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Kampf gegen Inflation

Historische EZB-Zinserhöhung: Die wichtigsten Fragen und Antworten

Eine geöffnete Schranke leuchtet grün vor dem EZB-Tower. Die Europäische Zentralbank hat diesen Donnerstag eine Anhebung der Leitzinsen beschlossen.

Eine geöffnete Schranke leuchtet grün vor dem EZB-Tower. Die Europäische Zentralbank hat diesen Donnerstag eine Anhebung der Leitzinsen beschlossen.

Frankfurt am Main. Die EZB hat am Donnerstag im Kampf gegen die Rekordinflation im Euro-Raum die größte Zinserhöhung ihrer Geschichte beschlossen. Wir erläutern, was das für Verbraucherinnen, Verbraucher und Unternehmen bringen soll und welche Risiken die Entscheidung der Notenbank birgt.

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Warum hat die Europäische Zentralbank (EZB) die Leitzinsen gerade jetzt so kräftig erhöht?

Die EZB hatte auf ihrer Sitzung im Juli bereits den Pfad der Null-Zins-Politik verlassen – elf Jahre lang hatte diese Periode gedauert. Damals wurden weitere Zinserhöhungen für die Zukunft angekündigt. Allerdings war damit nur ein Aufschlag um 0,5 Prozentpunkte gemeint. Nun sind es sogar 0,75 Prozentpunkte geworden, und EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat zusätzliche Erhöhungen angekündigt. Hauptursache ist der sprunghafte Anstieg der Inflation in der Euro-Zone. Für August wurden 9,1 Prozent errechnet.

Was ist der Grund für die enorme Teuerung?

Der Anstieg der Inflationsraten, der bereits vor einem Jahr begann, wurde zunächst ganz stark durch die höheren Energiepreise bestimmt. Nach dem Beginn des Ukraine-Krieges verstärkte und verbreiterte sich diese Entwicklung. Auch Nahrungsmittelpreise stiegen rapide. Inzwischen hat sich dies auf fast alle Güter für Verbraucherinnen und Verbraucher ausgeweitet. Im August lag die Teuerung in der Euro-Zone bei 9,1 Prozent. Selbst die sogenannte Kerninflation, die Energie und Nahrungsmittel nicht berücksichtigt, liegt weit über dem, was die EZB akzeptieren kann. Der EZB-Rat sei bereit, alle zur Verfügung stehenden Instrumente zu nutzen, um sicherzustellen, „dass sich die Inflation mittelfristig bei seinem Zielwert von 2 Prozent stabilisiert“, teilte die Notenbank am Donnerstagnachmittag mit.

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Wie sehen die Perspektiven aus?

Die EZB wurde zuletzt heftig dafür kritisiert, dass sie die Inflation unterschätzt hat. Lagarde sprach lange von einem vorübergehenden Phänomen. Das wurde nun deutlich korrigiert. Die Notenbank rechnet inzwischen mit 8,1 Prozent Inflation im Gesamtjahr 2022 – nach 6,8 Prozent in einer Prognose im Juni. Für das kommende Jahr gehen die EZB-Volkswirte im Jahresschnitt von einer durchschnittlichen Preissteigerung von 5,5 Prozent aus. Erst für 2024 erwartet die EZB mit 2,3 Prozent eine Inflationsrate, die sich in der Nähe ihres Zielwerts bewegt.

Wie genau wirken die Erhöhungen?

Mit den Zinserhöhungen soll die jahrelange Geldschwemme in den Euro-Ländern deutlich eingedämmt werden. Die Aufschläge beziehen sich einerseits auf den sogenannten Hauptrefinanzierungssatz. Dieser liegt nun bei 1,25 Prozent. Zu diesem Satz können sich die Geschäftsbanken nun Liquidität bei der EZB beschaffen. Damit wird es für die Kreditinstitute deutlich teurer, sich Geld zu leihen, das sie an ihre Kundinnen und Kunden weitergeben. Wollen die Banken keine Gewinneinbußen erleiden, müssen sie die höheren Kosten an die Kreditnehmerinnen und -nehmer weitergeben, diese werden dadurch zu höheren Zahlungen gezwungen, was die Preisentwicklung bremsen soll. Die Kreditzinsen sind insbesondere für die deutschen Banken die wichtigste Gewinnquelle.

