Am Bau ist Material nicht nur knapp, es wird auch immer teurer

  • Die Preise fürs Bauen von Wohngebäuden steigen so stark wie seit vielen Jahren nicht mehr.
  • Branchenvertreter warnen vor schrumpfenden Erträgen und einer wachsenden Insolvenzgefahr.
  • Die Baugewerkschaft sieht die Materialknappheit als temporäres Phänomen.
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Frankfurt am Main. Auf den Baustellen hierzulande fehlt Material an allen Ecken und Enden. Und das, was noch geliefert wird, ist häufig sehr teuer. In der Branche ist bereits von einer erhöhten Insolvenzgefahr die Rede. Die Gewerkschaft IG Bau geht hingegen davon aus, dass die Lieferengpässe bald verschwinden werden.

Das gab es schon lange nicht mehr: Die Preise fürs Bauen von Wohngebäuden sind im Mai um 6,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat gestiegen. Dies teilte das Statistische Bundesamt am Freitag mit. Ein vergleichbares Plus hatte es zuletzt 2007 gegeben – damals war die Mehrwertsteuer erhöht worden. Die Wiesbadener Statistiker haben allein für die Zeit von Februar bis Mai einen Sprung nach oben von 3,6 Prozent errechnet.

Wobei diese Durchschnittszahlen die heftigen Veränderungen bei manchen Produkten verharmlosen. Wie schwierig die Lage ist, wird deutlicher, wenn man beachtet, dass sich Zimmer- und Holzbauarbeiten binnen Jahresfrist um mehr als ein Viertel verteuert haben. Aber auch Dachdecker-, Klempner-, Kanal-, Beton- und Mauerarbeiten sind merklich teurer geworden.

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Dahinter steckt ein globaler Mechanismus: Im Frühjahr wurde deutlich spürbar, dass in den beiden größten Volkswirtschaften der Welt, USA und China, das Wirtschaftswachstum und damit die Bautätigkeit deutlich gestiegen ist. Dies beruht auf immensen Konjunkturprogrammen, die auch in der EU auf den Weg gebracht wurden.

Die Folgen hierzulande: Verspätete und verringerte Materiallieferungen sind noch das geringere Problem. Schlimmer ist, wenn gar kein Holz oder gar kein Betonstahl mehr kommen. Bei dem, was noch geliefert wird, gebe es „unvorhergesehen schnell und stark steigende Preise“, heißt es in einem Positionspapier des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie.

Eine aktuelle Umfrage des Münchner Ifo-Instituts hat ergeben, dass im Juni jedes zweite Unternehmen, das im Hochbau aktiv ist, unter Beeinträchtigungen durch Lieferverzögerungen gelitten hat. Das ist im Vergleich zum Mai noch einmal eine deutliche Eskalation. Selbst im Tiefbau, an dem die Materialengpässe lange vorbeigingen, sehen nun rund 40 Prozent der Firmen Schwierigkeiten bei der Beschaffung. „Die Probleme sind vielfältig und haben sich gegenüber dem Vormonat nochmals verschärft“, erläutert Felix Leiss, der beim Ifo-Institut für Umfragen zuständig ist. Durch die Bank berichten die Firmen von steigenden Einkaufspreisen.

Geschnittenes Holz fehlt

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Die Versorgung mit Schnittholz sei noch immer ein großes Problem auf den deutschen Baustellen. Aber auch erdölbasierte Baustoffe seien knapp. Vielerorts fehle es an Dämmmaterial und an Kanalrohren sowie an allen möglichen anderen Kunststoffteilen. Selbiges gelte beim Stahl, so Leiss. Eine vergleichbare Materialknappheit habe es noch nicht einmal in der Bauhochkonjunktur nach der deutscher Vereinigung Anfang der 1990er-Jahre gegeben, betont die Bauindustrie in ihrem Positionspapier.

Zugleich ist aber die Nachfrage groß. Im April kletterte der Auftragseingang im Vergleich zum März noch einmal um fast 10 Prozent. Doch das nützt den Unternehmen wenig, wenn sie nicht loslegen können. So ist denn auch jüngsten Umfragen zufolge die Geschäftslage in der Branche zwar nach wie vor gut. Aber die Erwartungen für die nächsten sechs Monate sind negativ. Peter Hübner, Präsident der Bauindustrie, spricht von „ungewissen Aussichten“.

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Aufträge können zum Problem werden und höhere Materialkosten die Renditen drücken. „Wenn bei langlaufenden Projekten keine Preisgleitung vereinbart wurde, trägt man das Risiko als Bauunternehmer allein“, erläutert Tim Lorenz, Vizepräsident Wirtschaft im Bauhauptverband. Und in dem Positionspapier des Verbandes heißt es, die aktuellen Gefahren seien weder beherrschbar noch mit hinreichender Sicherheit kalkulierbar. Das Risiko von Insolvenzen erhöhe sich.

Dabei haben viele Baufirmen auch während der Pandemie viel verdient. Robert Feiger, Bundesvorsitzender der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt, erinnert denn auch daran, dass das Statistische Bundesamt am Freitag für den April auch ein Plus beim Umsatz (3,6 Prozent) und bei den Beschäftigten (2,2 Prozent) im Vergleich zum Vorjahr gemeldet hat.

Gewerkschaft verweist auf steigende Umsätze und mehr Beschäftigte

„Die Zahlen zeigen deutlich, wie gut die Bauwirtschaft durch die Pandemie gekommen ist. Sie war ein Stützpfeiler in der schwierigen Zeit“, sagt Feiger dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. Er fügt hinzu: „Höhere Baupreise zeigen auch, dass sie am Markt durchsetzbar sind.“ Die Materialknappheit hingegen sei nicht wegzudiskutieren. „Sie beschäftigt uns schon eine Weile. Wir glauben aber nach wie vor, dass es ein temporäres Phänomen ist, das sich bald auflösen wird.“ Die Zollpolitik in den USA werde bald eine andere sein, und Holz sei hierzulande genug vorhanden: „Wir brauchen nur Personal, das den natürlichen Rohstoff aus dem Wald zieht“, so Feiger.

Die Vermutung liegt nahe, dass bei den Beschreibungen der Engpässe auch Schwarzmalerei aus taktischen Gründen eine Rolle spielt. Derzeit wird über mehr Lohn für die Beschäftigten des Bauhauptgewerbes gestritten. Die zweite Verhandlungsrunde wurde Ende Juni von der Arbeitgeberseite überraschend abgebrochen. Feiger betont nun: „Alles in allem gehen wir mit Selbstbewusstsein in die kommenden Tarifverhandlungen und halten unsere Forderungen von 5,3 Prozent mehr Lohn und Gehalt, Ost-West-Angleich und Wegezeitentschädigung aufrecht!“ Ende Juli wollen sich Gewerkschaft und Arbeitgeber wieder an einen Tisch setzen.

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