Flughafen-Chef: Aus für Corona-Tests wäre “Tod der Reisebranche”

  • Zuletzt ist die Zahl der Corona-Neuinfektionen wieder gestiegen - vor allem durch heimkehrende Urlauber.
  • Deswegen wurden Testzentren an Flughäfen, Bahnhöfen und Autobahnen eingerichtet.
  • Die Abschaffung dieser Testzentren könnte Risiken für Touristen und die Branche bedeuten - meint zumindest der Chef des Hannover-Airports Raoul Hille.
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Hannover/Berlin. Hannovers Flughafen-Chef Raoul Hille appelliert an die Politik, die Corona-Testpflicht für Rückkehrer aus Risikogebieten aufrecht zu erhalten und keine schärfere Quarantäne als Ersatzlösung einzuführen. Sonst könnte die Verunsicherung von Urlaubern mit Blick auf die Herbstferien so groß werden, dass ein faktisches Reiseverbot drohe und damit der "Tod der Reisebranche" riskiert werde, sagte er im Interview der Deutschen Presse-Agentur. Man dürfe nicht die Gefahr in Kauf nehmen, "dass die Mobilität der Bürger grundsätzlich eingeschränkt wird und so ganze Industrie- und Wirtschaftsbereiche geschädigt oder vernichtet werden", heißt es zudem in einem Positionspapier. Hille bezog seine Warnungen auch auf die geplanten Bund-Länder-Beratungen zum Thema in Berlin.

Tests vorübergehend nur für Reisende aus Risikogebieten

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat seinen Vorschlag verteidigt, verpflichtende Tests auf das Sars-Cov-2-Virus für Rückkehrer aus Risikogebieten wieder abzuschaffen und mehr auf Quarantäneregeln zu setzen. Was halten Sie davon?

Raoul Hille: Man muss zu anderen Lösungen kommen als zu einem faktischen Reiseverbot. Dieses wäre die Folge von Quarantänevorschriften statt fortgeführter Corona-Tests für Rückkehrer aus Risikogebieten an den Flughäfen. Wir haben in Hannover mit Partnern wie den Johannitern, der Kassenärztlichen Vereinigung und dem Gesundheitsministerium mit einem riesigen Aufwand ein Testzentrum aufgebaut - quasi über Nacht. Und nun heißt es auf einmal: Kapazitäten in den Laboren sind bald vielleicht nicht mehr verfügbar. Wir müssen die Tests weiterführen - sonst wäre es ein zweiter Lockdown für die Luftverkehrsbranche.

Aber wäre ein Herunterfahren der Tests nach den Sommerferien jetzt nicht zu leisten, wo wieder weniger Urlauber unterwegs sind?

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Das sehe ich sehr kritisch. Nicht so sehr die Kostenfrage - aber wenn ich grundsätzlich statt Tests Quarantänevorschriften habe, kann das den Tod der Reisebranche bedeuten. Die Lösung kann nicht heißen: Alle in Quarantäne! Sie kann nur heißen: Tests beschränken auf die, die aus Risikogebieten kommen oder Symptome zeigen! Alles andere könnte man zurückstellen, bis die Kapazitäten größer sind.

Bei Reisewarnung mehr auf die Planbarkeit achten

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In Kürze dürfte aber doch weniger los sein bei Ihnen, wenn sie Ferien jetzt vorbei sind?

Wichtig ist vor allem schon der Blick auf die Herbstferien. Die Leute überlegen, ob sie dann fliegen können. Wenn man Unsicherheit - auch wegen der Frage „Tests oder Quarantäne?“ - spürt, bucht doch keiner. Ich wünsche mir, dass in Berlin klare und verlässliche Rahmenbedingungen geschaffen werden.

Die Reisewarnung für 160 Länder wurde nun auch bis mindestens Mitte September verlängert. Was bedeutet das für die Branche?

Das kam wieder extrem kurzfristig. Und man muss die Frage stellen dürfen: Muss das so pauschal sein - oder sollte man nicht nur für Gebiete Warnungen aussprechen, in denen es buchstäblich virulent wird. Muss man gleich die ganzen Balearen zum Risikogebiet erklären? In Deutschland hat man das ja auch präziser auf Landkreisebene gemacht. Reisewarnungen sind an sich völlig in Ordnung. Aber man sollte auf die Verhältnismäßigkeit und Planbarkeit achten.

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Lage an den Testzentren hat sich entspannt

Wie ist die aktuelle Lage im Testzentrum an Ihrem Flughafen?

Die Nachfrage hat sich nach dem großen Andrang vor drei Wochen normalisiert. Wir hatten an jenem Wochenende die Reisewarnung für die Balearen, und drei Flüge von dort kamen fast zeitgleich an - deshalb standen binnen einer Stunde 600 Passagiere da, die getestet werden mussten. Weitere Hygienemaßnahmen bei uns sind Videohinweise, Markierungen, Spuckschutz an Schaltern und Sicherheitskontrollen. Außerdem können vergessene Masken im Terminal gekauft werden. Und Mitarbeiter machen Reisende darauf aufmerksam, Masken aufzusetzen.

Wie findet man Passagiere aus Risikogebieten, die als „Durchgereiste“ von anderswo in Hannover ankommen?

Wenn Sie kein durchgehendes Ticket haben, sind Sie immer dort Einreisender, wo Sie zuerst in Deutschland ankommen. Da müssen wir uns auf die Kollegen am jeweiligen Airport verlassen.

Verlust im mittleren zweistelligen Millionenbereich erwartet

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Wie sieht die wirtschaftliche Situation bei Ihnen aus?

Während der Haupturlaubszeit hatten wir etwa 30 Prozent des Verkehrsaufkommens aus dem Vorjahr - jetzt sehen wir, dass die Werte wieder sinken. Wir erwarten dieses Jahr einen Verlust in mittlerer zweistelliger Millionenhöhe. Ich rechne nicht mehr damit, dass wir zum Jahresende das Niveau der Hälfte des Vorjahresverkehrs erreichen. Derzeit sind hier rund 1500 Beschäftigte in Kurzarbeit. Ich bin froh, dass das Kurzarbeitergeld verlängert wurde - höchstwahrscheinlich werden wir es auch im nächsten Jahr noch in Anspruch nehmen.

Zuletzt hieß es, das Cargo-Geschäft und ein mögliches Interesse weiterer Billigairlines könnten die Corona-Einbußen zumindest ein wenig abfedern?

Bei der Fracht ist dieser Trend nach wie vor erkennbar, wenngleich sich die Zuwachsraten derzeit wieder etwas abschwächen. Für den Gesamtmarkt bei Low-Cost-Airlines etwa gilt dagegen: Das Angebot ist tendenziell größer als die Nachfrage.

Raoul Hille führt den Flughafen Hannover als Geschäftsführer seit dem Frühjahr 2004. Der promovierte Wirtschaftsingenieur aus Bremen arbeitete vorher viele Jahre bei der Lufthansa in verschiedenen Konzernbereichen im In- und Ausland. Hille leitete zudem das Unternehmen hinter dem Reisebuchungssystem Amadeus.

RND/dpa

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