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Geldanlage in Aktien: Die Lehren für Anleger aus dem Wirecard-Bilanzskandal

Der Aktienmarkt ist dank des Bilanz-Skandals bei Wirecard erhitzt. Doch was sind die Lehren daraus?

Der Aktienmarkt ist dank des Bilanz-Skandals bei Wirecard erhitzt. Doch was sind die Lehren daraus?

Stuttgart. Der Bilanz-Skandal bei Wirecard ist einer, der den Finanzplatz Deutschland stark trifft. Vor allem viele Klein-Anleger, die bei Wirecard engagiert waren - oder es vielleicht gar noch sind - haben viel Geld verloren. Geld, dass sie wohl kaum mehr so schnell zurückbekommen werden.

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Dafür bleibt augenscheinlich ein Bild in den Köpfen zurück, dass erst einmal Aktienmarkt-Kritikern eines sagen wird: Finger weg von der Börse! Auf den ersten Blick ist das auch verständlich. Gerade mal nach einer Nacht im Gefängnis kommt Ex-Wirecard-Vorstand Markus Braun wieder auf freien Fuß. Gegen Zahlung von fünf Millionen Euro Kaution und einer wöchentlichen Meldepflicht bei der Polizei hat das Amtsgericht München den Haftbefehl außer Vollzug gesetzt.

Das ist für den Schaden, den er wohl (mit)angerichtet hat, für viele Anleger nicht nachvollziehbar. Letztlich werden viele es so sehen, dass Braun nur seine eigene Haut retten will. Doch Anleger sollten spätestens zu diesem Zeitpunkt ihre Emotionen beiseite lassen und überlegen, was sie noch mit ihren stark eingebrochenen Wirecard-Investments machen können.

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Aus Fehlern lernen

Der Kurs der Wirecard-Aktien, die seit vergangenem Mittwoch an der Frankfurter Börse mehr als elf Milliarden Euro Wert verloren haben, bleibt weiter höchst volatil. Nur wenige Analysten wollen derzeit ein Kursziel für die Aktie nennen.

Einer der wenigen ist Independent Research. Die Experten sehen für die Wirecard-Aktie aktuell ein Kursziel von 12 als realistisch an. Erst ein paar Tage zuvor hatte das Analyse-Haus wiederum die Bewertung von 120 auf 40 Euro gesenkt.

Der Wirecard-Skandal hat viele Anleger eine Menge Geld gekostet. Vielleicht aber auch aus Gründen, die nur bedingt mit dem Dax-Konzern an sich zu tun haben. Manch Investor hat eventuell im Rausch der letzten zwei erfolgreichen Börsenjahre von Wirecard ein paar wichtige Anlageregeln außer Acht gelassen, die bei dem einen oder anderen Geschädigten wieder mehr im Fokus sind.

Wirecard ist pleite

Nach dem milliardenschweren Bilanzskandal stellte das Unternehmen beim Amtsgericht München einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens.

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1. Auf die Streuung kommt es an

Wichtig bei der Aktienanlage ist die Streuung. Vom Wirtschaftsnobelpreisträger Harry M. Markowitz stammt die viel zitierte Börsenweisheit: „Lege nicht alle Eier in einen Korb.” Er plädierte mit dieser Regel auf eine breite Verteilung des Vermögens auf mehrere Anlageklassen oder Wertpapiere.

Sein Geld nur in eine Aktie zu stecken, ist viel zu riskant - ebenso wie sein gesamtes Geld in Aktien von nur einer einzigen Branche zu geben. Das Wort im Anlage-Jargon dazu heißt Diversifikation. Dementsprechend sollte man seine Investments auf mehrere Aktien und Branchen verteilen.

2. Mit Bedacht in Trendthemen investieren

Aktien von Wirecard zu haben, war seit vielen Jahren einfach hipp. Schließlich stand das Unternehmen mit seinem Geschäft auch für den Spruch „an der Börse wird die Zukunft gehandelt”.

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Als Abwicklungs-Dienstleister für elektronische und bargeldlose Zahlungen an Ladenkassen und im Internet war Wirecard eines der Unternehmen, das von den Börsen-Trendthemen Online-Shopping und bargeldloses Bezahlen profitierte. Und es funktionierte: Allein zwischen Januar 2017 und Sommer 2018 hatte sich der Aktienkurs fast verfünffacht.

