“Das ist meine zweite Insolvenz”: Karstadt-Mitarbeiter zum Aus

  • Deutschlands letzter großer Warenhauskonzern will insgesamt 62 Filialen in 47 Städten schließen.
  • Tausende Jobs hängen an dieser Entscheidung, die ersten Angestellten haben sich mit dem Schlag abgefunden.
  • Am schwersten trifft die Krise laut Gewerkschaft die beschäftigten Frauen bei Galeria Karstadt Kaufhof – die ohnehin schon zu wenig Geld verdienten.
Anzeige
Anzeige

Hannover. Es war ein düsterer Tag für Galeria Karstadt Kaufhof (GKK) und seine Beschäftigten. Deutschlands letzte große Warenhauskette soll 62 der 172 Filialen und zwei Schnäppchencenter dichtmachen. Betroffen sind Häuser in allen Bundesländern außer in Thüringen. Ebenfalls betroffen: Tausende Arbeitsstellen.

Insgesamt 5317 Mitarbeiter werden nach Angaben des Gesamtbetriebsrates ihre Arbeit verlieren. Die Gewerkschaft Verdi hatte zuvor sogar von rund 6000 der aktuell 28.000 Beschäftigten gesprochen, die von dem “Kahlschlag” betroffen seien. Galeria Karstadt Kaufhof war auch durch die pandemiebedingte Schließung aller Filialen bundesweit in eine schwere Krise geraten. Die Schließung trifft die Mitarbeiter trotz allem hart.

Am Freitag schlossen in den betroffenen Filialen gegen 13.30 Uhr die Türen: Betriebsversammlung. Aus Hannover wird berichtet, was die Konzernführung in der Betriebsversammlung den Angestellten mitgeteilt hat: “Wir haben zum 31. Oktober die Kündigung bekommen.” Es flossen Tränen. Pure Erleichterung gab es in jenen Filialen, die geöffnet bleiben.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Karstadt Neumünster gab es 129 Jahre lang

Insgesamt will Galeria Karstadt Kaufhof Filialen in 47 Städten schließen. In Berlin sollen allein sechs der elf vorhandenen Kaufhäuser dichtgemacht werden, eines in Hannover, in Hamburg vier, in München drei. Auch das Traditionshaus Karstadt Neumünster ist betroffen, seit 129 Jahren gibt es die Filiale bereits. Auch in Chemnitz schwelgt man in Erinnerungen. Angestellte berichten der “Leipziger Volkszeitung”, dass ihre Chemnitzer Kollegen schon zu DDR-Zeiten im damaligen Centrum-Warenhaus am selben Ort gearbeitet hätten. 140 Angestellte in Chemnitz verlieren ihre Jobs.

Anzeige

In Hannover fließen Tränen. Wut, Enttäuschung und Ungewissheit – wie die “Hannoversche Allgemeine Zeitung” (HAZ) berichtet, für einige Angestellte eine traurige Wiederholung: “Das ist meine zweite Insolvenz”, erzählt eine etwa 50-jährige Frau und beginnt zu weinen. Laut “HAZ” soll am 31. Oktober Schluss für Galeria Karstadt Kaufhof an der Georgenstraße sein.

Doch die Tausenden Kündigungen jetzt auf Corona zu schieben greift für die Gewerkschaft Verdi zu kurz. Sabine Gatz vom Landesbezirk Niedersachsen-Bremen übt Kritik an der Unternehmensführung: “Die Fehler sind hausgemacht, und die Corona-Krise war letztlich nur der Brandbeschleuniger”, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. Am ehesten dürften nun Frauen unter den Kündigungen leiden, die ohnehin schon ein sehr niedriges Einkommen haben: “Schon wieder zahlen die alleinerziehenden Verkäuferinnen und der Familienvater mit ihren geringen Einkommen für die Fehler des Managements.”

Anzeige

Aus Hannover heißt es, der Trost der Filiale, für die die Frauen teilweise 20 Jahre gearbeitet haben, sei schwach. Offenbar hätten die Mitarbeiter die Wahl zwischen einer Abfindung und dem Gang in eine Transfergesellschaft mit Schulungen und Qualifizierung.

Kleine Kommunen verlieren Anker

Dazu trifft es auch viele kleinere Kommunen, beispielsweise Braunschweig, Lübeck oder Worms. Vor allem in den Innenstädten dürfte der Verlust der Warenhäuser deutlich werden. Der Niedersächsische Städte- und Gemeindebund nannte die geplanten Schließungen einen herben Schlag. “Wir verlieren wichtige Anker in unseren Innenstädten und müssen nun noch mehr tun, um die Menschen wieder zum Einkaufen, aber auch zum Schauen, Spielen, Feiern und Verweilen in die Innenstädte zu holen”, sagte Sprecher Thorsten Bullerdiek. In der Coron-Krise sei dies eine besondere Herausforderung.

Neben den Warenhäusern und zwei Schnäppchencentern werden nach Angaben des Gesamtbetriebsrats auch 25 Reisebüros geschlossen. Noch offen ist das Schicksal der Karstadt-Sports-Häuser. Hier gelten mehr als zwei Drittel der rund 30 Filialen als gefährdet.

Anzeige

Geschäftsführung nennt Schließungen “unvermeidlich”

Die Geschäftsführung von Galeria Karstadt Kaufhof sieht die Maßnahmen als unvermeidlich. “Wir wissen, was dies für die betroffenen Mitarbeiter bedeutet. Aber dieser Schritt ist ohne Alternative, weil diese Filialen den Gesamtbestand des Unternehmens gefährden”, sagte der GKK-Generalbevollmächtigte Arndt Geiwitz.

Letztlich gehe es darum, Galeria Karstadt Kaufhof und damit viele Tausend Arbeitsplätze zu sichern. Ursprünglich hatte die Geschäftsführung sogar bis zu 80 Geschäfte dichtmachen wollen.

Handelsexperten gehen Maßnahmen nicht weit genug

Handelsexperten zeigten sich im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur allerdings unsicher, ob die Einschnitte wirklich reichen werden, um die Zukunft des Unternehmens zu sichern. Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein sagte: “Galeria Karstadt Kaufhof will mit 110 Warenhäusern weitermachen. Die meisten Experten gehen aber davon aus, dass auf Dauer nur rund 80 Warenhaus-Standorte überlebensfähig sind. Das dürfte deshalb noch nicht das Ende des Warenhausschrumpfens sein. Da ist durchaus noch Luft nach unten.”

Anzeige

Der Konzern habe den Erfolg des Onlinegeschäfts verschlafen. Insofern sei es kein Zufall, dass die Schließungspläne ausgerechnet an dem Tag bekannt gegeben würden, an dem Amazon 25 Jahre alt werde.

Der Handelsexperte Thomas Rob von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg bewertete die umfangreichen Schließungen als “Zeichen der Ratlosigkeit” und fügte hinzu: “Jetzt haben sie sich noch einmal Luft verschafft. Aber wie lange das trägt, ist durchaus die Frage.”

RND/ame/dpa

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen