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Diese Gütesiegel stehen für ausreichenden Tierschutz

  • Ob ein Tier artgerecht gehalten wurde, lässt sich leicht anhand von Gütesiegeln auf der Verpackung feststellen.
  • Doch die Zahl der Siegel wächst und Kunden können schnell den Überblick verlieren.
  • Deshalb rät die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, sich auf fünf Labels zu fokussieren.
Laura Beigel
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Immer mehr Menschen legen beim Kauf von Fleischwaren Wert auf eine artgerechte Tierhaltung. Zu diesem Ergebnis kommt der Ernährungsreport von 2019 des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. Um sich über die Qualität des Fleisches zu informieren, achtet knapp die Hälfte der rund 1000 Befragten ab 14 Jahren beim Einkauf auf entsprechende Gütesiegel. Doch die Zahl der nicht-staatlichen Labels ist groß. Und auch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft plant 2020, ein neues Siegel einzuführen: das Tierwohl-Label. Welches sagt nun also was aus? Und auf welche Gütesiegel sollten Kunden besonders achten?

Discounter führen eigene Haltungsform-Kennzeichnung ein

„Es kommt darauf an, was die Verbraucher wollen", meint Sabine Klein von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Grundsätzlich werden Lebensmittel in Deutschland stark kontrolliert und müssen somit sicher und gesundheitlich unbedenklich sein. Wer beim Fleischkauf vor allem auf eine artgerechte Tierhaltung wert legt, kann sich an den Haltungsformen orientieren. 2018 wurden diese Kennzeichen von deutschen Discountern eingeführt und unterteilen sich in vier Stufen:

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  1. Stallhaltung: Es gelten die gesetzlichen Mindeststandards für die Haltung von Nutztieren. Zum Beispielt steht Schweinen mit einem Gewicht von 50 bis 110 Kilogramm eine Stallgröße von 0,75 Quadratmetern zu.
  2. Stallhaltung Plus: Tiere haben 10 Prozent mehr Platz zur Verfügung und erhalten zusätzliches Beschäftigungsmaterial. Zudem dürfen Kühe nicht angebunden werden.
  3. Außenklima: Tiere haben 40 Prozent mehr Platz und Kontakt mit dem Außenklima, also einen überdachten Außenbereich oder eine nach außen offene Stallseite. Futter darf außerdem keine Gentechnik enthalten.
  4. Premium: Tiere haben 100 Prozent mehr Platz in ihren Ställen und einen Auslauf ins Freie. Auch bei dieser Haltungsform müssen Landwirte auf Futter mit Gentechnik verzichten.
Diese und ähnliche Kennzeichnungen haben deutsche Discounter 2018 eigenständig eingeführt. © Quelle: imago images/photothek

Fleischangebot in guter Qualität muss weiter ausgebaut werden

„Diese Haltungsform-Kennzeichnung ist seriös, aber für Kunden oft nicht genau nachvollziehbar", sagt Klein. „Es muss viel, viel deutlicher kommuniziert werden, welche Bedeutungen die einzelnen Stufen haben." Ein Kritikpunkt der Verbraucherzentrale ist auch die geringe Angebotsauswahl: Bei einem Marktcheck im vergangenen Jahr zeigte sich, dass weniger als 10 Prozent des vorhandenen Fleischangebots die Stufen 3 und 4 aufwiesen. Das heißt, Kunden können manche Fleischsorten nicht in den qualitativ höheren Stufen kaufen, sondern müssen auf die Haltungsformen „Stallhaltung" oder „Stallhaltung Plus" zurückgreifen. „Der Handel muss sein Angebot weiter ausbauen", fordert Klein.

Bei den nicht-staatlichen Gütesiegeln empfiehlt die Verbraucherzentrale auch das EU-Biosiegel. Das von der Europäischen Union herausgegebene Siegel muss seit 2012 auf allen Bio-Lebensmitteln der EU zu finden sein. Die Kriterien geben die EG-Rechtsvorschriften (Vorschriften der Europäischen Gemeinschaft) für den ökologischen Landbau vor. Mindestens einmal jährlich werden die Betriebe von einer unabhängigen und staatlich anerkannten Kontrollstelle überprüft.

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Seit 2012 muss auf jedem Produkt, das in der EU produziert wird, das EU-Biosiegel zu finden sein.

Auch das Label des Tierschutzbundes sowie des Neuland-Vereins können eine gute Orientierungshilfe sein. Neuland zertifiziert ausschließlich Betriebe, deren Tierhaltung deutlich über den gesetzlichen Mindeststandards liegen. Vor der Lizenzierung kontrollieren Tierärzte des Deutschen Tierschutzbundes die jeweiligen Nutztiere.

Das Label des Tierschutzbundes besteht wiederum aus einem zweistufigen Stern-System: Mit nur einem Stern gekennzeichnet werden Fleischwaren, die die verbindlichen Grundanforderungen einhalten, die allerdings schon deutlich über den gesetzlichen Mindeststandards liegen. Zwei Sterne erhalten Produkte, die sehr hohe Anforderungen an tiergerechte Haltung, Transport und Schlachtung erfüllen. „Diese Gütesiegel sind jedoch nicht in großer Auswahl zu finden", so Klein. Meist handele es sich bei den zertifizierten Lebensmitteln um kleine Nischenprodukte.

