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Finanzprofi Tenhagen: “Ich wäre jetzt auch vorsichtig mit einer größeren Investition”

  • Die Konten sind sicher, viele Arbeitsplätze nicht – so lässt sich die Botschaft von Hermann-Josef Tenhagen dieser Tage beschreiben.
  • Im Interview erklärt der Finanzexperte, wie sich das Coronavirus und Wirtschaftskrise auf die Finanzen auswirken.
  • Er gibt Tipps, welche Risiken konkret drohen, und wie sie sich minimieren lassen.
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Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit und eine heraufziehende Wirtschaftskrise: Verbrauchern und Anlegern stehen unsichere Zeiten bevor. Das macht sich schon jetzt bemerkbar, es werden etwa weniger Anschaffungen getätigt, auch die Sorgen um das Geld auf dem Konto nehmen zu. Im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) erklärt Hermann-Josef Tenhagen, welche Sorgen berechtigt und welche übertrieben sind. Tenhagen ist Gründer von finanztip.de, einem gemeinnützigen Verbraucherportal zu Finanzfragen.

Herr Tenhagen, ein fiktives Beispiel: Max Mustermann und seine Frau arbeiten beide gut bezahlt in der Autoindustrie, nun scheuen sie vor der Erneuerung ihres Hausdachs zurück. Zu recht?

Ich wäre jetzt auch vorsichtig mit einer größeren Investition, vor allem, wenn sie kreditfinanziert ist. Sie sagen Autoindustrie: Dort ist besonders unklar, wie sicher der eigene Job in der kommenden Zeit ist.

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Gab es eigentlich schon einmal Zeiten, die für Arbeitnehmer und Verbraucher derartige Unwägbarkeiten mit sich brachten?

Es gab in der Vergangenheit nur Situationen, in denen die wirtschaftliche Situation für einen Teil der Bevölkerung oder einzelne Regionen schwer vorhersehbar war. Jetzt erleben wir das in großer Breite. Im Grunde können fast nur diejenigen, die beim Staat angestellt sind, einigermaßen sorglos sein. Auch Rentner, deren Leistungen weitergezahlt werden, sind recht sicher. Sie bekommen voraussichtlich ab Juli sogar eine kräftige Erhöhung.

Wie kann man als Privatperson die Folgen einer solchen Krise für sich selbst abschätzen?

Wer Arzt oder Pfleger ist, muss sich wohl vorerst keine wirtschaftlichen Gedanken machen. Im Lebensmittelhandel und in der Landwirtschaft gilt das Gleiche. Wer im Einzelhandel arbeitet, hat schon mehr Anlass zur Sorge – das hängt aber davon ab, in welchem Segment man tätig ist. Und auch Handwerker sehen Risiken. Viele Aufträge, die jetzt gerade wegfallen, werden zwar nach dem Shutdown nachgeholt. Aber manche Rechnung bleibt aktuell unbezahlt. In anderen Bereichen der Wirtschaft sieht es noch schlechter aus, weshalb es auf kurze Sicht vor allem um den Brötchenerwerb vieler Menschen gehen wird.

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Einlagensicherung schützt Guthaben auf Konten

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Müssen sich Verbraucher auch Sorgen um ihr Geld auf dem Konto machen?

Da würde ich mir nicht so viele Gedanken drüber machen. Die europäische Einlagensicherung garantiert gesetzlich, dass 100.000 Euro pro Bank und Kunde gesichert sind, jedenfalls bei Girokonten, Festgeldkonten, Sparkonten und Tages- sowie Festgeldkonten. Wer mehr als 100.000 Euro bei einer Bank hat, sollte das Geld allerdings auf mehrere Geldinstitute verteilen.

Die Einlagensicherung wird erst relevant, wenn Institute in die Insolvenz rutschen – was derzeit nicht passiert. Statistiken verraten aber, dass gerade viele Bundesbürger per Google herausfinden wollen, wie sie ihr Geld vor einem “Systemcrash” oder einer “Weltwirtschaftskrise” schützen können...

Es gibt Leute, die versuchen, aus der Angst ihrer Mitmenschen Kapital zu schlagen und solche Crash-Sorgen befeuern. Wir haben eine funktionierende Wirtschaft, die in ein künstliches Koma versetzt wurde. Es wird nach dem Shutdown weitergehen und es zeichnet sich nicht ab, dass irgendwelche Blasen platzen. Auch wenn diese Vollbremsung der Wirtschaft natürlich hohe Folgekosten haben wird. Vernünftig ist es deshalb, vor allem die Risiken für den eigenen Job und erst dann die Anlagen im Blick zu haben – und eben langfristig zu denken.

Keine großen Sorgen bei der Altersvorsorge

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Wie berechtigt sind Ängste bezüglich der privaten Altersvorsorge?

