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Immobilienkonzern Evergrande: Keine Finanzkrise, aber ein Rückschlag für China

  • Der chinesische Immobilienkonzern Evergrande kann eine Pleite vorerst abwenden.
  • Experten sehen zwar keine systematische Finanzkrise kommen.
  • Sie sehen aber sehr wohl einen herben Rückschlag für die Volksrepublik China.
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Peking. Als niemand mehr an die Zukunft von Evergrande glaubte, greift Unternehmensgründer Xu Jiayin in seiner Privatresidenz in Shenzhen in die Tasten seines Laptops. An sämtliche 130.000 Angestellten seines Unternehmens schickt der 62-Jährige zu Beginn des Mondfestes eine Sammelmail, die vor Chuzpe nur so strotzt: „Ich glaube fest daran, dass Evergrande niemals aufgeben wird; und je mehr Schwierigkeiten das Unternehmen erfährt, desto stärker wird es am Ende“, heißt es darin. Schon bald werde man aus den „dunkelsten Momenten“ heraus sein.

Und siehe da: Am Mittwoch teilte der zweitgrößte Immobilienkonzern des Landes überraschend mit, eine Teileinigung für die am Donnerstag ausstehenden Zinszahlungen erreicht zu haben. Laut Experten soll es sich dabei um einen Kuppon in Höhe von rund 36 Millionen Dollar handeln.

Über den Berg ist Evergrande jedoch noch lange nicht, ganz im Gegenteil. Dafür sind die schieren Dimensionen des Schuldenbergs zu massiv: Rund 300 Milliarden Dollar sollen es sein, die das Unternehmen ausständig ist – also in etwa so viel wie die Staatsschulden Griechenlands.

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Die Entwicklungen der letzten Wochen waren schließlich eine einzige Talfahrt: Am 8. September stufte die Ratingagentur Fitch die Kreditwürdigkeit von Evergrande herab, da Zahlungsausfälle „wahrscheinlich“ seien. Fünf Tage später gab die Konzernleitung höchst selbst zu, dass es unter „enormen“ finanziellem Druck stünde. Daraufhin stürmten Kleinanleger die Firmenzentrale in Shenzhen, um ihre ausstehenden Gelder zu verlangen.

Erstmals schien damit möglich, was angesichts der schieren Größe des Unternehmens quasi undenkbar war: Dass Peking Evergrande tatsächlich fallen lassen – und Millionen an Chinesen auf ihren ausstehenden Zahlungen sitzen lassen würde.

Sensible Angelegenheit für die Zensoren

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Dass die Staatsmedien Xinhua, „Global Times“ und „China Daily“ die Implosion des Immobilienriesen in ihrer täglichen Berichterstattung nahezu aussparen, zeigt, wie sensibel die Angelegenheit für die Zensoren ist. Zumindest „Caixin“, ein Wirtschaftsmagazin mit gewisser Narrenfreiheit, hält mit seinem Urteil nicht hinterm Berg: Alleine könne sich Evergrande nicht mehr aus der Misere ziehen, heißt es.

Caixin spricht von einer „99,99-prozentigen Wahrscheinlichkeit“, dass das Unternehmen seine Zinsen im Laufe des dritten Jahresquartals nicht mehr zurückzahlen kann. Als wahrscheinlichstes Szenario gilt nach wie vor, dass die Regierung die Kontrolle schrittweise übernehmen wird.

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„Ich glaube nicht, dass es Chinas ‚Lehman-Moment‘ ist, aber die Lage ist hässlich und wird noch hässlicher werden“, analysiert der Sinologe Bill Bishop in seinem renommierten Newsletter. Er glaubt nicht an eine systemische Finanzkrise innerhalb der Volksrepublik, sehr wohl aber an eine starke Verlangsamung des Wirtschaftswachstums. Schließlich würde selbst die Regierung das wahre Ausmaß des Schuldenbergs gar nicht kennen: „Xu Jiayin war meisterhaft darin, das volle Ausmaß von Evergrandes Schulden zu verschleiern.“

Einige Ökonomen halten zurecht fest, dass Evergrande auf einem relativ abgeschotteten Markt agiert und der absolute Großteil an Investoren aus China kommt. Dennoch heißt das nicht, dass Europa das Straucheln des Immobilienriesen nicht auch zu spüren bekommen. Denn längst ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt eine der wichtigsten Antriebsmotoren für die globalen Märkte.

Aufgeheizter Immobilienmarkt

Der aufgeheizte Immobilienmarkt rast seit Jahren bereits auf einen möglichen Crash zu. Angesichts mangelnder Alternativen haben die meisten Chinesen ihr Erspartes in Apartments geparkt, über 70 Prozent des Haushaltswohlstands sind in Immobilien investiert. Und das Bruttoinlandsprodukt besteht nach wie vor zu knapp einem Viertel aus dem Bausektor - auch wenn dieser längst immer weniger Renditen bringt.

Xi Jinping hat in seinen Reden der letzten Jahre immer wieder von den drei gesellschaftlichen Übeln gesprochen, die es zu bekämpfen gilt – von der Armut im Land über die massive Umweltverschmutzung bis hin zu den finanziellen Risiken der Volkswirtschaft. Während die Regierung auf den ersten beiden Feldern deutliche Fortschritte erzielt hat, wird nun mit dem Evergrande-Desaster deutlich, dass die finanziellen Risiken in China nach wie vor immens sind.

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Seit Monaten bereits führen die Aufsichtsbehörden neue Regularien ein, um für Ordnung auf den Märkten zu sorgen. Doch es ist ein Drahtseilakt, den Xi vollbringen muss: Wenn er seinen brachialen Kurs gegen die Privatwirtschaft fortführt, lähmt er die innovativen Kräfte, die in den letzten Jahrzehnten für Wirtschaftswachstum gesorgt haben. Doch kehrt China zum frei wuchernden Kapitalismus der Nullerjahre zurück, dann folgen auch Chaos, Größenwahn und spektakuläre Pleiten. Evergrande ist das beste Beispiel dafür.

Denn das Geschäftsmodell von Xu Jiayin beruhte von Beginn an auf Schulden, Korruption und einer bedenklichen Nähe zur Politikelite. Höher, schneller, weiter lautete die Devise um die Jahrtausendwende, als sich das chinesische BiP alle zehn Jahre verdoppelte.

Xu Jiayins Biografie ist die Personifizierung jener Goldgräberstimmung: Innerhalb einer Generation schnellte der Sohn eines bitterarmen Lagerhausarbeiters zum reichsten Mann des Landes auf, der sich nach außen als bodenständiger Patriot gab, doch tatsächlich in Privatjets durch die Welt flog und die Gunst von Pekings Parteikadern mit millionenschweren Geschenken erkaufte. Doch nun, im Herbst seines erfolgreichen Unternehmerlebens, droht Xu nach dem spektakulären Aufstieg eine ebenso spektakuläre Bruchlandung.

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