Hauptversammlung soll Weg für Siemens-Aufspaltung frei machen

  • Siemens bringt seine Energiegeschäfte an die Börse.
  • Belegschaftsaktionäre und andere Eigner kritisieren das.
  • Vor allem vermissen sie eine grüne Strategie für Siemens Energy.
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München. Es hätte eine muntere und kontroverse Veranstaltung werden können. Aber selten waren die Limitierungen einer virtuellen Hauptversammlung so deutlich wie beim außerordentlichen Aktionärstreffen zum Börsengang des Energiegeschäfts Siemens Energy.

Aktionäre kritisieren Timing von Siemens

“Es ist ein historischer Moment”, stellte der scheidende Siemens-Chef Joe Kaeser klar. So weit war er sich mit seinen Aktionären noch einig, die distanziert per Internet verfolgten, wie nüchtern 207 vorab eingereichte Fragen verlesen wurden. Immerhin spaltet Siemens sich in bisher ungekanntem Ausmaß und trennt 91.000 Stellen sowie 29 Milliarden Euro Umsatz ab – ein Drittel des Konzerns.

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Joe Kaeser, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG, spricht beim Börsengang von Siemens Energy von einem “historischen Moment”. © Quelle: Felicitas von Imhoff/Siemens AG/

Kritische Stimmen blieben beim virtuellen Eignertreffen zwar ausgeblendet, aber es gibt sie reichlich. Das fängt mit dem Timing an. Viele Aktionäre finden es alles andere als clever, einen Sanierungsfall wie Siemens Energy mitten in einer Pandemie auf das Parkett zu werfen. “Es besteht die Gefahr, dass viele Aktionäre ihre Anteile direkt verkaufen werden”, warnt nicht nur der Anlegerprofi von Deka Investments, Winfried Mathes.

Aktienanteile werden ins Depot gebucht

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Dazu muss man wissen, dass der für den 28. September in Frankfurt geplante Börsengang von Siemens Energy kein gewöhnlicher ist. Die 55 Prozent Aktienanteil, von denen Siemens sich trennt, werden nicht verkauft. Niemandem muss ein Einstieg schmackhaft gemacht werden. Die Papiere werden bestehenden Siemens-Aktionären ins Depot gebucht. Für je zwei Siemens-Papiere erhalten sie ein neues von Siemens Energy.

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Diese Art des Börsengangs sei lediglich eine Methode, um sich von renditeschwachen Geschäften zu trennen, mutmaßt nicht nur der Dachverband kritischer Aktionäre. Aktuell schreibt Siemens Energy sogar rote Zahlen. Viele Aktionäre, aber auch Börsianer befürchten deshalb, dass der Kurs des Börsenneulings rasch abstürzen könnte.

Kaeser räumt ein, dass es zu Kursvolatilität kommen könnte, glaubt aber an eine folgende Wertsteigerung wie 2018 nach dem Börsengang von Siemens Healthineers. Davon sind nicht alle überzeugt. ”Ob das jetzt mit Siemens Energy so erfolgreich werden wird, muss schon eher bezweifelt werden”, sagt Aktionärsschützerin Daniela Bergdolt und ist mit ihrer Skepsis nicht allein. Anders als die Medizintechnik sei das Energiegeschäft nicht profitabel und stehe mitten im technologischen Umbruch von fossilen zu erneuerbaren Energien.

Aktionäre stimmen Abspaltung zu

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Auch das unter dem Dach von Siemens Energy angesiedelte Windkraftgeschäft schreibt rote Zahlen. “Wäre es nicht besser gewesen, das Energy-Geschäft zu sanieren?”, fragen sich Bergdolt und andere Aktionäre. Trotz dieser Vorbehalte stimmen die meisten Aktionäre der Abspaltung aber zu. Dagegen votierten nur der Verein der Siemens-Belegschaftsaktionäre und kleinere Gruppen.