Die Gelder der privaten Altersvorsorge in Deutschland sind meist bei Versicherern und dann konservativ angelegt, weshalb ich da keine großen Probleme sehe. Kurzfristig haben diejenigen, die auf Aktien gesetzt haben, ein Problem, wenn sie Geld brauchen, weil sie derzeit oft nur mit Verlust verkaufen können. Langfristig werden möglicherweise aber auch Immobilienkäufer feststellen, dass auf dem Immobilienmarkt die Bäume nicht in den Himmel wachsen.

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Nehmen wir an, Max Mustermann gerät in ernste Schwierigkeiten, weil sein Job gestrichen wird oder er lange auf Kurzarbeitergeld angewiesen ist. Was für Möglichkeiten hat er, jetzt zu sparen?

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Er könnte sicher unnötige Verträge von Sky über das Fitnessstudio bis zur Vereinsmitgliedschaft kündigen oder aussetzen. Auch ist es oft möglich, Lebens- und Rentenversicherungen oder Sparpläne für einige Monate beitragsfrei zu stellen. Wichtig ist es, die nicht zu kündigen. Wenn es richtig hart kommt, hat der Gesetzgeber gerade die Möglichkeit geschaffen, Kredite zu stunden. Das geht entlang der jetzigen Lösung erstmal nur für drei Monate. Der Gesetzgeber sagt aber, dass das verlängert werden könnte. Dann werden die ausgebliebenen Raten später nachgezahlt, ein Kredit etwa läuft um die entsprechende Zeit länger. Und natürlich kann man an langfristigen Kosten schrauben – etwa bei Strom-, Gas- oder Telefon und Internet. Da sind bei durchschnittlichen Haushalten 2000 Euro Ersparnis im Jahr drin.

Vorsicht beim Aktienkauf

Andersrum: Was, wenn Max Mustermann gerade etwa durch eine Erbschaft oder eine Lebensversicherung zu Geld gekommen ist. Kann er das überhaupt noch gewinnbringend anlegen?

Natürlich, es stellt sich nur die Frage nach dem Zeithorizont. Wenn man das Geld in den kommenden fünf Jahren braucht, bieten sich Festgeldvarianten an. Ich würde das Geld auf ein gutes Tagesgeldkonto einzahlen und in den kommenden Monate die Festgeldangebote beobachten. Dann kann man sich für ein Festgeldkonto mit guten Konditionen entscheiden, aktuell werden 1 bis 1,5 Prozent angeboten. Wenn man das Geld erst viel später braucht, würde ich es per Index-Fonds weltweit an Aktienmärkten anlegen. Das sollte in mehreren Chargen über mehrere Monate hinweg geschehen, um nicht mit der gesamten Summe gefühlsmäßig zu einem vielleicht ungünstigen Zeitpunkt einzusteigen. Allerdings sollte man sich einen Puffer lassen, um etwa Haushaltsgeräte ersetzen, das Auto reparieren zu können oder eine Kurzarbeitsphase zu überbrücken.

Die Kurse an den Finanzmärkten sind im Keller. Ist das nicht eine Gelegenheit, Aktien zu kaufen?

Unabhängig von der Krise sollte man da vorsichtig sein. Wenn man Einzelaktien kaufen will, empfiehlt es sich, die Risiken zu streuen und beispielsweise 20 unterschiedliche Papiere vor allem aus aufstrebenden Märkten wie China zu kaufen. Das heißt aber, die Geldanlage zum Hobby zu machen – und sich mindestens täglich über die Entwicklung der Märkte zu informieren. Für den normalen Kleinanleger sind weltweite, marktbreite Indexfonds die deutlich einfachere und bessere Lösung.

Zurück zu Max Mustermann. Was wären für notleidende Verbraucher wie ihn nun die wichtigsten Schritte?

Nehmen Sie sich vier Wochen Zeit, setzen Sie sich einmal in der Woche Abends hin und organisieren sich eine Pizza, einen Wein oder ein Bier. Und dann gehen Sie ihre Kontoauszüge Stück für Stück durch. In der ersten Woche die Versicherungen, danach die Mitgliedschaften und Abonnements. In der dritten Woche dann Kredite und in der vierten Woche das, was übrig geblieben ist. Wenn es sehr schnell eng wird, sollten Sie zeitnah Bank, Vermieter und Versicherungen kontaktieren, und mit denen über Stundungen und das Pausieren von Verträgen sprechen. Im Anschluss geht es um Ersparnisse im Alltag: Ein Coffee-To-Go fällt ja derzeit sowieso flach. Wer sich den dauerhaft abgewöhnt, hat oft schon einen Hunderter mehr pro Monat.

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