Der Mann, der nach der Lufthansa greift

  • Heinz Hermann Thiele ist kein Rentner wie andere.
  • Den Multimilliardär machtbewusst zu nennen wäre eine Untertreibung.
  • Jetzt hat er günstig ein Zehntel der Deutschen Lufthansa gekauft.
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Jede Krise hat ihre Gewinner. Das dürfte sogar für die Corona-Pandemie gelten. Die dadurch schwer ins Trudeln geratene Deutsche Lufthansa hat jedenfalls durch die Familienholding des Münchner Managers Heinz Hermann Thiele einen neuen Großaktionär erhalten.

In drei Schritten hat dieser nach dem Absturz der Dax-Aktie rund ein Zehntel der Anteile im Wert von aktuell rund 440 Millionen Euro gekauft. Wer den 78-jährigen kennt, kann sich schwer vorstellen, dass sich der Multimilliardär dabei als stiller Gesellschafter sieht, der den Erwerb als reine Finanzanlage versteht.

Das nötige Geld hat er zweifellos

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Eher schon ist anzunehmen, dass der gebürtige Mainzer weiter aufstockt. Das nötige Geld, um zu kaufen, wenn die Kanonen donnern, wie es eine alte Börsenweisheit rät, hat er zweifellos. Auf eine zweistellige Milliardensumme wurde sein Privatvermögen zuletzt geschätzt. 2019 lagen er und seine Familie auf Platz sechs der Liste der vermögendsten Deutschen.

Bei den 4,4 Milliarden, die Lufthansa an der Börse gerade noch wert ist, eröffnet das Raum für Spekulationen. Es provoziert Fragen. Wer bei Thieles Investmentgesellschaft KB Holding im Münchner Nobelviertel Grünwald anruft, wird von einer resoluten Dame am anderen Ende der Leitung allerdings belehrt. “Ich wüsste nicht, was es da zu fragen gibt”, sagt sie und verbindet dann doch weiter zu einem Kollegen.

Der Mann, der keinen Widerspruch duldet

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Der ist hinsichtlich Thieles Beweggründen beim Lufthansa-Einstieg ähnlich auskunftsfreudig und lacht erst einmal herzlich. “Wir geben dazu keinerlei Informationen”, stellt er dann klar. Vom fortgeschrittenen Alter des neuen Lufthansa-Großaktionärs sollte man sich nicht täuschen lassen. “Letztlich entscheidet Thiele”, hieß es beim Münchner Bremsenspezialisten Knorr-Bremse bis zuletzt.

Durch diesen Konzern hat der Mann, der keinen Widerspruch duldet, sein Vermögen gemacht. 1969 hatte der in Weltkriegszeiten geborene und in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsene Jurist als Sachbearbeiter in dessen Patentabteilung begonnen. 20 Jahre später war er Chef und Alleineigentümer. Ein existenzbedrohender Streit unter früheren Eignern und finanzielle Schützenhilfe durch die Deutsche Bank sowie eigenes Gespür und Durchsetzungskraft hatten ihn ganz nach oben gebracht.

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Mit Knorr-Bremse und Vossloh zum Erfolg

Als Oberleutnant der Reserve hatte er einmal eine 150-köpfige Panzerkompanie befehligt. Jetzt kommandierte er einen großen Mittelständler und machte ihn zum Weltmarktführer bei Bremsen für Züge und Lastwagen. Als Knorr-Bremse 2018 an die Börse ging, wurden Thiele und seine Familie weitere gut 4 Milliarden Euro reicher. Auch den Bahntechnikkonzern Vossloh kontrolliert der Selfmade-Milliardär heute.

Von seinem Wirken bei Knorr-Bremse und Vossloh weiß man, wie er auf Widerstände reagiert. Thiele bricht sie. Manager, die nicht tun, was er will, werden im Stil eines Donald Trump gefeuert.

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Wer einmal geschäftlich mit ihm die Klingen gekreuzt hat, wählt in der Regel wenig schmeichelhafte Adjektive. Als ZF Friedrichshafen als Konkurrent von Knorr-Bremse 2017 die schwedische Haldex übernehmen wollte, was die Münchner als Weltmarktführer angegriffen hätte, torpedierte er dieses Vorhaben mit rüden Methoden.

Lufthansa-Deal dürfte sich lohnen

Haldex hängt das heute noch nach. Bei Knorr-Bremse müssen Beschäftigte 42 Stunden wöchentlich arbeiten – ohne Lohnausgleich. Tariflich gelten 35 Stunden pro Woche. Aus dem Arbeitgeberverband ist das Unternehmen 2004 unter dem damaligen Chef Thiele ausgetreten. Spätestens seitdem ist er ein Lieblingsfeind der IG Metall.

Auch vor der eigenen Familie schreckt der Patriarch nicht zurück. Sohn Hendrik, der lange als Nachfolger galt, hat er für Außenstehende überraschend 2015 vor die Tür gesetzt. “Ich habe gelernt, in harten Zeiten zu überleben”, hat Thiele einmal über sich gesagt und selbst selten mit Härte gespart. So gesehen kann sich Lufthansa-Chef Carsten Spohr auf einiges gefasst machen.

Nach der Corona-Krise muss er sich vermutlich mit Thiele auseinandersetzen. Der hat wohl wieder einmal zum richtigen Zeitpunkt zugeschlagen. Seine Millionen in den Sand gesetzt zu haben, weil die Lufthansa pleitegeht, muss er kaum befürchten. Die Bundesregierung wird den Dax-Konzern notfalls stützen. So wie es aussieht, ist Thiele mit seinem Lebenswerk noch nicht am Ende.

RND

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