In der Corona-Krise: Onlinemöbelhandel ist gefragt wie nie zuvor

  • Zu Beginn der Corona-Krise hat der Möbelhandel nicht wie ein Profiteur ausgesehen.
  • Vor allem Onlinemöbelverkäufer haben dieses Bild nun drastisch gewandelt – der Bereich boomt.
  • Wird der Trend auch nach der Corona-Krise anhalten?
|
Anzeige
Anzeige

Um rund ein Viertel ist der Möbelverkauf hier zu Lande im April und Mai eingebrochen. Auch Möbelläden mussten schließen. Die Trendwende folgte aber auf dem Fuß. „Der coronabedingte Rückzug ins Häusliche zieht eine lebhafte Möbelnachfrage nach sich“, freut sich Jan Kurth als Geschäftsführer des Verbands der Deutschen Möbelindustrie heute. Nach neun Monaten steht für deutsche Hersteller nur noch ein branchenweites Umsatzminus von knapp sieben Prozent auf 12,4 Milliarden Euro zu Buche. Und die Erholung geht weiter, was vor allem mit dem Internet zu tun hat.

Denn online sind Möbel gerade gefragt wie nie. „Das wird ein nachhaltiger Trend“, ist Marc Appelhoff sicher. Er ist Chef des Berliner Onlinemöbelverkäufers Home 24 und blickt auf einen wahren Boom.

Die Pandemie und wir Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise – jeden Donnerstag.
Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Trend zum Onlinemöbelkauf könnte bleiben

Mit rund 40 Prozent Umsatzwachstum auf deutlich über eine halbe Milliarde Euro und erstmaligen operativen Gewinnen rechnet sein Startup-Unternehmen im Corona-Jahr 2020. Westwing in München, als anderes deutsches Jungunternehmen in diesem Bereich, wächst mit Raten über 50 Prozent sogar noch stärker. Voriges Jahr um diese Zeit wurde der Münchner Onlinepionier um Vorzeigeunternehmerin Delia Lachance noch angezählt. Börsianer stellten die Existenzfrage. Die Aktien von Westwing aber auch Home 24 dümpelten damals im Keller.

Ein Jahr später sieht die Welt komplett anders aus. Die Aktienkurse von Home 24 und Westwing haben sich seit Jahresanfang vervielfacht. Onlinestammkunden kaufen immer mehr, neue Kundschaft kommt stetig dazu, freut sich Westwing-Chef Stefan Smalla. „Wir sind extrem stolz“, betont er und will auf der Siegerstraße bleiben. Als Corona-Impfstoffhersteller vor kurzem Erfolge verkündeten, ging es mit den Papieren beider Onlinepioniere aber erst einmal wieder ein Fünftel bergab. Geht der Trend zum Onlinemöbelkauf weiter, wenn die Pandemie besiegt ist, schienen sich Börsianer zu fragen.

Christian Wulff glaubt nicht, dass sich das Rad beim Onlinemöbelkauf dann wieder zurückdreht. „Wir machen gerade zwei Schritte nach vorne und danach vielleicht wieder einen zurück“, schätzt der Leiter des Bereichs Handel und Konsumgüter beim Beratungsunternehmen PwC. Wenn Menschen wieder reisen können, würden Reisebudgets zwar nicht mehr wie jetzt in Möbel investiert, aber die gute Erfahrung beim Onlinemöbelkauf bleibe und werde antreiben.

Das sieht auch Appelhoff so. „Menschen gewöhnen sich Routinen an und wer einmal online eingekauft hat, schätzt das dort breitere Angebot“, betont er und hebt zugleich Preisvorteile sowie den Service hervor. Home 24 liefere nicht nur kostenlos in die Wohnung sondern hole ein Sofa auch wieder ab, falls dessen Farbe dann doch nicht ins Zimmer passt. „Wir haben auf Kundenzufriedenheit geachtet und sind nicht zu schnell gewachsen in den letzten Monaten“, versichert der Home-24-Chef bei Wachstumsraten um 40 Prozent.

Pandemie hat das Eis für Onlinemöbelkauf gebrochen

Anzeige

Darüber, wie hoch der Anteil des Onlinehandels am Möbelverkauf in Deutschland ist, gibt es nur Schätzungen. Eine, die die Quote vor Pandemieausbruch auf knapp sieben Prozent setzt, hält Appelhoff für die treffendste. Nach der Krise werde der Onlineanteil sicher zweistellig sein, kalkuliert er. Dazu passen Zahlen des größten deutschen Möbelhändlers Ikea. Der hat seine Onlineumsätze zuletzt nach eigenen Angaben um drei Viertel auf gut 860 Millionen Euro gesteigert und binnen Jahresfrist den Onlineanteil am Absatz damit von neun auf 16 Prozent spürbar erhöht.

PwC hat in einer Branchenstudie von 2019 noch ein jährlich gut achtprozentiges Wachstum des Onlinemöbelhandels in Deutschland bis 2023 vorausgesagt. Durch die Pandemie rechnet Wulff nun mit einem jährlichen Wachstum von gut zehn Prozent. In der gleichen Studie sagt PwC dem Möbelhandel insgesamt über alle Kanäle nur ein jährliches Plus von weniger als einem Prozent voraus. So gesehen hätte die Pandemie hier zu Lande das Eis für den Onlinemöbelkauf endgültig gebrochen und ist dabei, Gewichte sichtbar zu verschieben.

Wer macht das Rennen?

Wer dabei das Rennen macht, ist offen. „Es gibt noch keinen klaren Gewinner im Onlinemöbelmarkt“, räumt Appelhoff ein und macht zugleich klar, dass er das mit Home 24 sein will. Zugleich drängt aber der aus den USA kommende Onlinekonkurrent Wayfair auf den deutschen Markt. Und in der Krise haben auch stationäre Platzhirsche wie Ikea das Internetgeschäft für sich entdeckt. „Unser Hauptkonkurrent ist der klassische Offlinehandel“, sagt Appelhoff über die Rivalen.

Die Entwicklung geht aber noch weiter. PwC-Experte Wulff hat eine Vision dazu. In der führen Möbelkäufer mit ihrem Smartphone einen Händler durch ihre Wohnung, um so vor Ort deren Einrichtung gemeinsam planen zu können. Dann könnte das Geschäft auch bei erneuten Pandemien und Lockdowns ohne Unterbrechung weiterlaufen. Wer die neuen Welten des Möbelkaufs am besten beherrscht, wird das Rennen machen, sagt Wulff.




“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen