Goodbye, Siemens: Joe Kaeser hinterlässt trotz Pandemie Milliardengewinn

  • Siemens startet mit dem designierten Chef Roland Busch in eine neue Ära.
  • Die Ausgangsbasis ist digital und trotz Pandemie hochprofitabel.
  • Der scheidende Siemens-Chef Joe Kaeser verlässt das Unternehmen mit einem Milliardengewinn.
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Befreit vom hochdefizitären Energiegeschäft hat Siemens das Corona-Geschäftsjahr 2019/2020 (zum 30. September) mit stattlichem Milliardengewinn gemeistert. Zwar ist der Jahresüberschuss um gut ein Viertel geschrumpft, aber 4,2 Milliarden Euro bleiben ein beachtlicher Wert. Im laufenden Geschäftsjahr 2020/2021 soll der Gewinn nach Nachsteuern trotz Unwägbarkeiten durch die Pandemie und erheblichem Gegenwind durch ungünstige Wechselkurse zudem moderat steigen. „Belohnt wird, wer die Krise gut meistert“, meinte der scheidende Siemens-Chef Joe Kaeser lapidar bei seiner letzten Bilanzvorlage. Der 63-Jährige, der den Konzern seit 2013 führt, ließ bei seinem coronabedingt virtuellen Auftritt keinen Zweifel daran, dass Siemens als Gewinner aus der Pandemie hervorgeht.

Siemens hat Energiegeschäft abgetrennt

Genau genommen sprach Kaeser dabei von der neuen Siemens AG, die nur noch Digitalgeschäfte für Industrie, intelligente Infrastrukturen und Bahntechnik betreibt. Damit kamen die Bayern 2019/2020 noch auf 57,1 Milliarden Euro Umsatz und 60 Milliarden Euro Auftragseingang. Das sind zwei beziehungsweise 7 Prozent weniger, wenn man die Zahlen vergleichbar macht. Voriges Jahr um diese Zeit standen für Siemens noch 87 Milliarden Euro Umsatz und fast 100 Milliarden Euro an neuen Aufträgen zu Buche. Mittlerweile hat Siemens aber das Energiegeschäft abgetrennt.

Wenn die neue digitale Siemens AG der gute Siemens-Konzern ist, kann man die jüngste Abspaltung Siemens Energie als schlechten Siemens-Konzern sehen. Knapp 1,9 Milliarden Euro Verlust hat der 2019/2020 erwirtschaftet. Noch gut ein Drittel hält die Mutter an der Problemtochter. Eine weitere Reduzierung des Anteils ist fest geplant, womit die Probleme von Siemens Energy immer weniger bei der neuen Siemens ankommen, die auch deshalb so gut dasteht.

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Gerade noch rechtzeitig habe das Management es hinbekommen, aus dem nicht mehr zukunftsfähigen Konglomerat des Traditionskonzerns ein leistungsfähiges Ökosystem Siemens zu schaffen, zu dem die Medizintechniktochter Siemens Healthineers als dritter im Bunde zählt, findet Kaeser. Wenn er vom Management spricht, meint er vor allem auch sich selbst. Nicht gram zeigte Kaeser sich, dass er kommenden Februar zur ebenfalls virtuellen Hauptversammlung ohne Aktionäre stehender Ovationen beraubt werden wird. „Ich bin konzentriert auf das, was bleibt und wenn Menschen aufstehen, setzen sie sich auch wieder“, erklärte ein Joe Kaeser, der mit sich erkennbar im Reinen ist.

Siemens will pro Jahr 4 Prozent mehr Umsatz machen

Mit dem nächsten Aktionärstreffen wird Roland Busch neuer Vorstandschef. Operativ führt er die Geschäfte jetzt schon. Zu deren Kern zählt mittlerweile auch betont das Geschäft mit Bahntechnik, das vor Kurzem noch mit der französischen Alstom hätte fusioniert werden sollen, was nur am Einspruch der EU gescheitert ist. Heute lobt Busch diese Siemens Mobility genannte Säule des Geschäfts in höchsten Tönen als Rendite- und Technologieführer branchenweit. Rund 10 Prozent operative Gewinnmarge peilt er damit 2020/2021 an und damit einen Prozentpunkt mehr als im abgelaufenen Geschäftsjahr. Ähnlich sehen die Relationen beim Geschäft mit intelligenter Infrastruktur aus. Getoppt wird das von den industriellen Digitalgeschäften, die 2019/2020 fast 22 Prozent operative Gewinnmarge erreicht haben und im laufenden Jahr bis zu 18 Prozent schaffen sollen.

Seine neue Siemens sei softwaregetrieben und verkaufe Lösungen, statt nur Produkte, schwärmt Busch. Sie schaffe so zum Beispiel für viele Industrien digitale Zwillinge, die nur im Rechner existieren und Abläufe enorm beschleunigen. Ein digitaler Zwilling zur Entwicklung von Impfstoffen verkürze die Zeit bis zur Marktreife so zum Beispiel um ein Viertel.

Roland Busch, stellvertretender Vorstandsvorsitzender und Mitglied des Vorstands der Siemens AG, spricht auf der Jahrespressekonferenz von Siemens. © Quelle: Matthias Balk/dpa-Pool/dpa
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Mit Kaeser einig ist sich Busch, dass wieder anspringendes Wachstum in China der Weltwirtschaft zu einer sanften Corona-Landung verhelfen wird. Von staatlichen Programmen zur Stimulierung der Wirtschaft könne Siemens zudem besonders profitieren, weil sie vielfach auf Infrastrukturen und Digitalisierung und damit Siemens-Kerngeschäft zielen. Ziel sei es, jedes Jahr aus eigener Kraft um 4 bis 5 Prozent im Umsatz zu wachsen, sagt Busch.

Auch Aktionäre kommen dabei nicht zu kurz. Für das abgelaufene Geschäftsjahr sollen sie 3,50 Euro Dividende je Aktie bekommen. Das sind zwar 40 Cent weniger als im Jahr davor. Bereinigt um den Wert der Abspaltung von Siemens Energy, bleibe die Dividende aber gleich, rechnet Siemens vor. Die Aktionäre der Energietochter dagegen gehen verlustbedingt leer als. Das ist die neue zweigeteilte Siemens-Welt.

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