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Gewerkschaft über Lufthansa-Rettung: “Alle Piloten sollen an Bord bleiben”

  • Auch die Luftfahrt leidet unter den wirtschaftlichen Folgen des Coronavirus.
  • Die Verhandlungen über Rettungspakete sind jedoch langwierig.
  • Markus Wahl, Präsident der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit, hofft auf baldige Ergebnisse, bei denen alle Piloten ihre Jobs behalten können.
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Die Verhandlungen über ein Rettungspaket für die Lufthansa erweisen sich als sehr zäh. Für Markus Wahl, Präsident der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit, ist klar: Staatsgeld darf nicht genutzt werden, um Arbeitsplätze abzubauen. Sein Ziel: Alle Piloten sollen an Bord bleiben – mittels Teilzeit und aufgestocktem Kurzarbeitergeld. Auch um nach der Krise wieder über ausreichend Flugzeugführer zu verfügen.

Herr Wahl, wie kompliziert ist die Rettung der Lufthansa wirklich?

Ich verstehe, wenn der Lufthansa-Chef die Notwendigkeit von Staatskrediten betont. Ohne staatliche Hilfe wird das Unternehmen es schwer haben zu überleben. Ich kann auch nachvollziehen, dass Carsten Spohr Bedingungen nicht akzeptieren kann, die es unmöglich machen, das Unternehmen wieder zum Laufen zu bringen. Eine Zinslast von allein 500 Millionen Euro ist im Gespräch. Das ist eine schwierige Größe, das kann die Lufthansa lähmen.

Arbeitsplätze dürfen nicht abgebaut werden

Wie beurteilen Sie ein mögliches Mitspracherecht der Bundesregierung im Aufsichtsrat?

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Da muss ich ganz ehrlich sagen: Wenn mir jemand 10 Milliarden Euro leiht, dann muss der natürlich einen Einfluss ausüben können.

Zumal der Börsenwert der Lufthansa bei gut 3,8 Milliarden Euro liegt. Wie muss aus Ihrer Sicht die Staatsbeteiligung gestrickt sein?

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Wie das genau aussieht, ist vielleicht sekundär. Also ob es eine sogenannte stille Beteiligung ist oder nicht. Wo ich aber eine klare Meinung habe, das ist beim Ergebnis, das hinten rauskommt: In dem Moment, da Steuergeld mobilisiert wird, muss eine wie auch immer geartete Arbeitsplatzgarantie damit verknüpft werden. Staatsgeld darf nicht genutzt werden, um Arbeitsplätze abzubauen.

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Wechsel zu Teilzeit und Kurzarbeitergeld aufstocken

Aber die Flotte soll um 100 Maschinen verkleinert werden, was rechnerisch den Abbau von 10.000 Stellen nach sich ziehen würde. Geht so etwas ohne betriebsbedingte Kündigungen?

Wir haben ein umfassendes Paket angeboten – mit in der Spitze bis zu 45 Prozent Gehaltseinbußen. In der Summe wären das Einsparungen von 350 Millionen Euro. Das wäre schon ein guter Betrag zum Überleben des Unternehmens. Es wäre denkbar, mit Teilzeit und einer geringeren Aufstockung des Kurzarbeitergeldes zu arbeiten. Es geht für Piloten auch um Details wie der Bezahlung der Überstunden oder der Zahl der Flugstunden, um das Grundgehalt zu bekommen. Solche Details müssen am Tariftisch gelöst werden. Unser Ziel ist, dass alle Piloten an Bord bleiben.

Und Sie wollen mit Ihrem Angebot in jedem Fall ein Schutzschirmverfahren verhindern?

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Ein Schutzschirmverfahren hilft keinem. Das verunsichert Anleger. Das birgt für das Unternehmen selbst viele Risiken. Für die Beschäftigten wäre es ein Szenario, das wir ganz bestimmt nicht wollen.

Bei Schließung Beschäftigte an andere Standorte versetzen

Weil Kündigungsfristen außer Kraft wären und weil sich dann die Lufthansa auch von Pensionsverpflichtungen, die gerade für Piloten wichtig sind, entledigen könnte?

Das ist sicherlich eine Bedrohung. Es stellt sich dann die Frage, inwiefern die Pensionsverpflichtungen insolvenzgeschützt sind, inwieweit könnte dann der Pensionssicherungsverein einspringen. Diese Fragen wollen wir uns aber gar nicht stellen. Zumal trotz Schutzschirmverfahren immer noch Staatskredite nötig sein könnten. Beides in Kombination halte ich für sehr problematisch.

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Können auch alle Standorte gerettet werden?

