Supermarktkette verlangt 29 Cent – wie das Baguette in Frankreich zum Politikum wird

Das Baguette ist eine wichtige Säule der französischen Kultur und das meistgegessene Brot im Land. Mit einem neuen Tiefstpreis hat eine Supermarktkette nun eine Kontroverse ausgelöst.

Das Baguette ist eine wichtige Säule der französischen Kultur und das meistgegessene Brot im Land. Mit einem neuen Tiefstpreis hat eine Supermarktkette nun eine Kontroverse ausgelöst.

Paris. Wer sein Baguette in einer französischen Bäckerei kauft, darf durchaus Vorlieben äußern, fast so, als würde er ein Steak im Restaurant bestellen. „Gut durchgebacken“ verlangen es die einen, die eine krosse Kruste bevorzugen. „Nicht zu stark gebacken“ wünschen es sich die anderen, die lieber in ein fluffig-weiches Weißbrot beißen. Ein gut organisierter Laden hat deshalb stets eine Auswahl an Exemplaren parat, die unterschiedlich lange im Ofen waren.

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Beliebter als das klassische Baguette ist inzwischen das „Tradition“, das keinerlei Zusatzstoffe über die Zutaten Mehl, Wasser, Salz und Hefe hinaus enthalten und auch nicht aufgetaut sein darf. So legt es ein Dekret aus dem Jahr 1993 fest. Viele Bäckereien bieten außerdem Versionen mit Sesam, Nüssen oder Leinsamen an. Das kostet dann ein wenig mehr, aber höchstens 1,50 Euro – gegenüber den vergleichsweise hohen Lebensmittelkosten in Frankreich bleibt das Preis-Leistungs-Verhältnis beim Brot hervorragend.

Neuer Tiefpreis trotz Inflation

Eine neue Offensive der Supermarktkette Leclerc droht das bisherige Gleichgewicht ins Wanken zu bringen. 29 Cent verlangt der Konzern für das Baguette. Freilich ist es industriell hergestellt, selten kross und schon gar nicht mit Sesam oder anderem Schnickschnack versehen. Der Konzern verknüpfte die Aktion mit einer großen Werbekampagne, in der er verspricht, den Mini-Preis sechs Monate lang „einzufrieren“, um angesichts der aktuellen Inflation, durch die alles teurer werde, die Kaufkraft der Menschen zu schützen.

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„Leclerc fordert für sich das Recht ein, seine Margen bei Produkten zu verringern, die für seine Kundinnen und Kunden wichtig sind“, erklärte das Unternehmen, das mit einem Marktanteil von 16,4 Prozent führend in seinem Bereich in Frankreich ist. Inzwischen zog der Lidl-Konzern, der auch in Frankreich aktiv ist, mit demselben Baguette-Verkaufspreis nach.

Das ist eine Provokation von Leclerc zu einem Zeitpunkt, zu dem doch jeder versucht, korrekt von seiner Arbeit zu leben.

Dominique Anract,

Präsident der Nationalvereinigung der Bäckermeister

Die Aktion provozierte allerdings einen Aufstand der betroffenen Branchen, von den Getreideherstellern über die Müller bis zu den Bäckern. „Das ist eine Provokation von Leclerc zu einem Zeitpunkt, zu dem doch jeder versucht, korrekt von seiner Arbeit zu leben“, reagierte der Präsident der Nationalvereinigung der Bäckermeister, Dominique Anract. „Wenn es so billig wäre, ein Baguette zu produzieren, würden wir alle Ferrari fahren“, kommentierte Bruno Liégeon, ein Bäcker in Beaune.

Er würde gerne von Konzernchef Michel-Édouard Leclerc erfahren, „wo er sein Mehl kauft und über welche Produkte er es kompensieren wird“, so der Chef der Nationalen Vereinigung der französischen Müller, Jean-François Loiseau. Innerhalb eines Jahres sind die Weizenpreise um rund 30 Prozent gestiegen.

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Seit 1998 ist der Begriff „Bäckerei“ in Frankreich geschützt. Verwenden dürfen ihn nur Läden, in denen Brot vor Ort gemacht und nicht nur aufgebacken und dann verkauft wird – vom Kneten des Teigs über die Gärung bis zum Backen. Landesweit gibt es 33.000 handwerklich arbeitende Bäckereien, in denen das klassische Baguette in der Regel einen Euro kostet.

Baguette wird massenhaft verspeist

Das rechnet sich durch die Masse: Landesweit werden pro Jahr sechs Milliarden Brotstangen verkauft. In vielen Städten und Regionen gibt es heiß umkämpfte Wettbewerbe um das beste Baguette – der Sieger in Paris darf ein Jahr lang den Élysée-Palast beliefern.

Laut einer Statistik aus dem Jahr 2017 darf es für 54 Prozent der französischen Bevölkerung bei keiner der drei Hauptmahlzeiten fehlen. Derzeit läuft der Antrag, die mythische Brotstange ins Weltkulturerbe der Unesco aufzunehmen. Das erklärt die Aufregung über den Schleuderpreis der industriellen Variante. Das Baguette, auf Französisch heißt es übrigens „die Baguette“, ist ein Politikum. Ob knusprig oder in der fluffig-weichen Version.

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