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Folgen der EZB-Entscheidung

Zinsen gehen um 0,25 Prozent rauf: So wirkt sich das auf unser Leben aus

Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank, am Donnerstag bei Verkündung der ersten Zinsanhebung seit elf Jahren in Frankfurt.

Berlin. Lange hat die Europäische Zentralbank (EZB) gezögert, nun geht alles ganz schnell: Erstmals seit elf Jahren will die Notenbank zum 21. Juli wieder die Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte erhöhen. Bis dahin bleibt der Leitzins aber auf dem Rekordtief von null Prozent. Zu wenig, zu spät, sagen viele Experten. Die Inflation renne längst davon, die sogenannten Währungshüter liefen nur noch hinterher. „Es bleibt mir unverständlich, warum die EZB überhaupt so lange gebraucht hat, um aus der Deckung zu kommen“, sagt Hans-Jörg Naumer, Leiter der Kapitalmarktanalyse bei Allianz Global Investors und notorischer Kritiker der EZB-Politik. Er ist am Vorabend bei einer Kundenveranstaltung für private Sparer aufgetreten, es wurde spät wegen vieler Fragen. „Die Leute machen sich massiv Sorgen“, sagt Naumer, „das Vertrauen erodiert.“

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Die EZB hat lange gezaudert, hielt die Inflation für ein kurzlebiges Problem und reagiert nun nach massiv gewachsenem Druck – immer noch vorsichtig. „0,25 Prozent sind Pillepalle“, sagt Naumer. „Da ich ein Falke in der Geldpolitik bin, hätte ich auch nichts gegen ein Prozent.“ Andere Expertinnen und Experten urteilen freundlicher, sehen eine echte Wende – aber auch weiteren Handlungsbedarf. Denn bei aktuell rund 8 Prozent Inflation haben Zinsänderungen hinter dem Komma mehr symbolischen Wert. Real – also die Inflation herausgerechnet – liegen die Zinsen so tief im Minus wie lange nicht. Gemessen an der Kaufkraft wird beides weiter an Wert verlieren: Sparguthaben auf der einen, aber auch Schulden auf der anderen Seite.

Und jedermann fragt sich: Welche Auswirkungen hat das für mich?

Das sind die Folgen

  • Private Kredite: Langfristige Kredite, vor allem also Hypotheken, haben sich bereits seit Jahresbeginn massiv verteuert. Lange bekam man Darlehen mit zehnjähriger Bindung für rund ein Prozent Jahreszins, jetzt sind es gut 3 Prozent. Der Kapitalmarkt, an dem sich diese Konditionen orientieren, hat die hohe Inflation und die erwarteten EZB-Schritte vorweggenommen. Doch auch kurzfristige Kredite dürften nun teurer werden – sie orientieren sich eher an den Leitzinsen der Notenbank.
Der Klassiker – und immer noch die Lieblingsanlage der Deutschen: Geld auf dem Sparbuch bringt derzeit keine Zinsen, doch das wird sich ändern.

Der Klassiker – und immer noch die Lieblingsanlage der Deutschen: Geld auf dem Sparbuch bringt derzeit keine Zinsen, doch das wird sich ändern.

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  • Sparen: Wer sich nichts leihen, sondern sparen will, braucht weiter Geduld. Zwar verbessern sich hier und da schon die Konditionen für Tages- und Festgeld – aber auf so niedrigem Niveau, dass es kaum einen Unterschied macht. Wenn die EZB in einigen Monaten vermutlich auch ihre Strafzinsen für Guthaben abschafft, werden auch immer mehr Geschäftsbanken ihre „Verwahrentgelte“ für große Summen auf Girokonten abschaffen. Die ING hat bereits den Anfang gemacht. Hans-Jörg Naumer, Leiter Kapitalmarktanalyse bei Allianz Global Investors, warnt die Sparer allerdings vor Entspannung: „Wenn der Minuszins wegfällt, ist ja nicht alles gut, im Gegenteil: Wer sich freut, dass er nichts mehr für sein Guthaben zahlen muss, vergisst, dass es durch die hohe Inflation trotzdem schmilzt.“ Als Grundregel für Sparerinnen und Sparer gilt: Hände weg von langen Zinsbindungen, in den kommenden Jahren wird es mit den Zinsen eher nach oben gehen.
Ziel der Zinswende ist es, die Inflation zu stoppen – und damit auch die Preisspirale des täglichen Konsums.

Ziel der Zinswende ist es, die Inflation zu stoppen – und damit auch die Preisspirale des täglichen Konsums.

