Bänder stehen still: Chipmangel kostet Ford Milliarden

  • Ford muss die Fertigung in seinen europäischen Fabriken für viele Wochen einstellen – Grund ist ein eklatanter Mangel an Computerchips. Betroffen ist auch das Kölner Werk.
  • Aber nicht nur Autobauer leiden unter dem Engpass. Es trifft so gut wie alle Hersteller, die elektronische Komponenten benötigen.
  • Experten warnen bereits, dass die Halbleiterkrise die Erholung der Wirtschaft gefährden könnte.
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Schon Ende März hatte der Autobauer Ford zunächst seine kontinentaleuropäischen Standorte und dann auch die beiden Fabriken in Großbritannien heruntergefahren. Die vorübergehenden Schließungen werden nun verlängert. Laut Medienberichten sollen in der Kölner Produktionsstätte bis Ende Juni lediglich an sechs Tagen Fiestas gebaut werden. Danach, am 29. Juni, beginnen in NRW die Sommerferien und bis zu deren Ende soll die Produktion wegen Werksferien noch einmal ausgesetzt werden. Frühestens Mitte August könnte dann die Montage der Kompaktwagen wieder hochgefahren werden. Betroffen sind etwa 5000 Beschäftigte, sie müssen in Kurzarbeit gehen.

Die Ford-Konzernzentrale in Dearborn (Michigan) hatte bereits vor einigen Tagen mitgeteilt, dass zwischen April und Juni die Fertigung weltweit um 50 Prozent gekürzt werden muss. Was bedeutet, dass nur noch etwa 1,1 Millionen Fahrzeuge die Werkshallen verlassen werden. Das würde den Gewinn des Konzerns um insgesamt 2,5 Milliarden Dollar drücken.

Auch VW, BMW und Daimler betroffen

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Was das Unternehmen besonders schmerzt: Auch der hochprofitable Bestseller, der Pritschenwagen F 150, kann in den USA nicht in ausreichender Stückzahl angeboten werden. Das ist ein weiterer schwerer Rückschlag für das ohnehin angeschlagene Unternehmen. Auch bei den deutschen Autobauern Volkswagen, BMW und Daimler müssen die Bänder immer wieder tageweise angehalten und viele Beschäftigte mussten in Kurzarbeit geschickt werden.

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Wie lange das mit der Unterversorgung mit den elektronischen Bauteilen noch weitergeht, ist unklar. Herbert Diess, Volkswagen-Chef, hatte aber jüngst prognostiziert, dass sein Unternehmen noch im gesamten Jahr damit zu kämpfen habe. Die gesamte Branche könnte 2021 Einbußen von rund 60 Milliarden Dollar erleiden. Inzwischen geht eine Reihe von Branchenkennern aber davon aus, dass der Chipengpass bis weit ins Jahr 2022 hinein anhalten könnte.

Apple und Samsung können Nachfrage nicht bedienen

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Und es trifft nicht nur Autobauer. Das Management von Apple – weltgrößter Hightechkonzern – rechnet damit, dass dem Unternehmen in diesem Quartal bis zu 4 Milliarden Dollar an Einnahmen durch die Lappen gehen könnten, wegen weniger Verkäufen von iPhones und Macs und Macbooks. Und kurioserweise wird auch Samsung unter zu wenig Chips leiden. Vor einem Gewinneinbruch für die drei Monate bis Ende Juni wurde bereits gewarnt. Dabei ist Samsung selbst ein großer Halbleiterhersteller. Die Südkoreaner können sich aber nicht selbst versorgen. Sie haben sich auf einfache Speicherchips kapriziert. Bei den sogenannten Logikchips, die die Gehirne von Geräten sind, muss auch das koreanische Unternehmen zukaufen.

Über die Auswirkungen des Mangels auf die globale Konjunktur kursieren erste Mutmaßungen. So betont Martin Moryson, Chefvolkswirt Europa bei der Fondsgesellschaft DWS, dass der Neustart der Weltwirtschaft „ruckelig“ verlaufe, da es insbesondere an Halbleitern fehle. Aufgrund der starken Exportorientierung der deutschen Volkswirtschaft werde dies zur „Achillesferse für die kommenden Monate“.

Dahinter steckt die Vermutung, dass nicht nur weniger Autos verkauft werden, sondern Unternehmen in großer Zahl aus vielen verschiedenen Branchen weniger verdienen und deshalb auch ihre Investitionen zurückfahren könnten. Und gerade vom Export von Investitionsgütern ist Deutschland stark abhängig. Halbleiter werden mittlerweile in beinahe allen Geräten verbaut, die mit Strom arbeiten. Vom Lichtschalter über die Waschmaschine und die Spielekonsole bis zu ganzen Industrieanlagen. Doch die Autobauer könnten besonders übel dran sein. So geht die Unternehmensberatung Bain davon aus, dass die Halbleiterhersteller ihre treuesten Kunden bevorzugt bedienen werden – und das sind die Hightechfirmen, allen voran Apple.

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Autohersteller haben sich unbeliebt gemacht

Die Kfz-Hersteller haben sich ohnehin vor rund einem Jahr ziemlich unbeliebt gemacht: Als weltweit Lockdowns verhängt wurden, stornierten sie eilig Aufträge für Chips, die für Bordcomputer oder ABS-Systeme oder Spurhalteassistenten benötigt wurden. „So etwas macht man nicht“, sagt ein Insider dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. Denn die Herstellung der Chips ist enorm komplex und sie lohnt sich nur, wenn die Maschinen rund um Uhr und voll ausgelastet arbeiten. Die Löcher, die durch die kurzfristigen Stornierungen entstanden waren, mussten mit anderen Aufträgen schnell gestopft werden. Was auch gelang, da durch die globalen Lockdowns die Nachfrage nach Laptops, Smartphones, Routern oder TV-Geräten deutlich stieg.

Und die Autokonjunktur schwang auch schneller als erwartet wieder an. Ende vorigen Jahres sei ihm die neue Knappheit erstmals deutlich geworden, sagte Mark Liu gerade in einem Interview des US-Fernsehsenders CBS. Er ist der Chef der taiwanischen Firma TSMC, die der mit Abstand größte Auftragshersteller von Logikchips ist. Schon im Januar habe man damit begonnen, so viele Chips wie nur möglich für Autobauer zu produzieren. Er versprach, bis Ende Juni die Mindestanforderungen an Lieferungen zu erfüllen. Das bedeute aber nicht, dass dann die Engpässe behoben seien. Gerade bei Autochips seien die Lieferketten besonders lang und komplex, sechs bis sieben Monate dauere es, bis ein Stellen an den Schrauben beim Output bemerkbar werde.

Intel verlangt hohe Subventionen

Unterdessen bemüht sich EU-Industriekommissar Thierry Breton, Chipfertigung in der EU wieder verstärkt anzusiedeln. Die Union soll 2030 rund 20 Prozent der weltweiten Produktion abdecken, derzeit sind es 10 Prozent. Weltmarktführer Intel zeigt großes Interesse. Zwei Werke sollen für etwa 20 Milliarden Euro gebaut werden. Intel verlangt dafür aber auch Subventionen von etwa 8 Milliarden Euro. Das ist der Anteil an staatlicher Unterstützung, der in Taiwan oder anderen asiatischen Ländern üblich ist.

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