Fahrgastschwund im ÖPNV: Wie geht es nach der Corona-Krise weiter?

  • Im öffentlichen Personen­nahverkehr sind die Fahrgastzahlen im vergangenen Jahr deutlich gesunken.
  • Die meisten Einbußen verzeichneten die S‑Bahnen und die Eisenbahn.
  • Ob das Geschäft nach der Corona-Krise wieder floriert, ist ungewiss. Deshalb will die Branche neue Wege beschreiten.
|
Anzeige
Anzeige

Neue Wege für Busse und Bahnen: Die Corona-Pandemie zwingt die Verkehrs­unternehmen zum Umdenken. Flexiblere Tarif sollen Fahrgäste wieder in den ÖPNV zurückbringen. Langfristig braucht es aber auch neue Mobilitätskonzepte – mit digitalen Abruf- und Mitnahme­angeboten.

Zu Beginn der Pandemie hätten die Abokunden „in einem hohen Maß die Treue gehalten“, sagt Oliver Wolff, Hauptgeschäfts­führer des Verbandes Deutscher Verkehrs­unternehmen (VDV). Doch Ende vorigen Jahres kam im Zuge des zweiten Lockdowns vielfach der Bruch. Monats- und Jahreskarten für Busse und Bahnen wurden nicht mehr verlängert. „Die Abwanderung liegt gegenwärtig im Schnitt bei rund 15 Prozent des Vor-Krisen-Niveaus. Tendenz steigend“, betont Wolff. Branche und Politik müssten nun eng zusammen­stehen, um das Angebot weiter halten zu können.

Auslastung der Busse und Bahnen deutlich zurückgegangen

Anzeige

Nach den aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes ging das Fahrgast­aufkommen im öffentlichen Nahverkehr im vergangenen Jahr um gut ein Drittel zurück. Am heftigsten erwischte es die S‑Bahnen und die Eisenbahn, die Einbußen von fast 40 Prozent hinnehmen mussten. Bei den Straßenbahnen waren es Einbußen von 31 Prozent, und bei Bussen machte der Rückgang rund ein Viertel aus – womöglich müssen die Zahlen aber noch weiter nach unten korrigiert werden, weil der Effekt durch auslaufende Zeitkarten erst allmählich durchschlägt.

In den Lockdownphasen im zweiten und vierten Quartal 2020 machte sich der Fahrgast­schwund besonders bemerkbar. Das hat sich nach Einschätzung von Experten im ersten Quartal noch verstärkt. Die Einnahme­einbußen für die Betreiber sind gravierend. So musste allein der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR), einer der größten in Europa, im vorigen Jahr mit rund 233 Millionen Euro weniger als 2019 auskommen. Derzeit liegt die Auslastung der Busse und Bahnen bei nur 30 Prozent im Vergleich zu Vor-Corona-Zeiten.

Anzeige

Corona-Krise könnte ÖPNV nachhaltig verändern

Der VRR und alle anderen hiesigen Nahverkehrs­anbieter, hinter denen immer Kommunen stehen, werden durch ÖPNV-Rettungs­schirme der Länder und des Bundes vor der Pleite geschützt. Diese zusätzlichen Subventionen dürften noch einige Zeit notwendig bleiben. Denn die politisch Verantwortlichen zwischen Flensburg und Garmisch wollen die Angebote zur Beförderung mit öffentlichen Verkehrsmitteln weitgehend aufrechterhalten. In Berlin, Dortmund und anderswo wurde sogar aufgestockt, um mehr Platz für die Fahrgäste zwecks Infektionsschutz zu schaffen. Das reißt noch tiefere Löcher in die Budgets der Verkehrsbetriebe, die auch in guten Zeiten auf Subventionen angewiesen sind.

Anzeige

Ob diese guten Zeiten mit jährlich steigenden Fahrgastzahlen überhaupt wieder zurückkehren, ist völlig offen. Klar ist zwar, dass Apotheker, Bäcker und andere Handwerker gar nicht von zu Hause aus arbeiten können. Aber es gibt Tausende andere Tätigkeiten, die sehr wohl in den heimischen vier Wänden erledigt werden können. „Wie sich die Thematik um das Homeoffice weiterentwickelt, können wir noch nicht mit genügender Genauigkeit prognostizieren“, sagte VDV-Präsident Ingo Wortmann dem Redaktions­Netzwerk Deutschland. Für VRR-Strategen deuten sich indes schon jetzt „nachhaltige Veränderungen für die gesamte Arbeitsplatz­mobilität“ an.

Verkehrsverbände entwickeln neue, flexiblere Tarife

Was das genau bedeutet, will der NRW-Verbund nun gemeinsam mit der örtlichen Industrie- und Handels­kammer untersuchen. Klar ist aber für VRR-Vorstand José Luis Castrillo, dass frühestens im Jahr 2024 wieder das ursprünglich geplante Umsatzniveau erreicht werden kann. So lange will der Manager nicht warten. Er stellte kürzlich einen Home­office-Tarif vor, den die Düsseldorfer Rheinbahn testen soll: Bei den Flextickets zahlen Kunden für 30 Tage einen Grundbetrag von 20 Euro. Dafür können sie sich zwölf Tageskarten mit einem Rabatt von bis zu 70 Prozent kaufen. Das Projekt soll noch im Frühjahr starten.

Anzeige

Die Berliner BVG und der dortige S‑Bahn-Betreiber haben sich für Teilzeitpendler etwas Ähnliches ausgedacht: Ein neues Abo, bei dem der Nutzer an 60 Tagen acht-, zwölf- oder 24-mal die Nahverkehrs­mittel jeweils 24 Stunden lang nutzen darf. Das Ticket soll es nur digital geben und im Sommer eingeführt werden, sofern der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg sein Okay gibt. Ein VDV-Sprecher weiß denn von einigen weiteren neuen Angeboten, „die zwischen der klassischen Monatskarte und der Mehrfahrten­karte liegen“.

Hinzu kämen Konzepte, die in Richtung Flatrate gingen: ein Grundpreis für eine Basisleistung plus Zubuchoptionen, etwa wenn bei einem Wochenendausflug die Fahrräder mitgenommen werden und/oder wenn’s dabei in das Gebiet eines anderen Verkehrs­verbundes geht. Sinn und Zweck der neuen tariflichen Beweglichkeit: „Selbstverständlich müssen wir für alle Gelegenheits­kunden und die, die vermehrt von zu Hause arbeiten, flexibler in unseren Angeboten werden“, so Wortmann. „Dann werden wir auf Sicht wieder an die hohen Fahrgastzahlen herankommen.“

Linienverkehr soll um „bedarfs­gesteuerte Angebote“ ergänzt werden

Langfristig ist die Aufgabe noch erheblich anspruchsvoller. Der Klimawandel werde durch Corona nicht aufgehoben, so der VDV-Präsident. Planung und Ausbau des ÖPNV müssten vorangetrieben werden. In welche Richtung es geht, ist für Wortmann klar: Der klassische Linienverkehr werde zunehmend durch „bedarfs­gesteuerte Angebote“ ergänzt. Dafür sind die trendigen Anglizismen Ride-Pooling und Ride-Hailing erfunden worden, also Sammlerfahrten und Mitnahmetouren.

Zahlreiche private Projekte wie Clever-Shuttle oder Moia (betrieben von Volkswagen) laufen mehr oder weniger erfolgreich schon seit einiger Zeit. Experten fordern immer wieder, diese mit dem klassischen ÖPNV eng zu koppeln – sowohl was Fahrpläne als auch die Buchung per App angeht. Ergänzend können auch noch Leihroller und Leihräder dazukommen.

Anzeige

Lange wollten die etablierten Nahverkehrs­anbieter davon wenig wissen. Aber: „Einige Verkehrs­unternehmen gehen jetzt in diese Lücke, gerade in Randlagen von Städten“, so der VDV-Sprecher. Die Konzepte müssen jeweils maßgeschneidert werden. Deshalb ist die Vielfalt der Konzepte groß – vom Elb-Mobil fürs Hamburger Umland bis zum Holzi-Bus im oberbayerischen Holzkirchen.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen