Wo Fachkräfte fehlen, halten Ausländer den Laden am Laufen

Ein Zettel mit der Aufschrift „Aushilfe für Küche/Verkauf gesucht“: In der Gastronomie und im Verkauf ist der Personalmangel eklatant. Viele Betriebe sind auf ausländische Arbeitnehmer angewiesen.
Quelle: Frank Molter/dpa
Frankfurt am Main. Ausländische Arbeitnehmer sind unverzichtbar für die deutsche Wirtschaft. Das gilt insbesondere in sogenannten Engpassberufen – also da, wo es viele offene Stellen gibt. Und in Zukunft werden internationale Fachkräfte noch erheblich dringender gebraucht. Das geht aus einer aktuellen Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hervor, die dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) exklusiv vorliegt.
Preisfrage: In welchen Sektoren ist der Ausländeranteil am höchsten? Man muss schon einen Moment nachdenken, um darauf zu kommen, dass es die künstlerischen Berufe sind. Bei Tänzern und Choreografen haben drei von vier Beschäftigten einen ausländischen Pass. Sie sind auch in der Mehrheit, wenn es um Musik, Gesang und das Dirigieren geht.
160.000 ausländische Kraftfahrer
Von volkswirtschaftlich erheblich größerer Relevanz ist, dass ausländische Fachkräfte in vielen Berufen tätig sind, die die Versorgung der Verbraucher mit lebensnotwendigen Gütern und Dienstleistungen sichern und für Betriebe das Funktionieren von Lieferketten gewährleisten.
Beispiel: Kraftfahrer. Laut IW sitzen hierzulande 160.000 Ausländerinnen und Ausländer am Steuer von Lkw und Lieferwagen. Fast jeder Dritte Beschäftigte in diesem Berufsfeld hat keine deutsche Staatsangehörigkeit. Ähnlich hoch ist die Quote in der Gastronomie, wo es im vorigen Jahr für jede zweite offene Stelle keine passend qualifizierten Arbeitslosen gab. Hierbei handelt es sich um eine schon beinahe klassische Tätigkeit mit Arbeitskräftemangel. Das gilt auch für die Kraftfahrer, wo der Erhebung des IW zufolge zwischen Juli 2023 und Juni 2024 rechnerisch jede sechste offene Stelle nicht besetzt werden konnte.

Die Rückkehr der Grenze, die es nicht geben darf
Im Dreiländereck Deutschland-Frankreich-Schweiz arbeiten, leben und lieben die Menschen schrankenlos. Die Staatsgrenzen spielten lange keine Rolle. Mittlerweile fühlt man sich aber auch im deutschen Weil am Rhein am Ende seiner Aufnahmekapazitäten. Besuch in einer Stadt, die sich durch die Grenzkontrollen in einem Dilemma wiederfindet.
Krankenpflege: Ohne Migranten undenkbar
Noch schwieriger ist es, für Tätigkeiten im Verkauf Männer und Frauen zu finden. Gut, dass rund 100.000 ausländische Fachkräfte bundesweit dabei helfen, die Personalengpässe nicht noch größer werden zu lassen.
Vielfach thematisiert werden die offenen Stellen im Bereich Gesundheit und Krankenpflege. Für mehr als sieben von zehn unbesetzten Arbeitsplätzen konnten zuletzt keine qualifizierten Leute gefunden werden. Den alles in allem knapp 70.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten aus anderen EU-Ländern und aus sogenannten Drittstatten kommt deshalb eine besondere Bedeutung beim Aufrechterhalten des Gesundheitswesens zu.
Wenn es um die Entwicklung von Software geht, gibt es eine Sondersituation. Hier ist die Zahl der Beschäftigten, die nicht aus Europa kommen mit fast 37.000 Frauen und Männern besonders groß.
Zugewanderte tragen den Zuwachs bei Beschäftigten
Das IW-Autorinnenteam macht generell darauf aufmerksam, dass mittlerweile in elf der 15 wichtigsten Engpassberufe die „Drittstatten-Angehörigen“ unter den ausländischen Arbeitskräften die Mehrheit haben. Und insgesamt verdienen aktuell rund zwei Millionen Frauen und Männer aus dem Ausland ihr Geld in Berufen, die unter Arbeitskräftemangel leiden.
Und wie geht es weiter? „Im Hinblick auf den demografischen Wandel wird die Gewinnung ausländischer Fachkräfte in Zukunft noch wichtiger“, heißt es in der Studie. Ausländische Beschäftigte seien im Schnitt jünger als ihre deutschen Kollegen. Sie tragen längst mit einem Anteil 86 Prozent zudem den allergrößten Anteil des Beschäftigtenzuwachses hierzulande.
AfD könnte Abwanderung forcieren
Die Bundesagentur für Arbeit geht davon aus, dass jährlich eine Nettozuwanderung von 400.000 Menschen nötig ist, um das Arbeitskräfteangebot stabil zu halten. Diese Zahl mache auch deutlich, so das IW-Papier, dass es nicht nur ums Anwerben, sondern auch ums Halten der Fachkräfte mit fremden Pass gehen muss. Dies sei eine Kernaufgabe für Unternehmen und Politik.
Insbesondere Hochqualifizierte seien „international sehr mobil“. Nur jede zweite zugewanderte Person bleibe langfristig in Deutschland. Es gelte ihre Abwanderung zu vermeiden. Die aktuellen und erwarteten Zuwächse der AfD – am Sonntag ist Wahl in Brandenburg – „scheinen dafür ein zumindest regionales Risiko zu sein“, so die Verfasser der Analyse. Studien legten nahe, dass der Aufstieg der AfD zu wachsenden „Abwanderungsgedanken“ der internationalen Bevölkerung führe. Dabei seien vor allem die ostdeutschen Flächenländer auf Arbeitskräfte aus aller Welt immer stärker angewiesen.













