EU setzt auf Ökobatterien aus heimischer Produktion

  • Der Markt für Batterien wird derzeit von Asien dominiert – doch die EU will sich ihre Nische suchen.
  • Für ihre „grünen Akkus“ sollen beim Gewinnen der Rohstoffe Umwelt- und Sozial­standards garantiert werden. Als Nachweis soll ein „Batteriepass“ dienen.
  • Bis jetzt gibt es dazu nur einen Entwurf der EU-Kommission. Ihr Vizepräsident Maros Sefcovic will das Regelwerk aber bis spätestens 2022 beschließen.
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Die Leute von Volkswagen beweisen durchaus Sinn für Ironie. „This ist not a car presentation“ – dies ist keine Fahrzeug­präsentation. Die Ankündigung für den ersten „Power Day“ des Konzerns zeigt auch, wie sich Prioritäten verschieben. Batterien werden am Montag im Zentrum stehen.

Das Management wird mutmaßlich erläutern, wie und wo Akkus für Elektroautos künftig gefertigt werden und wie deren Leistung gesteigert werden soll, und zwar auf eine nachhaltige Art und Weise. Die EU-Kommission hat am Freitag eine perfekte Vorlage dafür geliefert: eine aktualisierte Prioritätenliste für den Aufbau einer Batterie­produktion in der Europäischen Union. Das ist das vielleicht wichtigste Projekt für die Elektromobilität. Und die Chancen stehen gut für eine führende Rolle Europas.

Wo sollen all die Batterien für die E‑Autos herkommen?

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Die Wolfsburger haben gerade die Elektroziele für ihre Kernmarke VW deutlich nach oben geschraubt. 2030 sollen sieben von zehn verkauften Fahrzeugen in Europa Stromer sein. Die Brüsseler Kommission rechnet mittlerweile damit, dass in neun Jahren an die 30 Millionen Elektrische auf den Straßen der EU unterwegs sein werden – fast alle mit Batterien als Energielieferant für die Motoren.

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2020 lag deren Marktanteil noch bei etwa 10 Prozent, dieses Jahr dürften es 15 Prozent werden. Und 2023 soll dann die Nachfrage „explosionsartig“ steigen, so formulierten es Peter Altmaier und Bruno Le Maire, die Wirtschaftsminister von Deutschland und Frankreich, sowie Maros Sefcovic, Vizepräsident der EU-Kommission, in einem Gastbeitrag für das „Handelsblatt“. Die Frage ist: Wo sollen all die Batterien für die Autos herkommen?

EU will bei „grünen Akkus“ durchstarten

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Derzeit dominiert Asien den Markt. Die EU hinkt deutlich hinterher. Sie könne aber ein „Powerhouse“ werden, und zwar für „grüne Akkus“. Davon ist jedenfalls die Brüsseler Denkfabrik Transport & Environment (T&E) überzeugt. Ein nüchtern formuliertes Paragrafen­werk für die Batterie­fertigung, dessen Entwurf die EU-Kommission Ende vorigen Jahres vorgelegt hat, könnte dafür sorgen. Es muss noch vom EU-Parlament und den Mitgliedsstaaten beschlossen werden. Seine Umsetzung habe höchste Priorität, betonte Sefcovic am Freitag zum Abschluss einer Konferenz der EU-Batterie­allianz, zu der neben Politikern wie Altmaier auch Forscher und Unternehmen gehören.

Alex Keynes von T&E erläuterte derweil, dass das Regelwerk das erste seiner Art sei und dass es zum rechten Zeitpunkt komme, da der Absatz der E‑Autos anspringe und dafür sogenannte Gigafactorys allenthalben errichtet würden. Europa könne die globale Führerschaft in der „strategisch wichtigen Technologie“ erreichen – allein in Deutschland sind sechs größere Standorte geplant. Für Sefcovic ist auch klar, dass die Bestimmungen spätestens 2022 beschlossen werden müssen, wenn sie noch rechtzeitig zum Beginn des erwarteten großen E‑Auto-Booms wirken sollen.

„Batteriepass“ soll eingeführt werden

Die Eckpunkte: Beim Gewinnen der Rohstoffe für Batterien, die in Europa zum Einsatz kommen, sollen Umwelt- und Sozial­standards garantiert werden – als Nachweis soll ein „Batteriepass“ eingeführt werden. Dahinter verbirgt sich ein komplexes Problem: Kobalt etwa, eine wichtige Komponente der Lithium-Ionen-Akkus, wird derzeit zu großen Teilen in der Demokratischen Republik Kongo aus dem Erdreich geholt. Vielfach durch Kinderarbeit und unter menschen­verachtenden Bedingungen. Zudem besteht die Gefahr starker Umwelt­belastungen bei der Aufbereitung von Kobalt, wenn es als Nebenprodukt der industriellen Kupfergewinnung gefördert wird.

Bei der wichtigsten Komponente Lithium sieht die Lage nicht eben besser aus: Große Mengen kommen aus Salzseen in Südamerika, dieser Abbau kann aber schwere Eingriffe in den Wasserhaushalt in ohnehin schon extrem trockenen Regionen bringen.

Recycling von Batterien wird zentral

Experten sind sich einig: Aufgrund dieser prekären Umstände sollten die Rohstoff­quellen in Europa stärker genutzt werden. Da die Reservoire aber begrenzt sind, muss das Recycling von gebrauchten Batterien eine zentrale Rolle spielen. Zumal damit die Unabhängigkeit von den bisherigen Lieferanten größer wird – China hat sich bereits den Zugriff auf einen wesentlichen Teil der Rohstoff­quellen in Südamerika und Afrika gesichert.

Beim Wieder­verwerten laufen bereits zahlreiche Pilotprojekte, unter anderem vom hiesigen Öko-Institut, die beweisen, dass fast alle eingesetzten Materialen für neue Akkus taugen. Die EU-Kommission schlägt vor, dass 2026 beispielsweise gut ein Drittel des Lithiums zu einem Sekundär­rohstoff gemacht werden soll, der Anteil soll bis 2030 auf 70 Prozent gesteigert werden.

Tausende Jobs könnten entstehen

T&E-Experte Keynes macht aber darauf aufmerksam, dass bereits heute 90 Prozent möglich sind. Deshalb müssten die Vorgaben deutlich verschärft werden, um den wachsenden Bedarf an Lithium in den nächsten Jahren zu befriedigen, ohne den Rohstoff­abbau in Südamerika und anderswo ausweiten zu müssen. Bei alldem spielt auch eine Rolle, dass ökologisch einwandfrei hergestellte Batterien ein wichtiges Element sind, um die Akzeptanz der E‑Autos zu steigern.

Für Keynes kommt hinzu, dass eine Recycling­wert­schöpfungs­kette neue Unternehmen und Tausende von Jobs in Europa zeitigen würde. Unter anderem wird bereits über ein industrielles Cluster mit Dutzenden Betrieben rund um die neue Tesla-Fabrik im brandenburgischen Grünheide nachgedacht.

Fachkräfte­mangel droht

Im Arbeits­plätze­thema liegt aber auch ein Problem. Sefcovic betonte, dass ein massiver Fachkräfte­mangel in Europa drohe. In der gesamten Batterie­industrie könnten 2025 um die 800. 000 qualifizierte Frauen und Männer fehlen. Es brauche Weiterbildungs- und Umschulungs­projekte: „Es ist meine dringende Bitte, solche Vorhaben in den Wieder­aufbau­plänen der Mitglieds­staaten zu berücksichtigen.“ Über Arbeitsplätze wird Volkswagen-Chef Herbert Diess beim „Power Day“ bestimmt auch sprechen.

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