Fananleihen: Wenn die Tribüne dem Fußballverein Geld pumpt

  • Bei der Bank bekommt man als Kunde schon lange keine Zinsen mehr für sein Erspartes. An der Börse Aktien kaufen wollen wiederum auch die wenigsten, um eine Rendite zu erzielen.
  • Warum nicht einfach dem Lieblingsfußballverein ein bisschen Geld für eine feste Zeit zu einem guten Zinssatz leihen?
  • Das jüngste Beispiel eines früheren deutschen Fußballmeisters zeigt exemplarisch auf, wie riskant so eine Geldanlage sein kann.
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Stuttgart. Das ist doch auf den ersten Blick eine tolle Geldanlage: Den eigenen Lieblingsclub finanziell unterstützen, damit es vielleicht auch sportlich mit neuem Geld und Spielern wieder aufwärts geht. Nicht wenige Fußballfans in Deutschland haben dies in den vergangenen 15 Jahren wohl immer wieder gedacht: „Meinem“ Verein unter die Arme greifen, in dem ich eine Fananleihe zeichne. Fußballclubs nutzen diese Möglichkeit der Finanzierung seit Anfang der 2000er-Jahre. Theoretisch bilden solche Fananleihen durchaus eine mögliche Finanzierungsalternative. Doch in der Praxis haben bisher die wenigsten eine solide Rendite für die Fans eingebracht.

Vom Ruhm vergangener Zeiten

Das jüngste Beispiel liefert der 1. FC Kaiserslautern. Jener Pfälzer Fußballverein, der es in der Saison 1997/1998 schaffte, als Bundesligaaufsteiger direkt deutscher Fußballmeister zu werden. Doch vom Ruhm der Vergangenheit ist am Betzenberg kaum noch etwas zu spüren. Heute kickt die Mannschaft in der dritten Liga gegen den Abstieg und der Verein steht auch finanziell nicht gut da. Im Juni stellte der „FCK“ einen Insolvenzantrag.

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Das Fritz-Walter-Stadion von Kaiserlautern. Der Deutsche Meister von 1997/1998 spielt jetzt in der dritten Liga. © Quelle: Getty Images

Zu den Gläubigern des Vereins gehören auch viele Fans. Sie haben im vergangenen Jahr für fast drei Millionen Euro die „Betze-Anleihe II“ gezeichnet. In Zeiten von Niedrig- und Strafzinsen waren fünf Prozent Zinsen ein attraktives Angebot. Im September 2020 hat der Verein nun versucht, die Anleihenzeichner zu überreden, einer Stundung der Zinsen zuzustimmen. Die dafür nötige 50-Prozent-Quote hat der Verein mit 39,24 Prozent jedoch nicht erreicht. Anschließend versicherte der Verein aber, dass „die fälligen Zinsen der Anleihe nach Vorlage des offiziellen Abstimmungsergebnisses selbstverständlich umgehend ausgezahlt wurden.“ Wie es nun weitergeht, steht noch nicht fest.

Wenn die Einnahmen nicht mehr reichen

Der 1. FC Kaiserslautern ist keine Ausnahme. In der Vergangenheit ist das Finanzierungsprojekt Fananleihe im deutschen Fußball zuhauf schiefgelaufen. Schon 2008 hatte Alemannia Aachen seinen Fans die „Tivoli-Anleihe“ zum Kauf angeboten. Leider rutschte der Club in den darauffolgenden Jahren sportlich bis in die dritte Liga ab und meldete zugleich Insolvenz an. Das geliehene Fan-Geld war weg.

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Der aktuelle Bundesliga-Aufsteiger Arminia Bielefeld konnte derweil eine im Jahr 2011 gezeichnete Fananleihe 2016 nur zurückführen, weil ein Teil der Fans auf die Auszahlung von Zinsen sowie die Rückzahlung der Anleihe verzichtet hatte. Wie immer kam auch hier eines zum Tragen, mit dem ein finanziell angeschlagener Club rechnen kann: Die Hilfe emotionaler Fans. Keiner von ihnen will schließlich verantwortlich sein, dass es dem Herzensverein am Ende schlecht(er) geht, trotz der Einnahmen aus TV-Rechten, Sponsoren- und Eintrittsgeldern sowie Merchandising.

Ein Totalverlust ist für den Fan möglich

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Wie eng Erfolg und Misserfolg bei den Fußballclubs beieinander liegen, wissen auch Banker. Entsprechend ist der Zinssatz für einen Kredit für einen angeschlagenen Fußballclub auch deutlich höher bei der Bank als beim eigenen Fan. Ein Verein, der eine Anleihe mit einem Zinssatz von fünf Prozent und mehr begibt, weiß, dass er bei einem Geldinstitut wegen seiner Bilanz und Scoring-Daten durchaus bei den Zinskonditionen das Doppelte hinnehmen müsste.

„Man muss sich darüber im Klaren sein, dass eine solche Anleihe oft der letzte, verbleibende Ausweg für Clubs ist, um überhaupt noch an Geld zu kommen“, so Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Die Möglichkeit eines Totalverlustes sei dabei durchaus realistisch, so der Experte. „Das allerdings wird echte Fans nicht abhalten, ihren Verein auf diesem Wege zu unterstützen und hoffentlich zugleich zu retten.“ Für viele ist die Fananleihe wohl dann auch keine Geldanlage mehr, sondern eher ein weiterer emotionaler Fan-Artikel, mit dem man den Verein maßgeblich unterstützt.

Das Hamburger Volksparkstadion. © Quelle: imago images/Philipp Szyza

Aktuell läuft in Deutschland unter anderem eine Fananleihe vom Hamburger SV. Der einstige Bundesliga-Dino spielt jetzt in der zweiten Liga und hat im vergangenen Jahr – mit Aussicht auf den Wiederaufstieg – eine neue bis 2026 laufende Fananleihe in Höhe von 17,5 Millionen Euro begeben. Die Verzinsung liegt bei 6 Prozent pro Jahr. Wenn man es genau sieht, ist die „HSV Anleihe 2019/26“ nur die Fortsetzung der bereits 2012 aufgelegten Jubiläumsanleihe, die eine Laufzeit bis 2019 hatte. Wo der HSV sich 2026 sportlich und finanziell bewegt, getrauen sich heute wohl nur die wenigsten (Fans) zu prognostizieren, der sicher geglaubte Aufstieg in der letzten Saison soll in dieser Spielzeit nun klappen.

Nicht vergessen, die Zinsen abzuholen

Hinzukommt, dass Vereine noch einen Tick weiterdenken und Anleihen teilweise als Schmuckanleihe an den Fan ausbringen. Das bedeutet, dass der einzelne Fan-Investor keine Anleihe in ein Wertpapierdepot elektronisch bei einem Broker eingebucht bekommt, sondern eine klassische Urkunde, die wohl nicht selten vom Fan eingerahmt wird.

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Der HSV bietet zum Beispiel bei der laufenden Anleihe sowohl die Depot-Anleihe mit einer Stückelung zu 100 Euro, wie aber auch die Schmuckurkunde zu 125, 404 und 1887 Euro an. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, dass der eine oder andere Fan vielleicht einfach nicht seinen Zins persönlich einfordern wird – die Urkunde hängt ja viel schöner in der eigenen Fan-Ecke an der Wand. Das spart einem Verein Geld.

Zinszahlungen werden Schmuckanleihen nämlich nicht automatisch ins Depot überwiesen, sondern erst gegen Vorlage des Zinsscheins „bei der Zahlstelle für die durch Einzelurkunden verbrieften Schuldverschreibungen“ ausgezahlt, wie es der HSV macht. Diese Zahlstelle ist das Service Center des HSV mit festen Öffnungszeiten.

Treue fest verzinst

1.FC Köln-Slogan zur Fan-Anleihe

Weitere Fananleihen, die noch laufen, gibt es unter anderem beim 1. FC Köln und bei Schalke 04. Mit einer Laufzeit von acht Jahren bis 2024 und einem niedrigen Zinskupon von 3,5 Prozent mussten Investoren beim Kölner Club schon wirklich eingefleischte Fans sein, um mitzumachen. Das gleiche Bild ergibt sich „auf Schalke".

Nicht nur auf Schalke so: Der sportliche Erfolg ist maßgeblich auch für die Finanzen des Vereins wichtig. © Quelle: David Inderlied/dpa

Hier liegt die Laufzeit bei sieben Jahren bis 2023 mit einem Zinssatz von 5 Prozent. Wer Fan von einem der beiden Clubs ist, weiß genau, dass es sportlich in der vergangenen Saison nur bedingt gut lief. Gerade Schalke hat in der letzten Saison die internationalen Plätze klar verpasst. Das kostet Geld, spiegelt sich entsprechend in der Bilanz wider und macht den finanziellen Spielraum noch enger. Der Chartverlauf der Anleihe spiegelt es wider.

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Mit dem Dax gibt es bessere Renditen

„Das Risiko von Club-Anleihen ist nicht zu unterschätzen“, sagt Tüngler. Allerdings spiele dieses für die Fans eine nicht ganz so große Rolle, da die emotionale Komponente und die Verbundenheit zum Club stärker wiege als mögliche Risiken", so der DSW-Experte. „Rein wirtschaftlich ist Geld nur mit und bei den Top-Clubs zu verdienen. Wer nicht in der Champions-League spielt, kommt nicht in den Genuss der enormen Zahlungen aus der Vermarktung der Fernsehrechte“, ergänzt Tüngler. Das trifft es wohl sehr gut – nur eben genau diese erfolgreichen Clubs begeben keine Anleihen bzw. müssen diesen Schritt nicht gehen, da sie bei ihren Geldinstituten augenscheinlich ein anderes Standing haben dürften.

Am Ende sollte sich ein treuer Fan die Frage beantworten: Will ich eine reine Geldanlage haben, mit der ich mit einem gewissen Risiko eine Rendite machen kann, oder sehe ich eine Fananleihe in erster Linie als persönlichen Beitrag zur Unterstützung und Sanierung meines Lieblingsvereins an - quasi als verzinste Spende?

Wer auf Sicht von fünf oder sieben Jahren eine Rendite von fünf Prozent und mehr pro Jahr erzielen möchte, sollte dann doch besser zu einem herkömmlichen ETF (Exchange Traded Funds) auf den Börsenindex Dax greifen – dass solche Renditen tatsächlich möglich sind, zeigt das Dax-Renditedreieck des Deutschen Aktieninstituts. Denn der Rendite-Durchschnitt ist hier tatsächlich im positiven Bereich. Anschließend spricht natürlich nichts dagegen, mit einem Teil des Geldes im Fan-Shop des Lieblingsvereins groß einkaufen zu gehen und das tun, was ein Fan macht: den Verein unterstützen.

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