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Was verändert sich noch?

Für viele Expertinnen und Experten ist mindestens genauso wichtig, dass die Einlagefazilität von null auf 0,75 Prozent erhöht wird. Dabei handelt es sich um Zinsen auf Geld, das die Banken für kurze Zeit bei der EZB parken. Bis vor Kurzem mussten die Banken dafür sogar negative Zinsen akzeptieren, also eine Art Gebühr. Nun können die Banken wieder überschüssige Liquidität gewinnbringend auf das Konto bei der Notenbank überweisen. Mit der höheren Einlagefazilität werden auch die Zinssätze für Geschäfte steigen, bei denen sich die Banken Geld untereinander leihen. Dies hat auch Auswirkungen für Verbraucherinnen und Verbraucher, denn von den Interbanken-Zinsen hängt ab, wie viel die Institute ihren Kundinnen und Kunden an Zinsen für Tagesgeld und andere kurzfristige Anlagen zahlen. Durch die höheren Leitzinsen steigen insgesamt die Handlungsspielräume der Banken, weil die Differenz zwischen Kredit- und Einlagenzinsen steigt.

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Hat die Zinserhöhung auch Einfluss auf den Wechselkurs des Euro?

Zwar betont Lagarde immer wieder, dass sie nicht für den Devisenmarkt zuständig ist. Klar ist aber, dass höhere Zinsen Investoren anzieht, die ihr Geld beispielsweise in Staatsanleihen anlegen. Dabei handelt es sich um gigantische Summen. Attraktivere Zinsen bei diesen Papieren bedeuten deshalb, dass auch die Nachfrage nach dem Euro steigt und er so vor allem gegenüber dem Dollar an Wert gewinnt. Zuletzt war die Gemeinschaftswährung auf den niedrigsten Wert seit zwei Jahrzehnten gefallen. Das hatte vor allem den Import von Rohstoffen verteuert, deren Preise ohnehin vielfach durch die Decke gegangen sind. Hier könnte es nun eine Entspannung geben.

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Welche Risiken birgt die Zinserhöhung?

Ein zu großer Zinsschritt kann die wirtschaftliche Entwicklung abwürgen. Ein Beispiel ist die Immobilienbranche: „In der Folge werden jetzt wohl Zinsen für Immobilienkredite weiter steigen und den Druck auf den Wohnimmobilienmarkt erneut erhöhen“, sagte Oliver Wittke, Chef des Dachverbandes der Immo-Branche (ZIA). Führende Fonds- und Maklerfirmen erwarteten jetzt, dass durch die gestiegenen Finanzierungskosten vor allem Werte älterer Gebäude unter Druck geraten. Wertverluste von bis zu 15 Prozent seien zu erwarten. Einiges spricht dafür, dass die gesamte, ohnehin schon in Bedrängnis gebrachte Baubranche nun Rückschläge hinnehmen muss.

ARCHIV - 27.11.2019, Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf: Der Schriftzug «Wir schliessen» steht am Schaufenster eines Geschäftes. (Zu dpa "Statistisches Bundesamt zu Insolvenzen im Mai 2022 ") Foto: Martin Gerten/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

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Wie sicher ist, dass die erhoffte Stabilisierung der Wirtschaft eintritt?

Clemens Fuest, Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts Ifo hat Zweifel: Die Geldpolitik bleibe „sehr expansiv“. In den nächsten Monaten müssten weitere Zinserhöhungen folgen, da die Inflationserwartungen der privaten Haushalte immer weiter steigen würden. Michael Holstein, Chefvolkswirt der DZ Bank betont: „Die außergewöhnlich hohe Leitzinsanhebung begrüßen wir. Sie kommt aber zu spät, denn die Wirtschaft des Euro-Raums befindet sich bereits auf dem Weg in die Rezession.“ Nun müssten die Notenbanker eine mögliche Verschärfung des konjunkturellen Abschwungs riskieren, um den Inflationsauftrieb abzubremsen. Für die Notenbank sei das ein Dilemma – doch ein längeres Warten wäre noch teurer als ein beherztes Gegensteuern in wirtschaftlich unsicheren Zeiten.

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