Viele Anleger setzen sehr einseitig auf solche Trendthemen an der Börse. Diese machen Sinn im Depot, aber sie sollten im Portfolio zu den anderen Positionen gleich- und auf keinen Fall übergewichtet sein.

3. Weg mit den Emotionen

Die Wirecard-Aktie war seit der ersten Betrugsvorwürfe durch die „Financial Times” in diversen Aktien-Foren ein heißdiskutiertes Thema, Emotionen beherrschten bei vielen die Anlage-Entscheidung. Selbst vergangene Woche noch, als die EY-Prüfer die Unstimmigkeiten bei Treuhandkonten feststellten und die Wirecard-Aktie einbrach, wollten viele Anleger das Ganze nicht wahrhaben.

Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer bei der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) sagt dazu: „Das Problem Wirecard hat sich schon früh in einer ganz besonderen Form gezeigt: Eine Art Versessenheit der Anleger.” Entweder man sei für oder gegen Wirecard gewesen, eine gesunde Mitte habe es nahezu nicht mehr gegeben, so der Aktionärsschützern und ergänzt: „So wurde Wirecard mit der Zeit eher zu einer Sekte oder einer verschworenen Gemeinschaft. ‚Andersdenkende’ wurden als Feinde identifiziert und auch so behandelt. Das durften wir bei der DSW sehr anschaulich erleben.”

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4. Informationen analysieren und nutzen

Die nüchterne Analyse von Daten, Fakten und Ereignissen haben zudem viele Anleger augenscheinlich komplett beim Unternehmen Wirecard abgelehnt. Das mehrmalige Verschieben einer standardmäßigen Bilanz sollte eigentlich jeden Anteilseigner – erst Recht eines großen Dax-Konzerns misstrauisch machen.

Frei nach dem Motto „wo Rauch ist, ist meist auch Feuer” hätte man reagieren können – zumindest einmal die eigene Wirecard-Position in deren Größe zu hinterfragen bzw. diese im Depot verringern und Gewinne mitnehmen. Die wenigsten taten es wohl. Selbst die Profis von großen Fonds-Gesellschaften wie der DWS schenkten der Nachrichtenlage wenig Aufmerksamkeit. „Es gab nur noch Schwarz oder Weiß und ein Hinterfragen oder gar Kritik verursachte ein noch stärkeres Eingraben in die eigene Überzeugung”, sagt Tüngler weiter. „Sowas kennen wir noch vom Neuen Markt oder zuletzt von Prokon, aber nicht von einem Dax-Wert.”

5. Es gibt andere Aktien

Einer der wichtigsten Schlüsse für gebeutelte Wirecard-Aktionäre und Anleger generell sollte aber sein: Die Geldanlage in Aktien nicht verteufeln. Mit Aktien kann man nachweislich langfristig ein solides Vermögen machen. Das untermauern viele Studien aus den vergangenen Jahrzehnten.

Jedoch sollte man seine Geldanlage mit Werten gestalten, die allen Krisen zum Trotz zwar „langweilig” sind, aber kontinuierlich Rendite einbringen. Solche Werte sind klassisch unter anderem im Konsumgüter- und Nahrungsmittelbereich zu finden. Diese mögen zwar keine Kurssprünge von „50 Prozent plus x” in einem Jahr machen, dafür schläft man aber als Anleger besser und kann das Thema Emotionen gänzlich beiseite lassen.

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Hilfe für Wirecard-Aktionäre

Ein Tipp: Wer Wirecard-Aktionär war bzw. ist, kann sich Hilfe holen und Schadensersatz einklagen. Auf der Webseite Wirecard-Klage.de können Anleger ihre Unterlagen über den Kauf von Wirecard-Aktien vom 10. Juli 2012 bis einschließlich 18. Juni 2020 einreichen – selbst wenn diese Aktien bereits schon wieder verkauft wurden. Ansprüche auf Ersatz des Kursdifferenzschadens gingen dadurch nicht verloren, so die Tübinger Kanzlei Tilp, die eine Sammelklage gegen den Wirecard-Konzern vorbereitet.

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