Auch Fondsmanager warnen aber mit Blick auf die Siemens-Mutter und dort verbleibende Digital- wie Bahntechnikgeschäfte. “Der Schuss einer allzu starken Fokussierung auf wenige Geschäftsbereiche kann in Krisenzeiten auch nach hinten losgehen”, gibt Mathes zu bedenken.

Union Investment: Keine Boni an Energy-Manager mehr

Größter Kritikpunkt der Siemens-Aktionäre ist aber, dass sie bei Siemens Energy keine Strategie und keine zündende Börsenstory erkennen können. Rund 70 Prozent und damit ein Großteil der Energy-Geschäfte drehen sich noch um Öl, Gas und Kohle, ohne dass es ein Ausstiegsszenario gebe, moniert der Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre. Er steht Protestgruppen wie Fridays for Future nahe, sieht das aber nicht allein so.

“Der Weg zum grünen Unternehmen ist für Siemens Energy noch weit”, rügt auch Vera Diehl als Portfoliomanagerin von Union Investment. Sie und andere Anleger fordern den Schwenk. Boni an Energy-Manager dürfe es künftig nur geben, wenn nicht nur die Rendite, sondern auch die Nachhaltigkeit stimme.

Kaeser verlangt Plan zum Kohleausstieg

Zuletzt hatte Siemens mit viel kritisierten Zulieferungen für eine australische Kohlemine nicht gerade den Eindruck vermittelt, die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. Kaeser, der bis zum Ausscheiden als Siemens-Chef im Februar 2021 in Personalunion Aufsichtsratsvorsitzender von Siemens Energy sein wird, reagiert. “Ich habe den Vorstand der Siemens Energy AG gebeten, zügig einen Plan zum Ausstieg aus der Stromerzeugung durch Kohle vorzulegen”, erklärte er.

Der Börsenkandidat müsse den Weg in die Energiewende weisen. Die vom Bund und von der EU jüngst beförderte Wasserstoffwirtschaft biete dabei Chancen für Beschäftigte, die in fossilen Geschäften künftig nicht mehr benötigt würden. Der Börsengang sei weder Schnellschuss noch Notlösung, verteidigt Kaeser die Pläne.

Auch er sieht die größten Entwicklungspotenziale – befreit vom Ballast des sanierungsbedürftigen Energiegeschäfts – aber beim verbleibenden Siemens-Mutterkonzern. Siemens Energy wähnt Kaeser im M-Dax mit Potenzial für den Dax 30 und die erste Börsenliga. Letzteres setzt voraus, dass der Börsenneuling Corona-Krise und Energiewandel bewältigt.

Info: Siemens Energy

Falls sich der Börsengang von Siemens Energy nicht durch Einsprüche verzögert, tummeln sich Ende September drei Siemens-Konzerne auf dem Parkett. Der vom Wert her mit 42 Milliarden Euro gewichtigste Teil ist Stand heute die unter Siemens Healthineers firmierende Medizintechnik. An ihr hält die Siemens-Mutter 85 Prozent. Ohne diesen Anteil und ohne Siemens Energy wird der Mutterkonzern mit 32 Milliarden Euro bewertet.

17 Milliarden Euro Nettobuchwert weist Siemens Energy aus. Womit die Börse den Neuling bewertet, wird sich zeigen. Als Mitgift gibt Siemens seinen Energieaktivitäten gut 17 Milliarden Euro Eigenkapital, über 2 Milliarden Euro Nettoliquidität und eine Kreditlinie über weitere 3 Milliarden Euro auf den Weg. Zugleich wird Siemens Energy mit einer stolzen Eigenkapitalquote von fast 38 Prozent schuldenfrei gestellt. Die noch 45 Prozent, die der Mutterkonzern anfangs an Siemens Energy hält, sollen binnen eineinhalb Jahren deutlich reduziert werden. Offen ist noch der Firmensitz der Abspaltung.

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