellieferketten deutlich widerstandsfähiger und flexibler ist.“

Bau und Betrieb brauchen viel Energie

Doch es gibt auch Kritik an dem künstlichen Lebensmittelanbau über mehrere Etagen – dem sogenannten Vertical Farming. So bemängeln Wissenschaftler den enorm hohen Energiebedarf der Anlagen sowohl beim Bau als auch im Betrieb. Denn sie funktionieren ohne echtes Sonnenlicht, dafür mit vielen LED-Leuchten und Klimaanlagen. CO₂-arm produzieren können die Anlagen nur, wenn sie vollständig mit regenerativer Energie betrieben werden. Bei Infarm soll das zu einem Großteil so sein.

Aber es stellen sich auch grundsätzliche Fragen. Zum Beispiel: Wollen wir, dass Lebensmittel ohne Erde in einer Nährstofflösung wachsen? Was macht das mit der Biodiversität unserer Landschaften? Werden sich Pflanzen noch evolutionär weiterentwickeln, wenn sie immer perfekte Bedingungen haben? Können sich in den sterilen Anlagen nicht multiresistente Keime bilden? Und was passiert eigentlich bei einem Hackerangriff?

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Kleine Teillösung

Doch so weit, die Landwirtschaft komplett umzukrempeln, sind Infarm und seine Konkurrenten wie das Münchener Start-up &ever und die Berliner Firma ETF Farmsystems noch lange nicht. Die Wissenschaft spricht derzeit von einer kleinen Teillösung, auch weil sich Grundnahrungsmittel wie Weizen, Kartoffeln, Mais oder Reis nicht für den Etagenanbau eignen und weiterhin große landwirtschaftliche Flächen brauchen.

Was die enormen Investitionen in die Food-Technologie-Branche aber durchaus zeigen, ist, dass in Zukunft innovative Lösungen für die Nahrungsmittelproduktion gebraucht werden. Der Markt hat Potenzial.

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