Das kann ich Ihnen ehrlich gesagt für alle Teile der Lufthansa und für jeden kleinen Flughafen nicht beantworten. Für die Piloten sind Standorte die Stationierungsorte, und das sind die großen Flughäfen, die meines Erachtens in jedem Fall gehalten werden. Darüber hinaus muss gelten, dass Einschnitte möglichst sozialverträglich umgesetzt werden – es ist doch auch möglich, Betriebsstätten zu schließen und die betroffenen Beschäftigten zu vernünftigen Bedingungen an anderen Betriebsstätten einzusetzen.

Arbeitslosigkeit unter Piloten wird steigen

Anderen Airlines geht es erheblich schlechter als der Lufthansa. Werden wir zum ersten Mal nun Arbeitslosigkeit unter Piloten sehen?

Wir haben schon die ersten Pleiten in der Branche. Da werden Piloten freigesetzt. Und es wird weitere Pleiten geben. Da die Krise weltumspannend ist, wird die Arbeitslosigkeit unter Piloten steigen.

Müssen sich Piloten darauf einstellen, künftig generell deutlich weniger zu verdienen? Noch sind bei der Lufthansa mehr als 200.000 Euro brutto pro Jahr durchaus möglich.

Langfristig wird sich durch die Krise am Gehaltsniveau nicht viel ändern. Richtig ist, wir sind Vielverdiener. Deshalb tragen wir auch Verantwortung. Das nehmen wir ernst, indem wir unseren Beitrag mit dem Gehaltsverzicht leisten. Für die nächsten zwei Jahre wird es starke Einbußen geben.

Luftfahrtbranche erlebt dauerndes Auf und Ab

Vor zwei Jahren wurde noch händeringend nach Piloten und Flugbegleitern gesucht. Wird es jemals wieder so werden?

Die Luftfahrt zeigt ein atemberaubendes Auf und Ab, so stark wie keine andere Branche. Die Corona-Krise treibt das in noch stärkere Extreme als zuvor. Kurzfristig sind wir ganz unten. Mittelfristig gehe ich aber davon aus, dass das Vorkrisenniveau wieder erreicht wird, nicht in den nächsten zwei Jahren, aber danach.

Liegt es dann nicht auch im Interesse der Lufthansa, möglichst viele erfahrene Beschäftigte an Bord zu haben?

Natürlich. Sie müssen bedenken, ein Pilot ist nicht in sechs Wochen ausgebildet. Setzt man ihn auf die Straße, verliert er ganz schnell alle Qualifikationen, weil er nicht mehr ausreichend Flugstunden hat. Einen entlassenen Piloten können Sie nach zwei Jahren nicht so einfach wieder fliegen lassen. Er müsste dann fast komplett noch einmal ausgebildet werden. Das ist aufwendig. Deshalb sind Teilzeitmodelle für die Lufthansa sehr interessant, weil diese Kollegen dann schnell wieder in Vollzeit fliegen können, wenn es wieder brummt.

Wird auch die Nachfrage bei den Geschäftsfliegern in der Business Class, die der Lufthansa sehr viel Geld bringen, wieder zurückkommen?

Teile des Lufthansa-Vorstands gehen nach meiner Beobachtung im Moment eher davon aus, dass die Zukunft im Tourismus liegt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass auch der Geschäftsverkehr zurückkommen wird, weil es ganz einfach eine andere Qualität ist, ob man sich Face-to-Face begegnet oder über einen Bildschirm mit fragwürdiger Qualität kommuniziert. Meine Erfahrung: Videokonferenzen bringen häufig nur sehr wenig.

Derzeit hebt gerade ein Hilfs- und Subventionswettlauf unter vielen Staaten an. Muss die Bundesregierung schon allein deshalb bei der Lufthansa klotzen?

Das ist eine der wichtigsten Fragen für die Zeit nach der Krise. Wie stark darf staatliche Unterstützung sein? Und wo beginnen versteckte Subventionen? Das war bei Airlines am Persischen Golf und in China schon vor der Krise ein großes Problem. Die Lufthansa wird jeden Euro an Krediten zurückzahlen müssen, das wird nicht überall der Fall sein.

Zur Person: Markus Wahl (40) hat vom Jahr 2000 bis 2003 die Flugschule der Lufthansa besucht. Seither ist er als Pilot bei Deutschlands größter Airline tätig. Sein Engagement bei der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) begann im Jahr 2005. Seit 2019 ist er Präsident der VC. In dem Verband haben sich Verkehrsflugzeugführer, Verkehrshubschrauberführer, Flugingenieure und Fluglehrer organisiert. Die VC vertritt die Interessen von heute rund 10.000 Cockpitbesatzungsmitgliedern aus allen deutschen Flugbetrieben.

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