Finanztest: Nur wenige Unternehmen veröffentlichen Jahresabschluss

  • Selbst wer keine Ahnung von Bilanzen hat, kann sich anhand von Jahresabschlüssen einer Firma ein Bild machen.
  • Daher sind auch bestimmte Unternehmen verpflichtet, ihre Abschlüsse zu veröffentlichen.
  • Dem kommen aber erschreckend wenige nach, stellt das Magazin “Finanztest” fest.
Alice Mecke
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Hannover. In welchem Unternehmen ist mein Geld am besten angelegt? Die Frage stellen sich Anleger oft. Für sie ist es wichtig, die wirtschaftliche Lage eines Unternehmens einschätzen zu können. Zum Überprüfen der Finanzlage und zum Schutz der Anleger wurde vom Gesetzgeber festgelegt, dass bestimmte Unternehmen ihre Zahlen sechs Monate nach dem Geschäftsjahresende beim elektronischen Bundesanzeiger einreichen müssen.

Doch immer mehr Unternehmen ignorieren diese Vorschrift - laut einer aktuellen Untersuchung des Magazins "Finanztest" ein Warnzeichen.

Finanztest: "Schockierendes" Ergebnis

Finanztest nennt das Ergebnis "schockierend". Von 923 veröffentlichungspflichtigen Unternehmen waren demnach nur 104 Jahresabschlüsse beim Bundesanzeiger abrufbar, 819 Abschlüsse fehlten am Stichtag. Der war für den Analysezeitraum der 1. Juli 2019. Bei weiteren 389 Firmen (42 Prozent) war auch ein halbes Jahr nach dem Stichtag, am 1. Januar 2020, noch immer kein Abschluss zu finden. Laut Finanztest war das vor allem bei Unternehmen aus dem Ausland und Crowdfundings der Fall.

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Unternehmen sind veröffentlichungspflichtig: Bei Geldanlagen, die Beteiligungen an geschlossenen Investment-Kommanditgesellschaften innehaben, Vermögensanlagen seit Juli 2012 und Schwarmfinanzierungen mit Vermögensanlagen-Informationsblatt seit Juli 2015. In der Regel beteiligen sich Anleger am Unternehmen, geben Nachrang-Darlehen und stehen im Insolvenzfall hinter anderen Gläubigern.

Finanztest: Diskrepanz in den Zahlen nicht geklärt

Seit 2015 werden durch das Bundesamt für Justiz Ordnungs- und Bußgelder für fehlende Berichte verhängt. Denn seit 2015 hat die Bundesanstalt für Finanzdienstleitungsaufsicht (Bafin) die Befugnisse, Ungereimtheiten nachzugehen. "Die Bafin teilt dem Bundesanzeiger mit, für wen die Sechs-Monats-Frist gilt, und dieser meldet säumige Firmen an das Bundesamt für Justiz, das Ordnungs- und Bußgelder verhängt", erklärt "Finanztest".

Die Bafin veröffentlicht eine Datenbank, über die sich Unternehmen, die in die Sechs-Monats-Frist fallen, finden lassen. Die Bafin teilte "Finanztest" allerdings nicht mit, wie viele Unternehmen sie an den Bundesanzeiger meldete. Das Bundesamt für Justiz nannte Zahlen für einen Teilbereich, demnach waren zum Geschäftsjahr 2018 114 Unternehmen "offenlegungssäumig".

"Das sind erstaunlich wenige", resümierte "Finanztest", die Diskrepanz ließe sich bis Redaktionsschluss des Magazins nicht klären. Möglich wäre, dass die Listen der Bafin für den Bundesanzeiger nicht vollständig waren oder dem Bundesanzeiger Versäumnisse nicht immer auffielen.

Bundesanzeiger braucht Zeit, Abschlüsse zu veröffentlichen

"Finanztest" kontaktierte die 819 Unternehmen, dessen Jahresabschlüsse fehlten oder erst nach dem Stichtag veröffentlicht wurden. Ein Drittel reagierte auf die Anfrage, darunter größtenteils Unternehmen, dessen Zahlen etwas verspätet zu finden waren. 69 Gesellschaften teilten dem Magazin "Finanztest" mit, dass sie ihre Zahlen fristgerecht eingereicht hätten, sie zum Teil aber Wochen bis Monate auf eine Veröffentlichung im Bundesanzeiger warten mussten. Der Bundesanzeiger entgegnete dem "Finanztest", dass die Dauer bis zur Veröffentlichung immer individuell betrachtet werden müsse.

Crowdfunding hat große Lücken

60 Prozent der Emittenten, die Geld über eine Crowdfunding-Plattform sammelten, waren innerhalb von 12 Monaten weder veröffentlicht noch hinterlegt. Am 1. Januar 2020 fehlten von 555 Jahresabschlüssen noch 332. Als "verwunderlich" beschreibt "Finanztest" die ausstehende Zahl. Da Crowdfunding-Plattformen, die Unternehmen und Anleger zusammenbringen, die Unternehmen dazu verpflichten, häufiger und früher als vorgeschrieben über ihre Lage zu berichten. Allerdings könnten die Plattformen die Veröffentlichungen nicht durchsetzen.

Ein Unternehmen, dessen Jahresabschluss fehlte, teilte "Finanztest" schriftlich mit, dass ihnen nicht bewusst gewesen sei, dass sie zu einer Veröffentlichung verpflichtet sind. Das Crowdfundings so unbeständig mit ihren Jahresabschlüssen verfahren, sei für Anleger besonders ärgerlich, kritisiert "Finanztest": Sie hätten so gut wie kein Mitspracherecht und müssten viel Vertrauen aufbringen.

Hartnäckiges Verweigern als Warnsignal

Anders sahen die Zahlen vieler Anlageangebote aus, bei denen Anleger Mitunternehmer werden. Bei diesen Beteiligungsmodellen fungieren Anleger als Gesellschafter und müssen innerhalb von neun Monaten über den Jahresabschluss abstimmen. Viele Anbieter versuchen, den Abschluss schon innerhalb von sechs Monaten zu schaffen, dementsprechend pünktlich tauchen die Zahlen dieser Modelle im Bundesanzeiger auf.

Als Fazit fasst "Finanztest" zusammen: Einige Wochen bis Monate verspätet gemeldete Zahlen seien unproblematisch. Liegen noch keine Zahlen vor, lohn es sich auch immer nachzufragen. Einige Unternehmen geben auch vor Jahresabschluss Auskunft über die Entwicklung. Wenn Unternehmen allerdings hartnäckig die Abschlüsse verweigern, sollte das als Warnsignal verstanden werden.