Impfstoff­entwickler Winfried Stöcker: Zwischen Genie und Anklagebank

  • Der Lübecker Unternehmer und Arzt Winfried Stöcker hat einen Corona-Impfstoff erfunden.
  • Doch weil er ihn auf eigene Faust erprobt hat, drohen Stöcker juristische Folgen.
  • Doch trotzdem beginnen Ärzte, das Vakzin mit Hilfe eines Kniffs zu verimpfen - und gehen damit Risiken ein.
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Glaubt man Winfried Stöcker, hat er fast unglaubliches vollbracht: Der Arzt und Unternehmer aus Lübeck will schon im Frühjahr vergangenen Jahres einen Impfstoff gegen das Coronavirus entwickelt haben. Doch statt eines Bundes­verdienst­kreuzes wartet nun vielleicht ein Gerichts­prozess auf ihn – weil er gegen die Regeln für die Medikamenten­zulassung verstoßen haben könnte.

Aber ist Stöcker nun ein zu risikofreudiger Wissenschaftler, gar ein Frankenstein? Oder doch ein Arzt, der unbürokratisch helfen wollte?

Die Geschichte von Stöckers Impfstoff beginnt im März 2020: Das Coronavirus breitet sich in Deutschland aus. Und Stöcker, der einst mit der Gründung und dem späteren Verkauf der Laborfirma Euroimmun 1,3 Milliarden Euro verdiente, kehrt in sein Labor zurück. Der 74-Jährige wollte einen Corona-Impfstoff entwickeln – und vermeldete einen Monat später Vollzug: Er habe sich den selbst entwickelten Impfstoff erfolgreich injiziert, teilte er im April vergangenen Jahres mit.

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Zu der Zeit machten sich Pharmafirmen und Universitäten auf der ganzen Welt auf, ein Vakzin gegen die beginnende Pandemie zu entwickeln. Von der Entwicklung eines Impfstoffes bis zur Markteinführung ist es ein weiter Weg, spätestens seit dem Contergan-Skandal werden Medikamente vor der Zulassung gründlich unter die Lupe genommen. Mehrere Testphasen sind obligatorisch, stets unter den Augen von unabhängigen Prüfein­richtungen wie dem Paul-Ehrlich-Institut. Es ist ein aufwendiger und langer Prozess: Die vor Weihnachten zugelassenen Impfstoffe waren bis dahin schon Zehntausenden Probanden in streng überwachten Studien injiziert worden.

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Wie entsteht ein Impfstoff?
1:52 min
Nach einem Impfstoff gegen Covid-19 wird unnachgiebig geforscht. Innerhalb von nur einem Jahr war bereits der erste Kandidat in der Zulassungsphase.

Mehr als nur ein Selbstversuch

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Stöcker hat sich all das erspart. Doch es blieb offenbar nicht beim Selbstversuch, laut den „Kieler Nachrichten“ hat Stöcker mindestens 65 Menschen seinen Impfstoff verabreicht. Damit qualifizieren sich Stöckers Experimente womöglich als klinische Prüfung nach dem Arzneimittelgesetz – gegen das Stöcker verstoßen haben könnte, indem er die Versuche ohne das Paul-Ehrlich-Institut und abseits von dessen Vorgaben durchführte. Damit hätte Stöcker möglicherweise Menschenleben gefährdet. Es liegen mehrere Anzeigen gegen den Unternehmer vor, die Kieler Staats­anwaltschaft bestätigte auch im Mai noch laufende Ermittlungen, wie die „Kieler Nachrichten“ berichten.

Stöcker, der in der Vergangenheit nicht nur als Unternehmer, sondern auch als wortgewaltiger Kritiker der Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Angela Merkel auftrat, hat für das Zulassungs­verfahren kaum Verständnis. „Ich brauche keine Tierversuche. Das ist doch Unsinn – genau wie das Beharren auf zeitaufwendigen Doppelblind­versuchen“, sagte er Anfang April der „Welt“. Gegen das Paul-Ehrlich-Institut, dass für eine der Anzeigen verantwortlich ist, schießt Stöcker scharf: „Hätte sich das PEI nicht quergestellt, hätten wir längst einen Hersteller in die Lage versetzen können, halb Deutschland zu beliefern.“

Das ordentliche Zulassungs­verfahren ist teuer

Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Vakzin am aufwendigen Zulassungs­verfahren scheitert: Virologen von der Universität Helsinki haben schon im vergangenen Jahr eine Nasenspray-Impfung gegen das Coronavirus entwickelt. Doch sie setzten auf einen lizenzfreien Impfstoff. Der könnte im Grunde von jedem mit der entsprechenden technischen Ausstattung hergestellt werden, verspricht aber Pharmafirmen weit weniger hohe Gewinne als eine patentgeschützte Variante.

Die Pandemie und wir

Das „Linux unter den Vakzinen“, wie es der Erfinder Kalle Saksela bezeichnete, fand keine Partner in der Industrie – und Sakselas Team stand ohne Finanzierung für das Zulassungs­verfahren da. 30 bis 50 Millionen Euro fehlten für die umfangreichen Studien, berichtete die „Helsinki Times“.

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Am fehlenden Geld für eine regelkonforme Erprobung dürfte der Impfstoff des schwerreichen Stöcker indes nicht gescheitert sein. Aber warum sich Stöcker gegen das Verfahren des PEI gesträubt hat, ist bis heute unklar. Im Herbst vergangenen Jahres will sich Stöcker hilfesuchend an das Institut gewandt haben, erhielt eigenen Angaben zufolge aber keine Unterstützung. Beim PEI hingegen betont man laut „Kieler Nachrichten“, dass Stöcker telefonisch „eine wissenschaftliche und regulatorische Beratung durch das Paul-Ehrlich-Institut“ angeboten worden sei. Auch habe man Stöcker darauf hingewiesen, dass die Versuche auf eigene Faust rechtliche Risiken bergen, erklärte eine PEI-Sprecherin weiter.

