Gewächshäuser in Spanien: Zu Besuch im Plastikmeer von Almería

  • Viele Menschen in Deutschland essen das ganze Jahr Paprika oder Tomaten.
  • Der Preis dafür sind riesige Gewächshäuser im Süden Spaniens – und ein gewaltiger Wasser- und Energieverbrauch.
  • Jetzt setzen immer mehr Bauern auf biologische Methoden.
|
Anzeige
Anzeige

Die Reaktion ist immer gleich. "Wenn die Leute hierherkommen und das Plastik sehen, sagen sie: Was für eine fürchterliche Landschaft!", sagt Lola Gómez. Aber das ist natürlich eine Frage des Blickwinkels.

Man kann darauf schauen wie die Besucher, die zum ersten Mal hierherkommen, in den Süden Spaniens, und entsetzt sind von diesem Anblick: Rund 31. 000 Hektar der andalusischen Provinz Almería sind mit Gewächshäusern aus weißen Plastikplanen bedeckt, ein Plastikmeer, so groß wie Malta oder München oder 43 .000 Fußballfelder. Oder man schaut darauf mit den Augen des Astronauten, der dieses Plastikmeer sogar aus dem Weltraum erkennen kann, so wie Pedro Duque es tat: „Spektakulär“ nannte der Mann, der heute spanischer Wissenschaftsminister ist, den Anblick der gewaltigen weißen Fläche.

„Fürchterlich“? „Spektakulär“? Lola Gómez steht wohl irgendwo dazwischen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Für sie, die mit den Gewächshäusern aufgewachsen ist, sind sie zunächst vor allem „eine Revolution“. Gómez ist 53 Jahre alt, und sie erinnert sich an das erste Gewächshaus, das ihr Vater baute, da war sie noch ein kleines Kind: „Draußen war es kalt und drinnen warm“, das ist ihre prägendste Erinnerung.

Die Plastikplanen sollten anfangs vor dem Wind schützen

Die Plastikplanen, unter denen heute so viel Gemüse heranwächst wie in keiner anderen Region Europas, sollten anfangs vor allem den Wind abhalten, der Saat und Erdreich mit sich davontrug. Almería war windig und arm, und die Muttererde brachte Lolas Vater mit dem Esel aus den Bergen in die sandige Ebene nahe dem Mittelmeer hinab. Auf die Idee mit dem Plastik war 1963 der Bauer Francisco Fuentes gekommen, an den sich heute alle als „Paco el Piloto“ erinnern, weil seines eben ein Pilotprojekt war. Dass er die Wüstenprovinz Almería damit zu Europas Gemüsegarten machen würde, ahnte er nicht.

Gerade Stadtmenschen machen sich gerne romantische Vorstellungen vom Landleben, und die werden ihnen in der Gegend von Almería sofort genommen: Das hier ist Agro-Industriegebiet. Wie sonst sollten die Regale der deutschen Supermärkte das ganze Jahr über mit frischem Gemüse gefüllt sein? Es ist eine hauptsächlich familiäre Industrie. Die 31 .000 Hektar Anbaufläche teilen sich 15 .000 Bauern.

Anzeige

Kampf gegen die Schädlinge

Eine von ihnen ist Lola Gómez. Auf zwei Hektar Land in der Gemeinde El Ejido, eine halbe Autostunde südwestlich von Almería, zieht sie vor allem verschiedene Sorten Tomaten und Minipaprika. Ihr Betrieb heißt Clisol, und er unterscheidet sich von allen anderen dadurch, dass er seit 18 Jahren Besuchern offensteht. Gómez liebt es, Schulklassen oder Touristen durch ihre Gewächshäuser zu führen. So hat sie auch Englisch gelernt. "My English is hor­rible", sagt sie, aber das stimmt nicht: Es ist ein zwar lustiges, aber gut verständliches Englisch.

Anzeige
„Billiger als das chemische Produkt“: Bäuerin Lola Gómez setzt bei der Schädlingsbekämpfung auf biologische „Nützlinge“. © Quelle: Martin Dahms/RND

Eine Schleuse führt ins Gewächshaus, an den Wänden hängen bunte Klebefallen für jene Insekten, die jeder Besucher ahnungslos mitschleppt. Der Kampf gegen die Schädlinge ist ein biologischer, schon seit achtzehneinhalb Jahren, sagt Gómez. Während der Führung durchs hochmoderne Hydrokultur-Gewächshaus holt sie eine Plastikflasche hervor, gefüllt mit Nützlingen, insektenfressenden Insekten namens Nesidiocoris tenuis, die Gómez liebevoll "Nessi" nennt.

Nessi ist nicht ganz billig, 60 Euro die Flasche, 12 Cent das Tier, es braucht Pflege und Futter (falls es gerade keine Schädlinge zu fressen gibt) und viel Aufmerksamkeit – und ist doch eine lohnende Investition. "Für mich ist das heute exakt 17 Prozent billiger als das chemische Produkt, das ich vor 20 Jahren benutzt habe", erklärt Gómez, die in ihren Gewächshäusern nichts dem Zufall überlässt.

Deutschland ist Almerías wichtigster Kunde

Gómez war in Almería Vorreiterin beim Verzicht auf konventionelle Insektizide, fast alle anderen sind mittlerweile nachgefolgt, was wahrscheinlich dem Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart zu verdanken ist: Die Behörde entdeckte Ende 2006 auf Paprika aus Almería ein verbotenes Insektizid. Der Markt brach ein, Almería erlitt die „Paprikakrise“ – und stellte auf biologische Schädlingsbekämpfung um.

