Gegen Wirecard braut sich einiges zusammen

  • Der Chef des Dax-Konzerns sollte schon gehen, eine Schadenersatzklage in Milliardenhöhe droht, die Finanzaufsicht Bafin ermittelt.
  • Jetzt enttäuscht Wirecard zum vierten Mal mit der Verschiebung seiner Bilanz.
  • Was ist eigentlich los bei dem Zahlungsdienstleister?
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München. Man darf Ingo Speich einen Börsenprofi nennen. Als Fondsmanager hat sich der amtiertende Chefstratege der Deka-Bank hierzulande einen Namen gemacht. “Dax-Zugehörigkeit sollte ein Qualitätssiegel sein”, sagt er über die Riege der 30 führenden Aktiengesellschaften Deutschlands.

Zu ihnen zählt seit September 2018 auch der Zahlungsdienstleister Wirecard aus Aschheim bei München. Qualität verbindet Speich mit ihm und Konzernchef Markus Braun eher nicht. “Wir fordern Herrn Brauns Rücktritt”, sagte der Börsianer schon vor Wochen und ist damit nicht allein. Auch der Hedgefonds TCI will Brauns Kopf und die Aktionärsschutzvereinigung DSW zweifelt an der Dax-Fähigkeit des Konzerns. In Kirchentellinsfurt bahnt sich zudem eine Milliardenklage an. Man könnte sagen, gegen Wirecard braut sich einiges zusammen.

Antrag auf Einleitung eines Musterverfahrens nach VW-Vorbild

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Bei Tübingen im baden-württembergischen Kirchentellinsfurt sitzt die auf Anlegerrechte spezialisierte Antwaltskanzlei Tilp, die schon im VW-Abgasskandal aktiv geworden ist. Nun hat sie Wirecard aufs Korn genommen. Am 12. Mai wurde am Landgericht München eine erste Anlegerklage gegen den Dax-Konzern eingereicht und Antrag auf Einleitung eines Musterverfahrens nach VW-Vorbild gestellt.

“Es haben sich bislang über 1.200 Geschädigte gemeldet”, sagt Tilp-Anwalt Maximilian Weiss. Wirecard habe sich wegen falscher, unterlassener sowie unvollständiger Kapitalmarktinformationen gegenüber Aktionären schadenersatzpflichtig gemacht. “Wir halten es für realistisch, dass es am Ende um über eine Milliarde Euro geht”, schätzt Weiss die mögliche Klagesumme.

Was von Anlegeranwälten über Fondsmanager bis Aktionärsschützern immer mehr Börsenprofis auf die Barrikaden bringt, ist vor allem eine Sonderprüfung bei Wirecard, die eigentlich einen Befreiungsschlag für den ramponierten Ruf des Dax-Konzerns hätte bringen sollen. Ein halbes Jahr lang haben Wirtschaftsprüfer von KPMG die Wirecard-Bilanzen der Jahre 2016 bis 2018 auf Unregelmäßigkeiten hin unter die Lupe genommen.

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Vorwurf der Bilanzmanipulation

Manipulationen der Bilanzen vorgeworfen hatte vor allem die angesehene britische Wirtschaftszeitung “Financial Times” (FT). Anfang 2019 hatte sie erstmals und dann in einer Serie von Artikeln über mutmaßlich frisierte Wirecard-Bilanzen und ein per Scheinumsätze künstlich aufgeblähtes Geschäft berichtet. Die Aschheimer, die gegen die FT auch vor Gericht stehen, haben alle Vorwürfe stets dementiert.

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Der Wirecard-Aktie hatte das eine für Dax-Verhältnisse beispiellose Berg- und Talfahrt beschert. Allein am 28. April, dem Tag der Veröffentlichung des KPMG-Sonderprüfberichts ging es zeitweise um rund 40 Prozent nach unten, wodurch über fünf Milliarden Euro Marktkapitalisierung vernichtet wurden, hat Weiss ausgerechnet. “Der KPMG-Bericht hat das Fass zum Überlaufen gebracht”, sagt auch Speich.

Hinhaltetaktik statt echter Aufklärung

Die Fragen zur Bilanzpraxis seien dadurch nicht beantwortet, sondern zahlreicher und schwerwiegender geworden. Wirecard und Braun betrieben eine Hinhaltetaktik statt echter Aufklärung, wie sie der Kapitalmarkt immer drängender fordere. Denn auch nach einem halben Jahr Prüfung können die KPMG-Experten nicht ihre Hand dafür ins Feuer legen, dass bei Wirecard korrekt bilanziert wurde.

Für Teile des wichtigen Asiengeschäfts in mehreren Geschäftsjahren konnten sie nicht klären, ob sie der Wahrheit entsprechen oder erfunden sind. Im Zentrum der Ungewissheiten steht ein Wirecard-Geschäftspartner namens Al Alam in Dubai, der Mitte Mai seine Tore geschlossen hat, was die weitere Aufklärung nicht gerade leichter macht.

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In München und Singapur ermitteln Staatsanwälte, in Bonn die Finanzaufsicht Bafin. Auch sie wurde durch die Aussagen des KPMG-Reports alarmiert. Falls sich ergebe, dass Wirecard Anleger falsch informiert oder relevante Informationen zurückgehalten hat, werde Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet, stellt die Bafin klar. Das geschehe auch, wenn man mit eigenen Untersuchungsbefugnissen nicht weiter komme. Statt die Lage zu entspannen, hat Wirecard sie weiter verschärft.

Bilanzvorlage zuvor schon drei Mal verschoben

Die bereits zweimal verschobene Bilanzvorlage für 2019 wurde dann ein drittes Mal von Anfang Juni um zwei Wochen auf Mitte Juni verlegt, die Hauptversammlung um fast zwei Monate auf Ende August. Denn auch Ernst & Young (EY) als der langjähriger Wirecard-Wirtschaftsprüfer sieht nun genauer hin. Man sei mit der Prüfung noch nicht fertig, wurde erklärt.

Wirecard erwartete noch bei der damaligen dritten Verschiebung der Bilanz-Veröffentlichung auf den 18. Juni am Ende dennoch ein uneingeschränktes Testat, was für ein Dax-Unternehmen selbstverständlich wäre. Das taten damals schon nicht mehr alle. “Alles ist möglich”, sagte ein von Wirecard desillusionierter Börsianer. Nicht nur er und seine Kollegen warteten dann mit Spannung, ob EY die Wirecard-Bilanz 2019 nun endlich ohne Beanstandung testiert oder demnächst die nächste Bombe platzt.

Sie ist am 18. Juni geplatzt, dem eigentlichen Tag der Bilanzvorlage. Da kündigte Wirecard kurz vor knapp an, dass man nunmehr zum vierten Mal die Bilanzveröffentlichung verschieben müsse. Es würden auf einmal testierte Nachweise über 1,9 Milliarden Euro in den Büchern fehlen, so das Unternehmen. Bei Wirecard scheint wirklich alles möglich zu sein.

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