  • Preise: Zurzeit haben wir in der Euro-Zone eine durchschnittliche Teuerungsrate von 6,8 Prozent in diesem Jahr (im März hatten sie noch 5,1 Prozent veranschlagt). Im Mai lag die Inflation im Euro-Raum bei alarmierenden 8,1 Prozent. Mit den jetzt eigeleiteten Schritten hofft die EZB, die Inflation 2023 auf 3,5 Prozent zu drücken, 2024 dann auf 2,1 Prozent. Die Zinsen, die es auf Erspartes gibt, werden also lang­fristig hinter dem Preisanstieg für Konsumgüter hinterherhinken.
  • Kapitalmarkt: Selten taten sich Fachleute mit Voraussagen so schwer wie jetzt. Hält der Zinstrend nach oben an, hat es wenig Sinn, Geld jetzt für längere Zeit in Zins­papieren anzulegen. Der Moment ist noch nicht gekommen. Auch Rohstoffe haben ihre Tücken. Echte Industrierohstoffe wie Kupfer oder Lithium sind bereits sehr teuer. Und Gold bewahrt bisher nur mäßig vor der Inflation. Auch hier bremst der Zins­anstieg – denn Gold bringt keine Zinsen. Es bleiben Aktien, die zuletzt aber auch nicht unbedingt Mut machten. Allianz Global Investors hat Geldanlagen in ähnlichen Phasen historisch verglichen, die Parallele etwa zur Ölkrise der Siebziger liegt nahe. Anleihen seien schwach gewesen, sagt Naumer, Edelmetalle durchwachsen. „Historisch haben sich in solchen Lagen Aktien bewährt.“ Natürlich kaufe man sich mit ihnen das Risiko von Kursschwankungen ein, deshalb gelte für die ersten Gehversuche am Kapitalmarkt: „Keine Spezialitäten, breite Streuung: Von null auf Bitcoin ist die falsche Strategie.“
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  • Staatsfinanzen: Die Gefahr einer neuen Euro-Krise ist der rosa Elefant im Raum: Jeder sieht sie, aber niemand mag drüber reden. Denn genau genommen ist es nicht Sache der EZB, finanziell wackligen Staaten zu billigen Krediten zu verhelfen. Faktisch tut sie das allerdings seit Jahren. Es war der Kern der Euro-Rettung, denn wankende Euro-Staaten gefährden natürlich die EZB-Ziele. Was also, wenn Kredite teurer werden und nicht mehr die Notenbank bereitsteht, um massenhaft die Schulden­papiere der Staaten zu kaufen? Auch hier hat der Kapitalmarkt einiges vorweg­genommen: Die Renditen der Staatsanleihen sind drastisch gestiegen, der Abstand zwischen guten und schlechten Bonitäten ist gewachsen. So muss Deutschland aktuell fast 1,5 Prozent Zins bieten, wenn es sich am Kapitalmarkt Geld für zehn Jahre leihen will. Vor ein paar Monaten konnte die Bundesregierung noch Gebühren dafür kassieren, dass ihr jemand Geld leihen durfte. Italien muss bereits mehr als 3,5 Prozent bieten. Weiter soll es offenbar nicht gehen: Der Ausstieg aus den Anleihekäufen kann so organisiert werden, dass er die finanzschwächeren Euro‑Staaten weniger stark trifft. Zudem halten Experten die Problemstaaten von Griechenland bis Italien heute für stabiler als früher.
  • Unternehmen: Auch sie müssen sich auf steigende Zinsen einstellen. Die Wirkung haben manche Unternehmen bereits am Kapitalmarkt gespürt: Die Kurse von Technologieaktien sind in den vergangenen Monaten deutlich gefallen, denn Anlegerinnen und Anleger trauen ihnen nicht mehr so viel Wachstum zu und scheuen das Risiko. Start-ups, die wegen ihrer Anlaufverluste regelmäßig Kapital­spritzen ihrer Eigentümer brauchen, tun sich bei diesen Finanzierungsrunden bereits schwerer. Experten hoffen allerdings auch auf einen positiven Effekt: Aktuell hielten die Konsumenten ihr Geld zusammen, weil sie sich Sorgen wegen steigender Preise machten, sagt Hans-Jörg Naumer. Wenn sich die Einschätzung durchsetze, dass die Inflation konsequent bekämpft wird, würden sich Menschen auch wieder leichter damit tun, Geld auszugeben.
  • Löhne: In aktuellen und noch kommenden Tarifrunden fordern die Gewerkschaften einen Inflationsausgleich. Ist aber abzusehen, dass der nicht ganz so hoch ausfallen muss, liefen die Verhandlungen entspannter und die Unternehmen kämen günstiger weg. Insgesamt liefert die EZB den Arbeitgebern aber Argumente gegen hohe individuelle oder tarifliche Lohnforderungen.

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