Anzeige

Diese Krise war ein Segen – die nächste allerdings nicht: Im Mai 2011 warnte die Hamburger Gesundheitsbehörde vor dem Verzehr von Gurken aus Almería, die angeblich für eine EHEC-Epidemie verantwortlich seien, was sich später als Irrtum herausstellte. Die Falschbezichtigung haben die Gemüsebauern in Almería den Deutschen bis heute nicht ganz verziehen.

Deutschland ist Almerías wichtigster Kunde, dort landet 22 Prozent der Produktion, vor allem Tomaten und Paprika, danach Gurken und Zucchini. Und weil immer mehr Deutsche auf Bio stehen, stellen etliche Produzenten in Almería auf Bio um.

Bio-Geschäft ist verlässlicher

Nach Zahlen des Erzeugerverbandes Coexphal stammen zurzeit 39 Prozent der Tomaten, 24 Prozent der Gurken und 9 Prozent der Paprika in Almería aus kontrolliertem biologischem Anbau. Der größte Betrieb, mit rund 200 Hektar eigener Anbaufläche, ist Biosabor in der Gemeinde Níjar, gut 30 Kilometer nordöstlich von Almería.

Das Biogeschäft ist verlässlicher als das mit konventioneller Ware, die Preise schwanken weniger. Da kann sich Biosabor während der Wintermonate sogar eine Heizung in den Gewächshäusern leisten. „Wir sind in Almería“, sagt der Produktionsleiter José Antonio López, "wir brauchen eigentlich keine Heizung. Kälter als 7 Grad wird es hier nicht. Aber wir bauen empfindliche, geschmackvolle Tomatensorten an, die sich bei 10 bis 12 Grad am wohlsten fühlen." Ein Luxus.

Anzeige

Viel Sonne - wenig Wasser

Der Standortvorteil Almerías ist gerade die Sonne, die hier fast das ganze Jahr über scheint, doppelt so viele Stunden wie in Holland, dem großen Konkurrenten.

Knapp ist dagegen das Wasser. Hier ist Wüste. Die Betriebe tun alles, um das Wasser so effizient wie möglich einzusetzen. Tröpfchenbewässerung ist selbstverständlicher Standard, aber deren Effizienz lässt sich mit Sensoren, die den Wasserbedarf jeder Pflanze alle fünf Minuten messen, noch deutlich steigern. "Damit haben wir den Wasserkonsum auf ein Drittel gesenkt", sagt José Antonio López von Biosabor. "In diesem Gewächshaus hier bedeutet das 20.000 statt 60.000 Liter in der Stunde." Das Wasser in Níjar kommt aus der nahen Meerwasserentsalzungsanlage in Carboneras und ist vergleichsweise teuer. Sein sparsamer Einsatz ist ebenso ökonomisches wie ökologisches Gebot.

„Wir brauchen eigentlich keine Heizung“, sagt José Antonio López – und nutzt beim Anbau empfindlicher Sorten dennoch eine. © Quelle: Martin Dahms/RND

Marcos Diéguez von der Umweltinitiative Ecologistas en Acción erkennt das Bemühen vieler Betriebe um nachhaltiges Wirtschaften an. "Das Problem ist nicht das Gewächshaus, das Problem ist die Menge an Gewächshäusern." Im Moment wäre er froh, wenn die Anbaufläche nicht immer weiter zunehmen würde. Ihn bekümmern das Verschwinden des verbliebenen Naturlandes rund um Almería – und der Abfall. In der Provinz ist im Laufe der Jahre ein grundsätzlich gut funktionierendes System des Recyclings entstanden, aber bei den gewaltigen Mengen an Planen, die alle drei bis vier Jahre ausgetauscht werden müssen, reichen ein paar unwillige Bauern oder kriminelle Unternehmen, um die Landschaft zu vermüllen.

Geflüchtete betteln um Arbeit

Was die Bauern bekümmert, ist ihre Zukunft. Immer stärker wird die Konkurrenz aus Afrika. "Wir wissen nie, wie sich der Markt entwickeln wird", sagt Lola Gómez. "Vor 20 Jahren waren hier die grünen Bohnen sehr wichtig, jetzt sind sie fast vollkommen verschwunden – weil Marokko sie billiger liefert." Die Löhne und die Arbeitsbedingungen dort seien weit schlechter als in Almería. Sie selbst beschäftigt vier Marokkaner, "meine Marokkaner", sagt sie, einer arbeitet schon seit 27 Jahren in ihrem Betrieb – zum Tariflohn, rund 1000 Euro im Monat.


Natürlich gibt es auch Bauern, die Leute illegal beschäftigen und unter Tarif bezahlen. Schwarze Schafe, sagt Juan Colomina, Direktor des Erzeugerverbandes Coexphal. Er schätzt, dass vielleicht 3000 Migranten ohne Papiere in den Gewächshäusern arbeiten, etwa 5 Prozent der Landarbeiter in der Provinz.

Hier kommen immer wieder Bootsmigranten an, erzählt der Deutsche Christian Stielike, ein Mitarbeiter von Lola Gómez. "Manche von denen klingeln, fallen auf die Knie und fragen, ob wir nicht Arbeit hätten für sie. Um die 100 oder 200 Euro zusammenzukriegen, um dann weiter nach Norden hochzufahren."

Bei Gómez bekommen sie keine Arbeit, sie hat ihre Leute. Und ärgert sich, "dass verallgemeinert wird". Ihr Betrieb ist ein Vorzeigebetrieb – und, aus der Nähe betrachtet, kein bisschen fürchterlich.

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen