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  • Homeoffice bei Telefónica: Personalchefin über Vorteile für Produktivität und Klima

Personalchefin: “Auch mich hat es überrascht, wie reibungslos die Arbeit im Homeoffice funktioniert”

  • Im Zuge der Corona-Krise arbeiten noch immer viele Beschäftigte von zu Hause aus, bei Telefónica soll das so bleiben.
  • Der Telekom-Konzern preist die Flexibilität an und will auch in Zukunft verstärkt auf die Arbeit im Homeoffice setzen.
  • Personalvorständin Nicole Gerhardt spricht im Interview von den Vorteilen in Sachen Produktivität und Klima – sieht aber auch eine Gefahr.
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Die Beschäftigten sollen künftig weitgehend eigenständig entscheiden, wo und wann sie arbeiten. Meetings finden grundsätzlich virtuell statt. Und die Dienstreisen sollen um 70 Prozent reduziert werden. So will der Telekom-Konzern Telefónica die Arbeitsorganisation umkrempeln. Personalvorständin Nicole Gerhardt preist die neue Flexibilität an. Sie bringe mehr Autonomie und führe dazu, dass Beschäftigte sogar schon ihre Lebensmodelle überdenken. Allerdings sieht sie auch die Gefahr der Entgrenzung der Arbeit. Deshalb will Telefónica ein Recht zum Abschalten von Smartphone und Laptop einführen. Das Interview wurde selbstverständlich am Telefon geführt.

Frau Gerhardt, von wo rufen Sie an?

Ich bin zu Hause und das weitgehend schon seit viereinhalb Monaten. Insgesamt war ich seit Ausbruch der Pandemie etwa zehn Tage im Büro. Homeoffice funktioniert auch als Vorstand.

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Fühlen Sie sich beim Arbeiten zu Hause oder im Büro wohler?

Am wohlsten fühle ich mich mit einem Hybridmodell – auch in Zukunft. Zu Hause zu arbeiten verschafft mir gelegentlich Freiraum, und ich arbeite unheimlich effizient. Aber mir fehlt auch mein Team und die Interaktion mit den Kolleginnen und Kollegen. Die Arbeit hat in den vergangenen Monaten bei uns vor allem deshalb so gut funktioniert, weil wir schon eine gewachsene Vertrauensbasis untereinander hatten.

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Noch vor einigen Monaten haben Beschäftigte hartnäckig, aber erfolglos darum gekämpft, im Homeoffice zu arbeiten. Warum hat sich das grundlegend geändert durch Corona?

Viele – auch mich – hat es überrascht, wie reibungslos die Arbeit im Homeoffice funktioniert. Dadurch ist ein Durchbruch gelungen. Es war und ist ein großes und immer noch anhaltendes Experiment, bei dem irgendwann klar wurde, dass man gar nicht so viel reisen und sich immer persönlich sehen muss. Im Gegenteil, oft reicht auch eine Videokonferenz aus. Wir gehen jetzt einen mutigen nächsten Schritt. Künftig sollen unsere Mitarbeiter da arbeiten, wo es für sie am produktivsten ist. Das kann zu Hause, im Büro oder auch an einem anderen Ort sein. Die Präsenzpflicht schaffen wir für die meisten weitgehend ab.

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Viele Unternehmen zögern aber noch, das Arbeiten von zu Hause zu ermöglichen. Wie können die Manager überzeugt werden?

Wir hatten noch nie eine so große Autonomie und Flexibilität in der Arbeitswelt. Das motiviert die Beschäftigten. Viele überdenken sogar ihre Lebensmodelle. Ich höre oft: Wir müssen nicht mehr in der Stadt wohnen. Wir können auch auf dem Land leben, weil wir nicht mehr pendeln müssen. Elternpaare überlegen, die Arbeit zwischen den Partnern anders aufzuteilen. Frauen fällt es leichter, in Vollzeit wieder einzusteigen und nicht in Teilzeit arbeiten zu müssen. Als Unternehmen sind wir viel effizienter in der Information unserer Mitarbeiter geworden. Es gab Videokonferenzen, in denen über 2000 Mitarbeiter gleichzeitig teilnahmen. Wir müssen viel weniger reisen, davon profitieren die Umwelt und auch die Mitarbeiter. Viele sagen, dass sie jetzt mehr Zeit für wirklich wichtige Dinge haben. Ich kann nur jedes Unternehmen ermuntern: Geht mutig voran.

