Friseur über den Corona-Betrieb: “Wir mussten unsere Preise um 25 Prozent anheben”

  • Die Friseure in Deutschland dürfen wieder öffnen – und am Montag war der Andrang groß.
  • In Göttingen (Niedersachsen) hat auch der “Laufsteg” wieder geöffnet, auch wenn sich vieles geändert hat.
  • Im Interview erklärt der Geschäftsführer, wie sich die Arbeit nun anfühlt – und warum er die Preise erhöhen musste.
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Göttingen. Stimmengewirr, der Geruch von Shampoo liegt in der Luft, und leise klicken wieder die Friseurscheren – so wie viele Friseure in Deutschland hat auch der Göttinger “Laufsteg” nach mehreren Wochen Corona-Pause am Montag wieder geöffnet. Die Kunden wissen das zu schätzen, am Montagvormittag ist der Laden voll. So voll jedenfalls, wie es die Corona-Einschränkungen erlauben. Denn der Betrieb hat sich ziemlich verändert, wie Geschäftsführer Christian Günther im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland schildert.

Herr Günther, wie läuft der erste Arbeitstag?

Hinter uns liegen sechs Wochen Zwangspause. Ich war in den vergangenen drei Wochen nur zum Putzen im Laden. Jetzt fühlt es sich an wie eine Neueröffnung. Alle waren total aufgeregt, die Mitarbeiter konnten kaum schlafen. Wir haben uns am Sonntag einmal getroffen, um die Abläufe zu besprechen – aber wir haben uns ja auch ewig nicht gesehen. Es fühlt sich eigentlich an wie ein neuer Laden.

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Was ist alles neu?

Wir haben das Eingangsmanagement komplett verändert. Es gibt jetzt einen Türsteher und einen separaten Ausgang. Wir haben überall Markierungen angebracht. Außerdem haben wir natürlich die Stuhlabstände nachgemessen. Bis Samstag wusste darüber aber niemand so richtig Bescheid. Der Eine riet zu 1,5 Meter Abstand, der andere zu zwei Metern, der Dritte empfahl ein Kunde pro 20 Quadratmeter. Es war richtig kompliziert, rauszukriegen, was jetzt als sicher gilt.

Und was gilt jetzt als sicher?

Sicher sind 1,5 Meter Abstand zwischen den Kunden – bei den Plätzen und bei den Laufwegen, weshalb wir das Einbahnstraßensystem eingeführt haben. Außerdem setzen wir künftig auf Anmeldungen. Wir sind vom klassischen Cut-and-go-Geschäft auf ein reines Termingeschäft umgestiegen.

Hygienemaßnahmen bringen viel Arbeit mit sich

Auch desinfizieren die Mitarbeiter regelmäßig die Werkzeuge, müssen nun Haare waschen, die Kittel anschließend gründlich reinigen – und natürlich Masken und Handschuhe tragen. Wie ist es, unter diesen Bedingungen zu arbeiten?

Die Maske ist einfach ein Riesenproblem, weil man kaum atmen kann. Aber das ist wohl eine Gewohnheitssache. Die ersten Stunden waren insgesamt sehr stressig, weil wir gar nicht wussten, wie lange wir etwa für die stetig anfallenden Reinigungsarbeiten brauchen. Ich denke mal, ab Mittwoch hat sich das eingegroovt.

Christian Günther ist Friseur in Göttingen. Hier betreibt er den Salon “Laufsteg”, der als “Friseurclub” explizit auf Geselligkeit und Gemütlichkeit setzt. In Corona-Zeiten kein einfaches Unterfangen. © Quelle: Privat

Zumindest die Kunden bleiben offensichtlich nicht aus. Wie groß war das Interesse, nachdem die Öffnung angekündigt wurde?

Das Interesse war riesig. Wir hatten innerhalb von einer Stunde 75 Terminanfragen, von halb 8 bis 23 Uhr waren alle Termine sofort weg. Junge Menschen als unsere Zielgruppe sind allerdings auch etwas flexibler im Vergleich zu Berufstätigen. Deshalb bin ich dafür, dass Friseure mehr Spielräume bei den Öffnungszeiten bekommen.

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Es funktioniert, aber ...

Der “Laufsteg” ist ein Laden, in dem auch viel gequatscht wird. Funktioniert so ein auf Geselligkeit ausgelegtes Konzept unter den gegenwärtigen Bedingungen?

Ich hatte heute morgen schon ein paar Stammkunden, das lief relativ gut. Man ist zwar durch die Maske zusätzlich getrennt, aber die Nähe ist da, weil wir dahinter stehen dürfen. Beim Umgang der Kollegen untereinander fällt schon auf, dass alle automatisch Abstand halten. Man begrüßt sich zum Beispiel anders. Insgesamt finde ich es etwas distanzierter und nicht mehr so gemütlich, wie es früher mal war.

Sie haben eben angesprochen, dass sich nun zwei Mitarbeiter um Einlass, Reinigung und so weiter kümmern. Wie wirkt sich das wirtschaftlich aus?

Wir mussten unsere Preise um 25 Prozent anheben. Die Richtlinie der Handwerkskammern empfiehlt 10 bis 30 Prozent. Man muss das durchkalkulieren: Zwei zusätzliche 450-Euro-Kräfte müssen sich ja auch rechnen. Da müssen wir schauen, wie es in den kommenden Wochen läuft. Hinzu kommen allerdings die Kosten für die Schutzmaßnahmen. Denn Desinfektionsmittel und Masken sind einfach schweineteuer.

Lob für die Behörden

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Wie liefen die vergangenen sechs Wochen, Stichwort Kurzarbeit?

Wir zahlen in Deutschland viele Steuern, aus Unternehmersicht manchmal zu viel. Aber in den vergangenen Wochen haben die Behörden brutal gut funktioniert. Wir konnten mit unserem Steuerberater alles online erledigen, sowohl die Kurzarbeit als auch die Fördergelder so beantragen. Natürlich dauert die Bearbeitung etwas, aber nach vier Wochen war alles geregelt. Allerdings gilt auch: Die Mitarbeiter waren schon geschockt, wie wenig das Kurzarbeitergeld eigentlich ist. Es sind ja nur 60 Prozent vom Nettoeinkommen. Und was in unserem Bereich gilt: Die Trinkgelder haben extrem gefehlt.

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Wie wird sich die Corona-Krise in den kommenden Monaten bei Friseuren bemerkbar machen?

Ich glaube, die Kunden überlegen sich nun, wann sie kommen. “Schnell mal zum Friseur” geht halt nicht mehr. Ich denke, dass die Regelungen für Öffnungszeiten fallen müssen. Ich bin ein Verfechter davon, den ganzen Tag und auch sonntags öffnen zu können. Schon allein, um jetzt auch Berufstätigen mehr Angebote machen zu können.

Vorfreude auf die Arbeit ohne Mundschutz

Glauben Sie, dass die Kunden nun zurückhaltender werden?

Wir haben ein paar, die gesagt haben, sie würden gern kommen – aber nur, wenn es wirklich separate Räume gibt. Das können wir nicht erfüllen, dafür haben wir nicht den Platz. Eine bestimmte Zielgruppe wird wohl seltener kommen: Diejenigen, die zur Risikogruppe gehören, etwa weil sie krank oder älter sind. Das merken wir schon jetzt.

Und Sie persönlich, freuen Sie sich drauf, irgendwann wieder ohne Maske arbeiten zu können?

Auf jeden Fall. Das wird eine Riesenerleichterung!

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