IG Metall warnt vor massivem Jobabbau durch verstärkten Klimaschutz

  • Die Gewerkschaft will Kahlschlag durch die Qualifizierung der Beschäftigten verhindern.
  • Besonders Arbeitsplätze bei Autozulieferern seien bedroht.
  • Bezirksleiter beklagt, dass Betriebe ausgepresst würden, um sie in zwei oder drei Jahren dichtzumachen.
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Frankfurt am Main. Die IG Metall warnt vor einem massiven Arbeitsplatzabbau im Zuge verstärkter Anstrengungen beim Klimaschutz. Um einen Kahlschlag bei den Jobs vor allem bei Autozulieferern und in der Stahlbranche zu verhindern, fordert die Gewerkschaft den Ausbau der Mitbestimmung und ein Recht auf mehr Qualifizierung und mehr staatliche Hilfen.

Daimler hat Ende voriger Woche nachgezogen. Der Konzern kündigte an: Die Pkw-Sparte Mercedes-Benz bereite sich darauf vor, „noch vor Ende des Jahrzehnts vollelektrisch zu werden“. Das ist die Erklärung des Ausstiegs aus der Verbrennertechnik. Zuvor hatten bereits alle anderen Autokonzerne, die hierzulande Autos produzieren, das Ende der Motoren angekündigt, die mit Benzin oder Diesel angetrieben werden.

Opel will sogar schon 2028 die Ära des Antriebs mittels fossiler Kraftstoffe beenden. Spätestens 2035 soll es auch nach dem „Fit for 55“-Konzept der EU-Kommission damit vorbei sein.

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„Bei dem ‚Fit for 55‘-Programm fehlt die Perspektive der Arbeitnehmer“

Was vielen Umwelt- und Klimaschützern nicht schnell genug geht, bereitet der IG Metall große Sorgen. „Bei den Vorschlägen der EU-Kommission für das ‚Fit for 55‘-Programm fehlt die Perspektive der Arbeitnehmer“, sagte Jörg Köhlinger dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Er ist der Leiter des wichtigen IG-Metall-Bezirks Mitte, der die Bundesländer Rheinland-Pfalz, Hessen, Saarland und Thüringen umfasst.

Er beobachtet, „dass viele Unternehmen das Anziehen der Klimaschutzvorgaben für eine verschärfte Restrukturierung missbrauchen“. Gekennzeichnet ist diese Entwicklung aus Sicht des Gewerkschafters durch Pläne für Standortverlagerungen in sogenannte Best-Cost-Länder, die sich vor allem in Osteuropa befinden.

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Hinzu kommt: „Wir erleben schon jetzt, dass Standorte noch einmal richtig ausgepresst werden mit neuen Schichtsystemen und Wochenendarbeit. Die Leute werden nicht weiter qualifiziert, sie sollen einfach fallen gelassen werden, weil bereits feststeht, dass der Standort in zwei, drei Jahren dichtgemacht wird.“

Viele aktuelle Erhebungen prognostizierten eine Beschleunigung des Strukturwandels in der Autobranche. Wobei die derzeit hohe Nachfrage nach E‑Pkw stark von staatlichen Kaufprämien befeuert wird. Eine Studie von Bloomberg New Energy Finance hat aber ergeben, dass Mittelklasse-Pkw auch ohne die Subventionen schon 2026 billiger sein werden als vergleichbare Benziner. Wodurch die Nachfrage massiv steigen würde.

Auch Köhlinger geht davon aus, dass in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts die Transformation zum E‑Auto massiv durchschlägt.

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Kernelemente sind eine europaweite Pflicht zum Kauf von CO₂-Verschmutzungsrechten für Sprit, Heizöl oder Gas.  © Reuters

Laut Metallgewerkschaft 200.000 bedrohte Arbeitsplätze

Die Metallgewerkschaft hatte schon 2019 einen Unternehmensatlas vorgelegt, der bundesweit die starke Abhängigkeit von der Verbrennertechnik dokumentierte. Immer wieder ist von mehr als 200.000 bedrohten Arbeitsplätzen die Rede. Mit dem im Frühjahr abgeschlossenen Tarifvertrag zwischen IG Metall und Arbeitgebern wurden Instrumente festgezurrt, die bei der Transformation helfen sollen.

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So ist es möglich, die Arbeitszeit bei geringer Auslastung der Betriebe auf eine Viertagewoche zu reduzieren. Zugleich will die Gewerkschaft die Möglichkeiten für Weiterbildung schaffen. Aber: „Wir brauchen ein festgeschriebenes Recht auf Qualifizierung“, sagte nun Köhlinger dem RND. „Es kann nicht sein, dass ein Unternehmer nach Gutsherrenart entscheidet, wer sich qualifizieren darf und wer nicht.“

Wichtig ist ihm außerdem, dass Qualifizierung immer vor der Entlassung kommt. Köhlinger nennt als Beispiel Continental: „Wenn die Verbrennersparte kleiner wird und Software eine größere Rolle spielt, dann müssen Beschäftigte dafür umgeschult werden, und das muss während der Arbeitszeit passieren.“

Mehr Geld für Stahlindustrie

Als größtes Hindernis beschreibt der Bezirksleiter fehlende Langfristplanungen der Betriebe. „Wir sehen heute, dass bestenfalls 25 Prozent der Unternehmen überhaupt ein Zielbild darüber haben, wie sie sich entwickeln wollen. Mehr als die Hälfte der Firmen hat davon überhaupt keine Vorstellung.“

Die Gewerkschaft treffe bei Nachfragen oft genug auf großen Widerstand: „Dann hören wir: Dafür seid ihr nicht zuständig, das ist unsere unternehmerische Entscheidung, das geht euch nichts an.“ Aus diesem Grund verlangt die Gewerkschaft eine Ausweitung der Mitbestimmung. Ein Kernpunkt ist dabei die Abschaffung des doppelten Stimmrechts für die Arbeitgeberseite in Aufsichtsräten, „das muss die Bundesregierung per Gesetz machen“, erläutert Köhlinger.

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Für die Stahlindustrie macht der Bezirksleiter sich für einen staatlichen Transformationsfonds stark, „der weit über die bislang geplanten 10 Milliarden Euro hinausgeht“. Das sei enorm wichtig, da jetzt wichtige Investitionsentscheidungen anstünden. Es wird darum gehen, ob die Unternehmen auf neue Technologien umstellen, mit denen Stahl mittels Strom und grünem Wasserstoff hergestellt wird.

Doch bislang sei noch völlig unklar, ob dafür überhaupt ausreichend Energie zur Verfügung stehe. Für Köhlinger ist diese Frage essenziell: „Wenn Deutschland ein Industrieland bleiben und Umweltstandards einhalten will, dann müssen wir die Wertschöpfungsketten erhalten – deshalb brauchen wir eine eigene Stahlindustrie.“ Allein im Saarland hingen 20.000 Arbeitsplätze von der Branche ab.

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