Nicole Gerhardt, Jahrgang 1970, ist seit August 2017 die Personalchefin von Telefónica Deutschland. Sie war zuvor als Personalmanagerin beim TV-Konzern ProSieben Sat.1 Media tätig. Die Volljuristin hatte von 2013 bis 2015 bereits bei E-Plus und nach dem Zusammenschluss mit Telefónica auch in dem fusionierten Unternehmen gearbeitet. Ihre Karriere begann Gerhardt bei dem Telekommunikationsanbieter Versatel Deutschland. Es folgten verschiedene Leitungsfunktionen im Personalbereich von Vodafone. Der hiesige Ableger des spanischen Telekom-Konzerns Telefónica ist mit der Hauptmarke O2 einer der drei großen Mobilfunkanbieter in Deutschland. Das Unternehmen krempelt nun als Erfahrung aus der Corona-Krise seine Arbeitsorganisation um. Allerdings sieht sie auch die Gefahr der Entgrenzung der Arbeit. Deshalb will Telefónica ein Recht auf Abschalten einführen. © Quelle: Privat

Sie sind sich Ihrer Sache sehr sicher.

Wir müssen jetzt natürlich auch genau beobachten, wie sich das Ganze entwickelt. Falls die Mitarbeiter wieder verstärkt ins Büro kommen wollen, müssen wir als Unternehmen ebenfalls in der Lage sein, uns einer solchen Situation anzupassen. Wir haben als weiteren mutigen Schritt das sogenannte “Working anytime” vorgestellt – den meisten Mitarbeitern soll dadurch innerhalb des maximalen gesetzlichen Rahmens Flexibilität gegeben werden, wann sie ihre Aufgaben erledigen. Wir müssen dabei aber auch schauen, ob es uns damit gelingt, Berufliches und Privates gut genug voneinander abzugrenzen.

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Ist die Entgrenzung der Arbeit die größte Gefahr beim Arbeiten im Homeoffice? Viele Beschäftigte arbeiten zu Hause offenbar mehr als im Büro.

Das Risiko sehe ich. Wir haben uns darauf verständigt, dass es bei uns auch ein Recht zum Abschalten von Smartphone und Laptop geben muss. Die Mitarbeiter haben eine vertraglich vereinbarte Wochenarbeitszeit, darüber kann nicht hinausgegangen werden. Das ist ganz klar. Und niemand muss auf Mails am Wochenende, in den frühen Morgen- oder den späten Abendstunden antworten.

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Studie zu Homeoffice: weniger Stress, mehr Produktivität
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Weniger Stress, mehr Zeit für die Familie und sogar eine höhere Produktivität: Der Wechsel ins Homeoffice war für viele Arbeitnehmer eine positive Erfahrung.  © dpa

Unternehmen können genau überprüfen, was Angestellte wann im Homeoffice mit ihren Computern machen. Eine lückenlose Überwachung. Da sind doch Persönlichkeitsrechte in Gefahr?

Wir gehen als Unternehmen verantwortungsbewusst mit den Persönlichkeitsrechten unserer Mitarbeiter um und halten uns dabei selbstverständlich an alle gesetzlichen Vorgaben. Mit allen Daten über unsere Mitarbeiter gehen wir sehr, sehr sensibel um. Es entspricht überhaupt nicht unserer Haltung, unsere Mitarbeiter dabei zu kontrollieren, wann sie am Computer sitzen und wann nicht.

Auch Führungskräfte müssen dazulernen

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Müssen in Ihrem Modell Arbeitszeiten überhaupt noch eine Rolle spielen? Es kommt doch nicht auf die Arbeitsstunden an, sondern auf das Ergebnis.

Ganz genau. Aber diese Erkenntnis ist noch längst nicht für alle selbstverständlich. Viele Führungskräfte müssen noch lernen, dass Präsenz nicht gleichbedeutend ist mit guten Ergebnissen. Ergebnisse müssen vielmehr vor allem gut gemanagt werden. Der Mitarbeiter soll künftig stärker selbst entscheiden, für welche Aufgabe er wann und wo am produktivsten arbeiten kann. Das bringt mehr Autonomie, aber auch mehr Selbstverantwortung. Da muss in allen Unternehmen noch viel getan werden. Aber es ist absolut richtig, von der starren Ausrichtung an der Arbeitszeit wegzukommen.