Bund will einheitliches Tierwohl-Label einführen

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Hilfreich könnte für Verbraucher auch das Tierwohl-Label des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft sein, glaubt Klein. Im September vergangenen Jahres hatte das Bundeskabinett das Gesetz für das staatliche Tierwohlkennzeichen beschlossen. Geplant ist für dieses Jahr eine dreistufige Kennzeichnung, die im ersten Schritt auf Schweinefleisch-Produkte aufgedruckt wird, ehe dann weitere Nutztiere folgen sollen. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner hatte im vergangenen Februar einige Kriterien formuliert:

  • Platz in den Ställen: Der gesetzliche Mindeststandard soll von aktuell 0,75 Quadratmetern um 20 bis 100 Prozent, je nach Stufe, vergrößert werden.
  • Raufutter und Beschäftigung: Organisches Material zum Kauen, Wühlen und Fressen soll den Tieren angeboten werden.
  • Buchtenstrukturierung: In den Buchten müsse es getrennte Bereiche zum Ausruhen, Fressen und Bewegen geben.
  • Nestbaumaterial: Kurz vor dem Abferkeln sollen Säue, mit zum Beispiel Stroh oder Heu, ihr Nestbauverhalten befriedigen können.
  • Säugephase: Normalerweise werden Ferkel mindestens vier Wochen von ihren Müttern gesäugt, minimal 21 Tage. Dieses Minimum soll auf 25 bis 35 Tage erweitert werden.
  • Schwanzkupieren: Wenn Tiere gestresst sind, beißen sie sich oftmals gegenseitig die Schwänze blutig. Deshalb kürzen Tierhalter die Schwänze in der Regel. Damit dies nicht mehr notwendig ist, sollen Stallhalter Stressfaktoren minimieren und den Tieren mehr Platz und Beschäftigungsmaterial anbieten, damit das Schwanzbeißen möglichst unterbleibt. In höheren Stufen solle das Kupieren komplett verboten werden.
  • Ferkelkastration: Statt Eber zu kastrieren, sollen Halter auf eine Ebermast umstellen oder Impfungen gegen den starken Geruch des Eberfleischs durchführen.
  • Tränkwasser: Tiere sollen aus offenen Flächen saufen können.
  • Eigenkontrolle von Stallklima- und Tränke: Betriebe müssen ein Konzept zur Dokumentation der Eigenkontrolle vorlegen und umsetzen. Außerdem kontrollieren externe, registrierte Fachleute einmal jährlich das Stallklima und die Qualität des Tränkwassers.
  • Tierschutzfortbildung: Eine Fortbildung zu Tierschutzthemen soll verpflichtend sein.
  • Erfassung von Tierschutzindikatoren: Die Befunde können das Tierwohl nachweisen und Betriebe lassen sich so vergleichen.
  • Transport zum Schlachthof: Die Transportzeit bis zum Schlachthof wird auf maximal acht Stunden reduziert. Dauert die Fahrt länger als vier Stunden, muss die Ladefläche eingestreut und Tränken aufgestellt werden. Transporteure müssen sich zusätzlich fortbilden.
  • Schlachtung: Tiere müssen beim Transport vor Witterungseinflüssen geschützt werden. Besonders, wenn sich die Wartezeit beim Schlachthof verlängert. Im Wartebereich müssen Tränken und größere Buchten vorhanden sein. Außerdem müssen Betäubungskontrollen und Videoüberwachungen stattfinden.
Schon der vorherige Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) plante, ein Tierwohl-Label einzuführen. Ob seine Nachfolgerin Julia Klöckner dieses in ähnlicher Aufmachung schließlich durchsetzen wird, bleibt offen.

„Es ist gut, dass der Staat mit dem Tierwohl-Label Flagge zeigen will", sagt Klein. Grundsätzlich sei das Gütesiegel mit staatlicher Kontrolle genauso glaubwürdig wie das EU-Biosiegel. Einziger Kritikpunkt, der auch von Seiten des Handels, der Wirtschaft und Landwirtschaft geäußert wurde, ist die Freiwilligkeit der Kennzeichnung. „Es bleibt abzuwarten, ob sich das Label durchsetzen wird."

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Keine Mehrheit für Gesetzentwurf zum Tierwohl-Label?

Skeptisch ist ebenfalls die Initiative Foodwatch: „Egal ob verpflichtend oder freiwillig: Ein Label, das nur kennzeichnet, ob die Tiere ein paar Zentimeter mehr Platz, Einstreu oder vielleicht Auslauf erhalten, ist staatlicher Tierschutzschwindel", sagt der internationale Kampagnendirektor, Matthias Wolfschmidt. „Das Tierwohllabel wird nichts daran ändern, dass Nutztiere in Deutschland massenhaft krank gemacht werden."

Auch in der Politik wird das Tierwohl-Label stark diskutiert: In seiner jetzigen Fassung werde der Gesetzentwurf keine Mehrheit innerhalb der Koalitionsfraktion finden, sagte beispielsweise der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Matthias Miersch, der Berliner Tageszeitung „Tagesspiegel“.

Matthias Miersch (SPD) will das Tierwohl-Label in seiner derzeitigen Form stoppen. © Quelle: imago images/photothek

Unsicher ist auch, ob ein weiteres Siegel für zusätzliche Verwirrung beim Kunden sorgen würde. Denn die Flut an Labels sei schon jetzt recht groß, so die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. „Wenn das staatliche Tierwohl-Label eingeführt wird, wäre es sinnvoll, wenn sich die bisherigen Label-Träger dort einordnen würden", meint Klein.