Christian Drosten befürchtete Gesundheits­schäden

Während sich Stöcker nach seinem Selbstversuch für immun hält, ist bis heute unklar, was eine gründliche Prüfung seines Vakzins entlang der PEI-Anforderungen zutage gefördert hätte. Er habe ihn anfänglich darauf hingewiesen, dass Qualitäts­prüfungen und Studien erforderlich seien, meint etwa Christian Drosten, der von Stöcker schon frühzeitig kontaktiert wurde. „Ich habe zudem unterstrichen, dass bei nicht richtig konstituierten Antigenen auch krankheits­verschlechternde Effekte auftreten können“, sagte der Chefvirologe der Berliner Charité der „Welt“.

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Gegenüber dieser erklärte auch Friedemann Weber, Chefvirologe an der Universität Gießen, dass er die Wirksamkeit von Stöckers Vakzin für nicht bewiesen halte. Weber ärgert sich aber noch mehr über Stöckers Vorgehensweise. Eine gewisse Hemdsärmeligkeit sei beim Kampf gegen die Pandemie nicht schlecht. „Aber bei unzulässigen Menschen­versuchen hört der Spaß auf“, sagte Weber der „Welt“.

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Stiko rät unter 60-Jährigen von Astrazeneca für Zweitimpfung ab
0:56 min
Die Ständige Impfkommission rät Menschen unter 60 Jahren, für eine Zweitimpfung gegen Covid-19 auf einen mRNA-Impfstoff umzusteigen.  © dpa

Wolfgang Kubicki ist Anwalt von Stöcker

„Als Arzt darf ich ein Medikament herstellen und damit meine Patienten behandeln. Ich darf auch einen Impfstoff selbst herstellen und ihn ihnen verabreichen, da hat sich keine Behörde einzumischen. Ich darf nur keinen Impfstoff in den Verkehr bringen“, argumentierte hingegen Stöcker gegenüber der „Welt“. Ob das ausreicht, um nicht wegen eines Verstoßes gegen das Arznei­mittel­gesetz verurteilt zu werden, müssen wohl Gerichte beantworten. Prominente anwaltliche Unterstützung hat sich Stöcker jedenfalls gesichert: Juristisch vertritt ihn der FDP-Politiker und Anwalt Wolfgang Kubicki.

Doch unabhängig vom Ausgang eines möglichen Gerichtsverfahrens machen sich Ärzte auf, den Impfstoff von Stöcker zu verimpfen. „Ich habe eine Liste mit mindestens 150 Interessenten, darunter 50 Euroimmun-Mitarbeiter. Ich impfe Stöcker, sobald ich welchen habe“, sagte eine Ärztin aus dem Landkreis Görlitz jüngst der Sächsischen Zeitung (SZ). Der Clou: Die Ärztin bezieht offenbar nur die Komponenten des Impfstoffs von Stöcker, setzt diese dann selber zu einem Präparat zusammen.

Ist die Stöcker-Impfung Körperverletzung?

Dazu hat Stöcker hat eine Art Bauplan seines Stoffes im Internet veröffentlicht. Er vertritt die Auffassung, dass eine fehlende Zulassung nicht bedeutet, dass das Arzneimittel nicht vom Arzt angewendet werden darf. „Denn die unmittelbare Anwendung am Patienten ist keine Abgabe im Sinne des Arzneimittelgesetzes. Auch ein individueller Heilversuch mit einem zulassungspflichtigen, aber noch nicht zugelassenen Medikament wird durch das Arzneimittelgesetz nicht verboten“, schreibt Stöcker auf seiner Homepage.

Auch glaubt Stöcker, dass Ärzte den selbst zusammengemischten Impfstoff durchaus verabreichen dürfen. Zulassungsvorschriften würden sich ausschließlich an Hersteller richten, nicht aber an Ärzte. „Der Arzt hat nur für die Sicherheit der Anwendung des Arzneimittels im Einzelfall einzustehen. Insoweit ist es auch erlaubt, bei einem Patienten auf eigene Verantwortung und mit dem Risiko der Haftung für daraus entstehende Gesundheitsschäden ein auf dem Markt verfügbares Arzneimittel für eine Therapie einzusetzen, für die es nicht zugelassen ist“, zitiert Stöcker aus einem älteren Urteil des Bundessozialgericht.

Die für Görlitz zuständige sächsische Landesärztekammer hat gegenüber der „SZ“ angekündigt, das Vorgehen der Görlitzer Ärztin berufsrechtlich prüfen zu wollen. „Wenn für einen neu entwickelten Impfstoff keine Genehmigung durch die zuständige Ethikkommission und das für Impfstoffe zuständige Paul-Ehrlich-Institut vorliegt, könnte bei dessen Anwendung Körperverletzung sowie ein Verstoß gegen die ärztliche Berufsordnung vorliegen“, zitiert das Blatt die Organisation.

Inwiefern andere Ärzte dem Vorbild aus Görlitz, der Heimatstadt Stöckers, folgen, ist im Moment unklar - eine Anfrage der „Lübecker Nachrichten“ dazu ließ Stöcker unbeantwortet.

Wir haben diesen Text am 19. Mai aktualisiert.

RND/hö

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