Aber besteht hier nicht die Gefahr der Überforderung? Es gibt Beispiele von IT-Unternehmen, die Arbeitszeiten aufgehoben haben und Teams stattdessen Projekte zugeordnet waren. Die Vorgaben waren aber so anspruchsvoll, dass die Beschäftigten erheblich mehr als zuvor arbeiten mussten.

Man muss genau darauf achten und realistische Ziele setzen. Es nützt auch dem Arbeitgeber letztlich nichts, wenn die Mitarbeiter überfordert sind, denn dann leidet auch die Qualität der Ergebnisse.

Geht mit den neuen hybriden Arbeitsformen nicht auch etwas verloren? Viele gute Ideen entstehen in der Teeküche oder auf dem Flur.

Das ist ein wichtiger Punkt. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir Menschen sind und die unmittelbare soziale Interaktion brauchen. Das ist absolut wichtig und auch der Grund, warum wir nicht in reine Homeoffice-Lösungen gehen, sondern ein Hybridmodell verfolgen. Zu bestimmten Zeiten, etwa wenn neue Mitarbeiter anfangen, ist es wichtig, dass sie alle Kollegen auch persönlich kennenlernen – nicht nur am Bildschirm.

Besteht durch Homeoffice nicht auch die Gefahr, dass Firmen verstärkt mit freien Mitarbeitern arbeiten?

Mehr virtuelle Zusammenarbeit macht es sicher grundsätzlich einfacher, mit Freelancern zusammenzuarbeiten. Aber wir verfolgen diesen Ansatz nicht. Ganz im Gegenteil. Gerade läuft ein Projekt, mit dem wir strategische Kompetenzen wieder “insourcen”, denn wir glauben, dass vieles besser “inhouse” erfolgen sollte.

Virtuelle Meetings werden Standard

Wird es bei Telefónica auch weniger Meetings mit physischer Anwesenheit geben?

Für uns ist künftig Digital der Standard. Meetings sollen prinzipiell virtuell stattfinden, es sei denn, es gibt einen spezifischen Grund, der eine persönliche Anwesenheit notwendig macht. Das ist der Kern unseres Konzepts. Dieses Prinzip ermöglicht es erst, dass Mitarbeiter mobil und im Homeoffice arbeiten können. Denn sie müssen kein schlechtes Gewissen mehr haben, wenn sie von zu Hause aus an Meetings teilnehmen.

Und Dienstreisen soll es auch nicht mehr geben? Dabei sind das für viele Beschäftigte hochgeschätzte kleine Fluchten.

Auch mit unseren Konzepten “Working everywhere” und “Working anytime” sind die “kleinen Fluchten” möglich. Man kann und soll sich ja auch einmal eine halbe Stunde oder Stunde vollkommen ausklinken können. Dabei kann man auch auf Reisen verzichten und die Umwelt schonen. Und für viele ist das Reisen überdies eine große Belastung.

Wie hoch sind die Einsparungen durch das Einschränken von Dienstreisen?

Bei Telefónica Deutschland gab es wegen der vielen Standorte eine besonders starke Reisetätigkeit. Wir werden deshalb eine größere Summe einsparen. Aber bei unserem Ziel von 70 Prozent weniger Dienstreisen geht es nicht primär darum, nur Kosten zu senken. Wir haben im Vorstand schon entschieden, einen Teil der Einsparungen zurückzugeben. Wir werden entweder in die Mitarbeiterentwicklung investieren oder an gemeinnützige Organisationen spenden. Über die Art der Projekte werden wir zu einem späteren Zeitpunkt final befinden. Aber eins ist jetzt schon klar: Uns geht es um mehr Produktivität und auch um Klimaschutz.

Wollen Sie mit Ihrem Modell auch andere Unternehmen dazu bringen, mehr virtuell zu machen, weil das dann auch mehr Telekommunikation bedeutet, wovon Telefónica profitiert?

Wir wollen Vorreiter sein, um attraktiv für unsere und neue Mitarbeiter zu sein. Denn wir sind von guten Mitarbeitern abhängig – gerade in solchen Bereichen, in denen viele Unternehmen Verstärkung suchen. Etwa im Bereich der Cybersecurity. Wenn nicht wir als Telekommunikationsunternehmen, wer sonst soll sich an die Spitze der Bewegung für eine digitalisierte Arbeitswelt stellen?


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